Gedenkstättenfahrt in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

*4. bis 9. April 2012

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Es sollte die letzte Gedenkstättenfahrt des Vereins Bon Courage e.V. in das polnische Städtchen Oswiecim, von tragischer Bekanntheit unter dem deutschen Namen Auschwitz, sein. Doch nach einer weiteren gelungenen Fahrt ist klar, dass dieses einmalige Angebot in Sachen politischer und kultureller Bildung für Jugendliche in und um Borna auch in Zukunft wieder möglich wird.

Im Rahmen der diesjährigen Fahrt haben wir besonderes Augenmerk auf die Geschichte der Sinti und Roma gelegt, welche ebenfalls vom NS-Regime verfolgt und systematisch ermordet wurden. Hierzu trafen wir VertreterInnen der Sinti und Roma Gesellschaft sowie einen Zeitzeugen, die uns im Dialog und durch Präsentationen viele Informationen übermitteln und zahlreiche Fragen beantworten konnten.

Vor allem das Gespräch mit dem Zeitzeugen, Herrn Paczkowski, stellte ein besonderes Ereignis dar. Der durch lange Gefangenschaft, Zwangsarbeit und Folter physisch und psychisch gezeichnete Mann überlebte fünf Konzentrationslager und konnte auf eine sehr emotionale Weise von den beispiellosen Gräueltaten der Nationalsozialisten berichten. Solche Treffen, welche aus biologischen Gründen sehr bald nicht mehr möglich sein werden, geben einzigartige Einblicke und sind als „Geschichte zum Anfassen" von großem menschlichen und didaktischen Wert. Dies unterstreicht noch ein Mal, wie wichtig es ist, dass ein solches Angebot für die Jugend in Borna und Umgebung bestehen bleibt.

Natürlich besichtigten wir auch das Stammlager in Auschwitz mit den dazu gehörigen Museumsausstellungen sowie das Vernichtungslager Birkenau. Die Ausmaße der dort stattgefunden Verbrechen sind durch die schiere Größe der Anlagen nur zu erahnen.

Am Abend fanden wir uns in kleinen Gruppen zu den Reflektionsrunden zusammen, um uns gemeinsam über das Erlebte auszutauschen. Dabei konnte man Gedanken und Gefühle teilen und auch inhaltliche Fragen klären. Dies hilft nicht nur beim Verarbeiten der Erfahrungen und erweitert den eigenen Blickwinkel, sondern schafft auch den Weg zum Ausklang des Tages mit gemütlichem Beisammensein.

Nun bleibt noch ein Mal zu betonen, dass wir nach dieser erfolgreichen Fahrt alles daran setzen werden, dieses Projekt auch im nächsten Jahr wieder anzubieten. Ein solcher Besuch ist unerlässlich für die geschichtliche und politische Bildung, wird jedoch von Schulen in Borna leider nur unzureichend angeboten. Daher sollte klar sein, dass die Fortsetzung dieses einmaligen Angebotes in Sachen Aufklärung, Entwicklung von gegenseitigem Respekt sowie historischem und sozialem Bewusstsein von zentraler Bedeutung ist.

