Nur Mut! Rückblick und Reflexion - 10 Jahre Bon Courage e.V.

Antirassismus- und Flüchtlingsarbeit im ländlichen Raum


Warum diese Broschüre? - Auszug aus dem Vorwort

Als der Verein Bon Courage e.V. am 06. Januar 2007 im sächsischen Borna, einer Kleinstadt südlich von Leipzig, ins Leben gerufen wurde, hat sich wohl niemand der damals an der Vereinsgründung Beteiligten die Frage gestellt, ob der Verein im Jahr 2017 weiterhin bestehen und darüber hinaus auch noch aktiv sein werde. Mittlerweile sind 10 Jahre vergangen und wir kennen die Antwort auf diese nicht gestellte Frage, denn Bon Courage e.V. begeht in diesem Jahr sein 10-jähriges Bestehen. Runde Geburtstage sind einerseits natürlich ein Grund zum Feiern, andererseits aber auch eine passende Gelegenheit, die Ereignisse und vereinsinternen Entwicklungsprozesse der vergangenen 10 Jahre im Zusammenhang zu erfassen und intensiv zu reflektieren, um Erfolge, aber auch Rückschläge sichtbar zu machen und die Ursachen zu analysieren. Diese Selbstreflexion ist eng mit dem Wunsch verbunden, die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur auf die kontinuierliche Weiterentwicklung des eigenen Vereins zu beziehen, sondern auch andere Akteur_innen an den Erfahrungen und den daraus gezogenen Konsequenzen teilhaben zu lassen.

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Das Cover der Broschüre "Nur Mut!".

Deshalb sollen zwei Ebenen verknüpft werden. Einerseits kann die Broschüre als Nachschlagewerk angesehen werden, in dem alle Projekte vorgestellt werden, die Bon Courage e.V. initiiert und umgesetzt hat. Akteur_innen, die gleiche oder ähnliche Themenfelder wie die von Bon Courage e.V. in den Fokus ihrer Arbeit gerückt haben, können die Broschüre als Ideengeber nutzen, um Inspirationen für die Planung und Durchführung eigener Projekte einzuholen. Andererseits soll die Broschüre auch als Handbuch fungieren, in dem Erfolge, Probleme wie auch Fehler bei der Planung, Umsetzung und Reflexion der Vereinsprojekte beleuchtet werden. Folglich dient die Broschüre als Ratgeber, um Erfahrungen positiver, aber auch negativer Natur weiterzugeben, die Erfolgschancen zukünftiger Projekte der genannten Akteur_innen zu maximieren und zugleich das Risiko zu minimieren, von Bon Courage e.V. gemachte Negativerfahrungen oder Fehler zu wiederholen. Damit diese beiden Ebenen auch optisch sichtbar werden, ergänzen drei Symbole die meisten Projektbeschreibungen: ein Pluszeichen, ein Minuszeichen sowie ein Ausrufezeichen. Darunter werden die Erfahrungen, die mit dem jeweiligen Projekt gesammelt wurden, zusammengefasst. Das Pluszeichen (+) versinnbildlicht in diesem Zusammenhang Strategien und Methoden, die sich bei der Planung und Durchführung von Projekten als positiv erwiesen haben und demnach auch zukünftig beibehalten werden sollten. Das Minuszeichen (-) steht für Negativerfahrungen, so dass die Planung und Durchführung gleicher oder ähnlicher Projekte hinsichtlich der genannten Punkte modifiziert werden sollte. Das Ausrufezeichen (!) symbolisiert Tipps und Tricks, die bei der Planung und Durchführung der jeweiligen Projekte hilfreich waren und bei der Umsetzung zukünftiger Projekte Berücksichtigung finden können. Eine schnelle Orientierung innerhalb der Broschüre wird durch ein chronologisch gegliedertes Inhaltsverzeichnis sowie ein thematisch strukturiertes Register gewährleistet. Während die inhaltliche Entwicklung des Vereins anhand des chronologischen Verzeichnisses deutlich wird, erfasst das Themenregister die verschiedenen Arbeitsfelder, auf denen Bon Courage e.V. tätig ist.


Vorgeschichte und Gründung

In der Nacht vom 23. zum 24. September 2005 greifen 15 bis 20 mit Schlagstöcken und Ketten bewaffnete Personen, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, eine Gruppe von alternativen Jugendlichen an, die sich im Bornaer Stadtpark aufhalten. Fahrräder, Kleidung und Rucksäcke der Jugendlichen werden zerstört und in den Teich geworfen; auf wehrlose, teilweise am Boden liegende Personen wird eingetreten und eingeschlagen; nach Personen, die in den angrenzenden Park flüchten konnten, wird mit Hunden und Taschenlampen gesucht. Ebenfalls angegriffen wird das Fahrzeug eines besorgten Vaters, der seine Tochter aus dem „Gefahrenbereich“ abholen will. Die überfallenen und traumatisierten Jugendlichen erleiden teils schwere Verletzungen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Am 22. September 2006 wird ein 15-jähriger Jugendlicher von Personen aus dem rechten Spektrum aus einem Bandproberaum in Borna entführt, mit dem Auto zum Volksplatz verschleppt und dort zusammengeschlagen. Er muss daraufhin in einer Klinik stationär behandelt werden. Parallel dazu wird in den Proberaum eingebrochen und Ausstattung sowie Technik entwendet. Am 07. April 2007 wird ein Vater im Beisein seiner Kinder in der Bahn von Borna nach Neukieritzsch von insgesamt 6 Personen aus dem rechten Klientel über die ganze Fahrtdauer hinweg brutal zusammengeschlagen. Anstoß zu der Gewalttat gibt der Migrationshintergrund des Mannes. Diese Angriffe sind lediglich drei von Dutzenden Gewalt- und Propagandadelikten, die Bon Courage e.V. in den Jahren 2005 bis 2014 in Form einer Chronik rechter Aktivitäten in und um Borna zusammengefasst hat. Nicht selten waren es (zukünftige) Vereinsmitglieder, die bei diesen Übergriffen beleidigt, bedroht und verprügelt wurden. Die Täter_innen entstammten in der Regel dem Umfeld des Bornaer Ablegers des Freien Netzes, eines 2007 ins Leben gerufenen Netzwerks rechter Kameradschaften aus Sachsen und Thüringen. Nicht nur ideologischen Rückhalt, sondern auch Räumlichkeiten erhielt das Freie Netz Borna durch den Verein Gedächtnisstätte, der sich aus Geschichtsrevisionist_innen und Holocaustleugner_innen rekrutierte, die u.a. dem 2008 verbotenen Verein Collegium Humanum angehörten. An Veranstaltungen auf dem Gelände des Gedächtnisstätte e.V. in der Röthaer Straße in Borna – so z.B. der Geburtstagsfeier des Wehrmachtsjagdfliegers Hajo Herrmann – nahmen bis zu 200 Alt- und Neonazis teil. Angesichts des rechten Potentials, das in Borna auch schon lange vor der Gründung des Freien Netzes aktiv war, sowie vor dem Hintergrund der Infrastruktur, die diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch den Gedächtnisstätte e.V. erhielten, ist es wenig verwunderlich, dass rechte Gewalt- und Propagandadelikte alsbald zum Alltag in Borna gehörten. Während Aufkleber, Plakate und Graffitis mit rechten Slogans und Symbolen immer mehr die Straßen Bornas säumten, verging so gut wie keine Woche, in der alternative Jugendliche oder Menschen mit Migrationshintergrund nicht verbal oder gar tätlich von Neonazis angegriffen wurden. Eine Gruppe Jugendlicher nahm schließlich die sich mehrenden Aktivitäten mit rechtem Hintergrund zum Anlass, angesichts dieses sich ausbreitenden Klimas der Angst nicht zu resignieren, sondern stattdessen einen antifaschistischen Gegenpol zu bilden. Ziel war es, die Bevölkerung Bornas über die rechten Strukturen innerhalb der Stadt aufzuklären und Gegenstrategien zu deren Aktivitäten zu entwickeln. Darüber hinaus strebte die Gruppe danach, aufgrund fehlender Freiräume einen alternativen Jugendclub in Borna entstehen zu lassen. Im Oktober 2006 trafen sich diese Jugendlichen schließlich, um sich darüber auszutauschen, wie man diesen beiden Zielen mit Hilfe konkreter Maßnahmen Gestalt verleihen könne. Die Gründung des Vereins Bon Courage e.V. am 06. Januar 2007 war letztendlich das Resultat dieser Gespräche. Ohne jegliches Vorwissen hinsichtlich der Gründung eines Vereins wurde an diesem Tag ein eingetragener wie auch später als gemeinnützig anerkannter Verein ins Leben gerufen. Die Idee für den Vereinsnamen kam von der Mutter eines Vereinsmitglieds, deren Intention es war, dass die Jugendlichen trotz der zahlreichen Neonaziaktivitäten weiterhin „guten Mutes“ (Bon Courage; französisch für „Viel Erfolg!“, „Kopf hoch!“, „Nur Mut!“) bleiben und nicht aufgeben sollten.