Erinnern heißt Handeln

Getreu dem Gedanken „Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ organisierte der aus Borna bei Leipzig stammende Verein Bon Courage e.V. auch im Jahr 2012 nunmehr zum fünften Mal eine fünftägige Gedenkstättenfahrt in das ehemalige Vernichtungs- und Konzentrationslager im polnischen Auschwitz. In der Nacht vom 04. auf den 05. April brachen insgesamt 23 interessierte Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Raum Leipzig – begleitet von vier TeamerInnen und Teamern des Vereins – mit dem Bus Richtung Polen auf, um eine Zeitreise in das zweifelsohne düsterste Kapitel der deutschen, ja gar der gesamten Menschheitsgeschichte zu wagen. Wie bereits in den vorangegangenen Jahren bildeten die beiden mehrstündigen Führungen durch die Lagerabschnitte Auschwitz I – das so genannte Stammlager – und Auschwitz II – besser bekannt als Auschwitz-Birkenau – erste Möglichkeiten, sich diesem schwierigen, emotional aufrüttelnden Themenkomplex totaler Vernichtung anzunähern. Darüber hinaus hatte sich der Verein bei der Planung der Bildungsreise erstmalig einen thematischen Schwerpunkt gesetzt, in dessen Rahmen das oftmals wenig beachtete Schicksal der Sinti und Roma im KZ Auschwitz näher beleuchtet werden sollte. Folglich wohnte die Gruppe im Zentrum für Gebet und Dialog in Oswiecim einem etwa einstündigen Vortrag von Joanna Kwiatkowska bei. Hierbei vermittelte die Vertreterin der Sinti und Roma-Gesellschaft Oswiecim einen informativen Überblick über die Herkunfts- und Entwicklungsgeschichte der Sinti und Roma von deren Ansiedlung auf europäischen Raum im Mittelalter über erste Konflikte im 15. Jahrhundert, die über Jahrhunderte hinweg immer wieder erneut aufflammten und schließlich in der Erfassung, Verfolgung und Deportation während des Dritten Reiches gipfelten. Ebenso ging sie auch auf die teilweise sehr schwierige Situation der Sinti- und Roma-Gemeinschaft in der Gegenwart ein. Auf diesem Grundlagenwissen baute anschließend die Multimediapräsentation einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte Auschwitz auf, mit Hilfe derer diverse Einzelschicksale von im KZ Auschwitz inhaftierten Sinti und Roma näher untersucht wurden. Weiter vertieft wurden die hier gewonnenen Erkenntnisse durch das Zeitzeugengespräch mit Herrn Edward Paczkowski. Der am 30. März 1930 in der polnischen Kleinstadt Grabow geborene Rom überlebte als Einziger seiner Familie den Völkermord der Nationalsozialisten an den Sinti und Roma. Als Zwölfjähriger ist er als Mitglied einer polnischen Untergrundorganisation beim Versuch, deutsche Panzer zu zerstören, verhaftet und in Auschwitz inhaftiert worden, worauf 1944 und 1945 Deportationen in die Konzentrationslager Buchenwald, Harzungen und Bergen-Belsen folgten. Die erschreckenden Ausführungen des mittlerweile 82-Jährigen über das menschenverachtende Leben in den Lagern bildeten ohne jeden Zweifel den emotionalen Höhepunkt für alle Beteiligten dieser Fahrt. Um einen kleinen Beitrag zur Erhaltung der Gedenkstätte zu leisten, verrichtete die Gruppe im Laufe eines Vormittags verschiedene Erhaltungsarbeiten auf dem Gelände des Stammlagers. Zum Gedenken an die unzähligen Opfer, die im KZ Auschwitz ihr Leben lassen mussten, erhielten alle Mitreisenden darüber hinaus die Möglichkeit, eine Kerze oder eine Blume im Stammlager niederzulegen. Da die Ausmaße der Eindrücke ideologischen Vernichtungswahns und daraus resultierendem Leid, Elend und Tod erfahrungsgemäß sehr erdrückend auf die Teilnehmenden wirken, erhielten diese jeden Abend die Gelegenheit, das über den Tag hinweg Erlebte in Kleingruppen zu reflektieren und somit ihre Erfahrungen und Gedanken untereinander auszutauschen. Bevor die Gruppe für die letzten eineinhalb Tage nach Krakau aufgebrochen ist, begaben sich die Teilnehmenden in Form einer Stadtführung auf Spurensuche nach jüdischem Leben in Auschwitz, bei der u.a. der Ort der ehemaligen Fabrik der jüdischen Familie Haberfeld und der ehemaligen Großen Synagoge sowie der jüdische Friedhof Oswiecims und die noch existierende Synagoge, die während der deutschen Besatzungszeit als Munitionslager diente, besichtigt wurden. Die in Oswieicm begonnene Spurensuche setzte sich schließlich auch in Krakau fort, bei der der Gruppe u.a. der ehemalige Deportationsplatz, ein Teil der Mauer, die einstmals das jüdische Ghetto Krakaus umgab oder der nahe dem Ghetto liegende Steinbruch, in dem Jüdinnen und Juden Zwangsarbeit verrichten mussten, gezeigt wurden. Darüber hinaus bestand auch die Möglichkeit, die ehemalige Emaillewarenfabrik Oskar Schindlers und die dazugehörige Ausstellung über die deutsche Besatzung Polens zu besuchen. Voller Eindrücke und Erfahrungen, die das von den Nationalsozialisten angerichtete Grauen eindringlich verdeutlicht haben, begab sich die Reisegruppe am Abend des 09. Aprils auf die Heimreise zurück nach Deutschland. Erneut hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, gerade auch jungen Menschen die Schrecken des Nationalsozialismus direkt vor Ort näher zu bringen, um sie vor Verfälschung oder schlimmstenfalls gar dem Vergessen zu bewahren.