Vereinsinterne Entwicklungen

Schon wenige Wochen nach Gründung von Bon Courage e.V. zählte der Verein gut 30 Mitglieder. Der kontinuierliche Zulauf an neuen, zumeist jugendlichen Mitgliedern verdeutlichte, dass es durchaus Menschen in und um Borna gab, die der rechten Hegemonie in der Stadt sowie dem mangelnden kulturellen Angebot für Jugendliche nicht länger tatenlos gegenüberstehen wollten. Angesichts des Vorhandenseins eines eigenen Vereins, in dessen Rahmen man sich der Bewältigung der genannten Probleme würde widmen können, war die Motivation bei den meisten Vereinsmitgliedern dementsprechend hoch. Die Jugendlichen wollten handeln, ihre Ideen, Wünsche und Hoffnungen in Taten umgesetzt sehen. Langwierige Diskussionen, das konzentrierte Planen von Projekten, das Verteilen konkreter Aufgaben, die verantwortungsbewusst zu erfüllen sind, oder gar die Bewältigung bürokratischer Aufgaben erwiesen sich nicht immer kompatibel mit dem in den Jugendlichen brennenden Tatendrang. Die ersten Plenen, an denen in der Regel über 30 Vereinsmitglieder teilnahmen, waren demzufolge von Kreativität, aber eben auch strukturloser Unruhe geprägt. Eine Maßnahme, diese chaotischen Zustände der Produktivität wegen in geordnete Bahnen zu lenken, war die Trennung der Plenen in eine Vorstandssitzung und eine sich anschließende Mitgliedersitzung. Während der Vereinsvorstand sich erst im kleinen Kreis der Bearbeitung bürokratischer Aufgaben widmen konnte, bot die Mitgliedersitzung die Möglichkeit, sich gemeinsam mit allen interessierten Mitgliedern über die Realisierung zukünftiger Projekte zu verständigen. So sah zumindest die Theorie aus. In der Praxis kristallisierte sich jedoch im Laufe der Zeit ein ungewolltes Hierarchiegefälle zwischen dem Vereinsvorstand auf der einen und den übrigen Mitgliedern auf der anderen Seite heraus. Zwar gab es während des gesamten bisherigen Bestehens von Bon Courage e.V. keinen Zeitpunkt, an dem eine Mitarbeit der Mitglieder nicht gewünscht oder nicht möglich war. Rückblickend betrachtet wirkte sich jedoch eben jene Trennung als Hemmschwelle für die meisten Mitglieder aus, sich aktiv(er) in das Vereinsleben einzubringen. Als der Vereinsvorstand diese Entwicklung erkannt hatte, war es jedoch schon zu spät, um wirkungsvolle Gegenmaßnahmen zu ergreifen und die Mitglieder zu einer aktiveren Mitarbeit zu bewegen. Die Idee, die Mitglieder in Form eines regelmäßig erscheinenden Newsletters über die Vereinsarbeit zu informieren und sie somit wieder enger an den Verein zu binden, scheiterte aufgrund fehlender Zeitressourcen. Ebenso wenig fruchtete der Gedanke, die Vereinsmitglieder gruppenweise auf jeweils eine_n Vorstandsangehörige_n aufzuteilen, der_die selbige über Neuigkeiten des Vereins informiert und intensiveren Kontakt mit ihnen pflegt, indem er_sie sie beispielsweise persönlich zu anstehenden Plenen oder Vereinsveranstaltungen einlädt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wirkte der Vorstand für Außenstehende gewiss wie ein wenig transparentes, gut eingespieltes Team, das nicht auf Hilfe angewiesen ist. Hinzu kam das allmählich fortschreitende Alter der Vorstandsmitglieder, das gerade für jüngere Mitglieder als zusätzliche Hemmschwelle angesehen werden kann. In diesem Zusammenhang ist es nachvollziehbar, dass eine Gruppe von jüngeren alternativen Jugendlichen mit der d.a.s.-Jugend eine eigene Gruppe in Borna gründete, die zumindest bei der Realisierung diverser Projekte mit Bon Courage e.V. zusammengearbeitet hat. Obendrein sind viele (ehemalige) Vereinsmitglieder im Zuge von Ausbildung oder Studium aus Borna weggezogen, was das Interesse und Mitwirken am Verein endgültig beendete. Trotz aller berechtigten Selbstkritik des Vorstands ist dessen soeben beschriebene Schwäche, ein eingespieltes Team zu sein, zugleich auch seine Stärke. Wenngleich der Vorstand in der Vergangenheit immer wieder von Fluktuationserscheinungen geprägt war, so hat sich über die Jahre hinweg doch eine Kerngruppe herausgebildet, deren Zusammenarbeit hervorragend funktioniert. Jede_r dieser lediglich eine gute Handvoll Personen umfassenden Kerngruppe verfügt über ganz individuelle Interessen, Fähigkeiten und Kontakte, die das Verteilen von Aufgaben erleichtern und somit in gebündelter Form in die Vereinsarbeit einfließen. Die thematische Vielseitigkeit des Vereins wie auch der methodische Facettenreichtum bei der Umsetzung der Projekte eröffnen hierbei ein weites Feld der Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung.


Arbeitsfelder

Betrachtet man die Arbeitsfelder von Bon Courage e.V., so werden drei Schwerpunkte deutlich, die jedoch nicht scharf voneinander abzugrenzen sind, sondern vielmehr fließend ineinander übergehen. Vor dem Hintergrund der Hegemonie rechter Strukturen in und um Borna ist es wenig verwunderlich, dass das erste Aufgabenfeld durch antifaschistische Aufklärungs- und Bildungsarbeit abgedeckt wird, der sich Bon Courage e.V. vor allem in den ersten Jahren seines Bestehens sehr intensiv gewidmet hat. Wenngleich anfänglich eher von einem z.T. unkoordinierten Reagieren auf lokale Neonazistrukturen und –aktivitäten gesprochen werden muss, so kann Bon Courage e.V. nichtsdestotrotz eine zügige Strukturierung wie auch allmähliche Professionalisierung hinsichtlich dieses Aufgabenfelds attestiert werden. Belegen lässt sich dieser Entwicklungsprozess beispielhaft anhand der drei Projekttage „Faschismus – gestern, heute, niemals wieder!“, die nur wenige Monate nach Gründung des Vereins initiiert wurden und als erste Maßnahme angesehen werden können, um die einheimische Bevölkerung über Ideologie, Strukturen und Aktivitäten der rechten Szene aufzuklären. Hinzu gesellte sich im Rahmen dieses Aufgabenfelds die Tatsache, dass der Verein 2008 erstmals eine Gedenkstättenfahrt in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz organisiert hat – wohlgemerkt die erste von bislang neun von Bon Courage e.V. durchgeführten Gedenkstättenfahrten. Darüber hinaus hat es sich Bon Courage e.V. im Rahmen eines zweiten Arbeitsschwerpunkts frühzeitig zur Aufgabe gemacht, das kulturelle Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene mit Hilfe eigener Veranstaltungen zu bereichern. Die Flimmerstunde, bei der das gemeinsame Schauen von Dokumentar- und Spielfilmen mit einführenden Inputreferaten und anschließenden Diskussionsrunden verbunden wurde, die Organisation zahlreicher Workshops, Lesungen und Vorträge oder die zweimal unter dem Motto KrimsKrams stattgefundenen Kulturtage für Jugendliche können hier beispielhaft Erwähnung finden. Das Arbeitsfeld, das sich seit einigen Jahren nunmehr zum Schwerpunkt der Vereinsarbeit entwickelt hat, ist die Beschäftigung der Vereinsmitglieder mit den Themenfeldern Flucht, Asyl und Migration. Neben einer mehrfach durchgeführten Weihnachtsgeschenkaktion für Geflüchtete, übte der Verein u.a. gemeinsam mit Asylbewerber_innen Kritik am Gutscheinsystem, gründete gemeinsam mit geflüchteten Frauen die Internationale Gruppe Ladykracher und bietet bis zum heutigen Tag regelmäßig Beratungen für asylsuchende Menschen an. Angesichts der deutschland- wie auch weltpolitischen Entwicklung nimmt Bon Courage e.V. auf diesem Feld durch seine Arbeit zweifelsohne eine Vorreiterrolle ein. Rückblickend betrachtet standen einige der im Rahmen dieser drei Arbeitsfelder durchgeführten Projekte hinsichtlich ihres erforderlichen Aufwands und des gewonnenen Nutzens in keinem günstigen Verhältnis. Die vereinsinterne Reflexion verstärkte im Nachhinein zudem den Blick für inhaltliche Schwachstellen und Kritikpunkte des einen oder anderen Projekts. So erwies sich das Wort „Toleranz“, welches im Motto der von Bon Courage e.V. im Februar 2008 in Borna organisierten Demonstration auftaucht, beispielsweise als kritikwürdig. Abgeleitet von seiner lateinischen Wortherkunft bedeutet „tolerare“ lediglich „erdulden“. Ziel des Vereins ist aber, Menschen anderer Herkunft oder sexueller Orientierung nicht nur zu erdulden, sondern ihnen mit Respekt gegenüberzutreten. Darüber hinaus entschloss sich Bon Courage e.V. dazu, die von ihm 2008 erarbeitete Ausstellung „Pfui! Wie sieht das denn aus?“ trotz der positiven Wirkungsabsicht, Diskriminierungen aufgrund einer nonkonformen Optik entgegenzuwirken, künftig nicht mehr zur Ausleihe zur Verfügung zu stellen. Die Ausstellung sollte zeigen, dass sich auch subkulturell gekleidete Menschen mittels ihres sozialen oder politischen Engagements durchaus positiv in die Gesellschaft einbringen. Der Verein gelangte aber zu der Erkenntnis, dass auch sich subkulturell kleidende Menschen nicht nur auf der Grundlage ihres gesellschaftlichen Engagements bewertet werden können und dürfen und dass es durchaus legitim ist, sich bewusst von der hiesigen Gesellschaft abzugrenzen. Die Weihnachtsgeschenkaktion für Asylsuchende bot zudem zwar eine gute Gelegenheit, um mit den Bewohner_innen der Asylbewerber_innenheime rings um Borna in Kontakt zu treten. Das Verteilen von Geschenken kann jedoch nicht als Projekt angesehen werden, das auf Augenhöhe mit den Geflüchteten stattfindet. Das bloße Geschenkeverteilen ist nicht dazu geeignet, die Asylsuchenden im Sinne des Empowerments zu ermächtigen, (wieder) selbst Entscheidungskraft bezüglich ihrer eigenen Belange zu erlangen. Demgegenüber kann beispielsweise den Gedenkstättenfahrten von Anfang an ein hohes qualitatives Niveau attestiert werden, das der Verein durch die jährlich stattfindenden Weiterbildungen „Aus Geschichte lernen“ zu halten und zu erhöhen sucht. Insgesamt betrachtet kann festgehalten werden, dass quasi sämtliche Projekte durch learning by doing (englisch für Lernen durch Handeln) entstanden sind. Dass Bon Courage e.V. bei dem daraus resultierenden, überaus großen Zugewinn an Erfahrungen hierbei auch lernen musste, mit Fehlern, Konflikten und Rückschlägen umzugehen, liegt in der Natur der Sache. Dennoch überwiegen die Erfolge des Vereins, die eng mit dem im Laufe der Zeit hinzugewonnenen Erfahrungsschatz, aber auch mit der allmählichen Professionalisierung der Vereinsarbeit zusammenhängen. So sind die Vereinsmitglieder mittlerweile geübt darin, Aufgaben zu verteilen, Projekte klar strukturiert zu konzipieren, Förderanträge zur Finanzierung zu schreiben oder selbst Vorträge zu halten bzw. Workshops durchzuführen. Um diesen Erfahrungsschatz nicht nur zur Umsetzung eigener Ziele zu nutzen, sondern auch anderen Akteur_innen zur Verfügung zu stellen, ist der Verein jederzeit gern dazu bereit, Wissen, Erfahrungen und Kontakte an Interessierte weiterzugeben.


Anfeindungen gegenüber Bon Courage e.V.

Wer sich gegen Neonazis und Rassist_innen engagiert oder sich für die Rechte von Geflüchteten einsetzt, wie es Bon Courage e.V. angesichts der beschriebenen Arbeitsfelder seit nunmehr 10 Jahren betreibt, muss sich – gerade in Sachsen – auf z.T. heftigen Gegenwind einstellen. Nachdem der Versuch gescheitert war, Vereinsräume über die damalige Stadtverwaltung zu erhalten, bot der Kreisverband der Linkspartei Bon Courage e.V. an, deren Räumlichkeiten in der Wilhelm-Külz-Straße für die Vereinsarbeit mit zu nutzen. Beim fortan gemeinsam genutzten Büro wurden innerhalb des Monats Juli im Jahr 2007 gleich zweimal die Scheiben eingeworfen. Nach einem Umzug in Büroräume eines Gebäudes, welches sich in unmittelbarer Nähe des Bornaer Markts befindet, wurde dieses im Februar 2010 im Anschluss an einen verhinderten Neonaziaufmarsch in Dresden mit Parolen wie „Krieg hat begonnen“ besprüht - Parolen, die sich unmissverständlich an Bon Courage e.V. richteten. Nur wenige Tage nach der Eröffnung des neuen Vereinsbüros in der Kirchstraße erfolgte Mitte Mai 2016 der jüngste Angriff auf die vom Verein genutzten Räumlichkeiten. Hierbei wurden mit großen Pflastersteinen mehrere Fensterscheiben zerstört, um die Räume anschließend mit Buttersäure anzugreifen. Ergänzt wurden derartige Sachbeschädigungen durch Propagandadelikte, wie z.B. das Verstreuen Dutzender Wurfschnipsel auf öffentlichen Plätzen, die unter anderem den Slogan „Zerschlagt die Lügen von Bon Courage!“ zeigten. Darüber hinaus finden immer wieder anonyme Briefe den Weg zu Bon Courage e.V., in denen der Verein und seine Mitglieder beleidigt oder gar bedroht werden. Angefeindet wurde Bon Courage e.V. in der Vergangenheit jedoch auch immer wieder von konservativen Politiker_innen, die versuchten, die Vereinsarbeit beispielsweise im Rahmen von Leser_innenbriefen in den lokalen Zeitschriften zu diskreditieren. Ein derartiges Agieren befeuerte Vorurteile innerhalb der Bornaer Bevölkerung, die darin gipfelten, dass dem Verein alsbald der Ruf anhaftete, bei seinen Mitgliedern handle es sich um „linke Bombenleger“. Dieser Ruf behinderte, dass Vereinsveranstaltungen von der Bevölkerung im Rahmen der Möglichkeiten besucht wurden oder sich potentielle Unterstützer_innen mit Bon Courage e.V. solidarisierten oder sich zu politischen Themen positionierten, da die Angst groß war – und immer noch ist –, öffentlich als „links“ zu gelten. Zu den rechten Aktivitäten in Borna hat sich zumindest die Initiative für Demokratie und Zivilcourage (kurz IDZ) öffentlich positioniert. Zugleich kam es jedoch auch punktuell zu Diskrepanzen zwischen der IDZ und Bon Courage e.V., als der Verein eine Veranstaltung mit dem Rote Hilfe e.V. organisieren wollte, der über das Verhalten sowie die Rechte und Pflichten während Demonstrationen aufklären sollte. Hintergrund für die Unstimmigkeiten bildete die Einschätzung des Rote Hilfe e.V. seitens des Verfassungsschutzes als „linksextremistisch“.


Vereinsinterne Weiterentwicklung

Auch wenn die oben beschriebenen Anfeindungen und Konflikte für den Verein oft zeit- und kräfteraubend waren, so erwiesen sie sich doch zugleich als geeignete Gelegenheiten, sich intern über das eigene politische Selbstverständnis des Vereins auszutauschen. Dieser Prozess der Selbstreflexion begleitet den Verein bis heute und wurde in der Vergangenheit durch das Hinzukommen neuer Mitglieder und deren Ideen und politischen Anschauungen immer wieder vorangetrieben. So werden die Ziele, die Bon Courage e.V. erreichen möchte, aber auch die Grenzen, die ihm zuweilen gesetzt sind, kontinuierlich ausgelotet. In diesem Zusammenhang wurden beispielsweise immer wieder Gespräche darüber geführt, von welchen Institutionen der Verein Fördermittel annimmt, ohne die eigenen Ideale angesichts der damit einhergehenden Förderrichtlinien aufs Spiel zu setzen. Noch intensiver wurde über den Anspruch diskutiert, wie Bon Courage e.V. auch als eingetragener, gemeinnütziger Verein an der Umsetzung möglichst radikaler, d.h. problemlösender Ansätze festhalten kann. Diese z.T. nonkonformen Ideale in die Öffentlichkeit zu tragen, um sie dort zu etablieren, erwies sich immer wieder als steiniger Weg, da Bon Courage e.V. im Gegensatz zu ähnlich ausgerichteten Initiativen, die in Großstädten wie Leipzig aktiv sind, auf wenig bis gar keine Unterstützung vor Ort hoffen konnte. Über die Jahre hinweg hat Bon Courage e.V. in dieser Hinsicht mittlerweile jedoch zahlreiche regionale Akteur_innen kennengelernt, woraufhin sich mit vielen jener Akteur_innen eine erfolgreiche Zusammenarbeit entwickelt hat. Diese Haltung, sich zwar stets selbstkritisch zu hinterfragen, jedoch den eigenen Idealen die Treue zu halten und sich von etwaigen Rückschlägen nicht beirren zu lassen, hat dem Verein im Laufe der Jahre aber auch Respekt eingebracht. Diese Anerkennung spiegelte sich u.a. in der Verleihung diverser Preise wider. Vereinsintern wurde beispielsweise heftig über die Annahme des Sächsischen Integrationspreises im Jahr 2011 debattiert. Des Weiteren wurde das Engagement der Frauengruppe Ladykracher 2015 mit dem Preis Menschen und Erfolge gewürdigt. Aber auch für den Umgang mit dem Buttersäureanschlag auf die Büroräumlichkeiten im Mai 2016 erwarb sich Bon Courage e.V. hohes Ansehen, als Vereinsmitglieder die Beratungsgespräche mit Asylsuchenden bereits am nächsten Tag auf dem angrenzenden Kirchplatz unter freiem Himmel fortsetzten. Eine regelrechte Welle der Solidarität sowie umfangreiche mediale Aufmerksamkeit war die Folge für das unbeirrte Fortsetzen der Vereinsarbeit. Öffentliche Anerkennung und Respekt haben den Verein in seinem Handeln zwar stets gestärkt, waren aber nie das erklärte oder gar oberste Ziel seiner Mitglieder. Stattdessen war Bon Courage e.V. immer bestrebt, rechten Ideologien bzw. Aktivitäten und Rassismus jeglicher Couleur – sei es auf der Straße, auf Gesetzesebene oder im institutionellen Rahmen von Ämtern und Behörden – entschlossen und nachhaltig entgegenzutreten. Die traurigen Ereignisse in der Welt, in Deutschland, aber auch vor allem in Sachsen – so z.B. das Massensterben flüchtender Menschen an den europäischen Außengrenzen, die langjährige Mordserie des NSU oder die rassistischen Pogrome in Städten wie Freital oder Heidenau – haben mehr als deutlich gezeigt, dass es auch weiterhin eines derartigen antifaschistischen wie auch antirassistischen Engagements bedarf. Trotz – oder gerade wegen – all dieser Ereignisse und Entwicklungen wird sich Bon Courage e.V. auch künftig darum bemühen, nicht die Hoffnung auf ein menschenwürdiges sowie von Respekt und Solidarität geprägtes Dasein aufzugeben und trotz aller Widrigkeiten wie schon vor 10 Jahren auch weiterhin „guten Mutes“ zu sein. Dass Bon Courage e.V. mit seinem Engagement glücklicherweise nicht auf alleinigem Posten aktiv ist, belegen die vielen Einzelpersonen, Initiativen und Organisationen, die sich mit dem Verein in den vergangenen 10 Jahren solidarisch gezeigt, ihn unterstützt oder eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Hierfür möchte sich Bon Courage e.V. recht herzlich bei allen Unterstützer_innen bedanken und hofft auch weiterhin auf gute Zusammenarbeit.