Auf den Spuren nationalsozialistischer Verbrechen

Gedenkstättenfahrt 2016: Warschau – Treblinka – „Wolfsschanze“ – Danzig – Stutthof

Bereits seit 2008 organisieren wir über unseren Verein Bon Courage e.V. jedes Jahr eine Gedenkstättenfahrt, die 20 Jugendliche und jungen Erwachsene über die Osterfeiertage nach Polen führt, damit wir uns hier gemeinsam auf die Spuren nationalsozialistischer Verbrechen begeben können, die während des Zweiten Weltkriegs vor allem im Zuge der Shoa begangen worden sind. Nachdem wir in der Vergangenheit bereits sieben Fahrten in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz sowie eine Fahrt in den östlichen Teil Polens durchgeführt haben, um dort u.a. die Gedenkstätten Majdanek und Belzec zu besichtigen, stand diesmal der Norden jenes Landes im Fokus unserer Planungen. Von der Hauptstadt Warschau aus wollten wir die Gedenkstätte Treblinka und das ehemalige Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ besichtigen, um die verbleibenden Tage in Danzig an der Ostseeküste zu verweilen und von hier aus einen Tag im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof zu verbringen. Nachdem wir das Programm erarbeitet hatten, begann unser vierköpfiges Team damit, einen Bus sowie Unterkünfte und Führungen zu buchen und die Fahrt zu bewerben. Es dauerte auch gar nicht lang, bis die ersten Interessenten ihre Teilnahme ankündigten. Wer durch die nun folgenden Zeilen Interesse entwickeln sollte, selbst einmal mitzufahren, kann sich gern mit uns unter info@boncourage.de in Verbindung setzen.

27. März 2016 Warschau

In der Vergangenheit markierte die gegen Mitternacht in Deutschland erfolgte Abfahrt den Beginn der meisten der von unserem Verein seit 2008 organisierten Gedenkstättenfahrten. Nachdem wir den verbleibenden Rest der Nacht für die Anreise nach Polen eingeplant hatten, war der erste Programmpunkt unserer Bildungsreisen für den frühen Vormittag des kommenden Tages angesetzt. Mit der Zeit erkannten wir jedoch, dass nur die wenigsten von uns eben jene Zeit schlafend im Bus verbrachten, was stets zur Folge hatte, dass viele von uns nach der Ankunft müde und wenig aufnahmebereit für das waren, was die Programmpunkte des folgenden Tages boten. Demzufolge entschieden wir uns, lieber tagsüber zu fahren und einen Tag für die Anreise einzuplanen, um somit gewährleisten zu können, dass alle TeilnehmerInnen nach der Ankunft genügend Schlaf in der jeweiligen Unterkunft erhalten würden, um ausgeruht für all das zu sein, was sie in den kommenden Tagen erwarten würde. Und so holte unser Busfahrer am Vormittag dieses Sonntags erst die eine Hälfte der TeilnehmerInnen am Bahnhof in Burgstädt und dann die andere Hälfte am Leipziger Hauptbahnhof ab. Nach gut zehnstündiger Fahrt, in der wir uns die Zeit mit Quatschen, Lesen oder dem Schauen von Filmen vertrieben, passierten wir schließlich die Stadtgrenze der polnischen Hauptstadt. Nachdem wir unserer Unterkunft – das nach der berühmten Anarchistin Emma Goldman benannte Emma-Hostel – erreicht und unsere Zimmer bezogen hatten, erwartete uns erst einmal ein leckeres Abendessen in Form von Sojaschnitzeln, Kartoffelpüree und roter Beete, das zuvor von uns bei einem nahe gelegenen veganen Imbiss geordert und dankenswerter Weise direkt ins Hostel geliefert worden ist. Gut gesättigt stellten wir uns alle noch einmal im Rahmen einer in dem kleinen Aufenthaltsraum des Hostels durchgeführten Kennenlernrunde vor, um anschließend kurz die einzelnen Programmpunkte des folgenden Tages zu besprechen. Abschließend wollten wir den Tag gemütlich in einer Kneipe ausklingen lassen. Auf dem Hinweg tauschten einige von uns in weiser Voraussicht am Bankautomaten etwas Geld, da es sich in den nächsten zwei Tagen als sehr schwer erweisen würde, aufgrund der Feiertage und der folglich geschlossenen Wechselstuben an polnische Zloty zu gelangen. Die von uns anvisierte Kneipe erwies sich leider als hoffnungslos überfüllt, zumal wir ja obendrein auch eine recht große Gruppe waren. So kehrten wir geradewegs zum Hostel zurück, deckten uns zuvor aber in einem am Straßenrand gelegenen Spätverkauf noch mit einigen Getränken ein. Da unser Achtpersonenzimmer den meisten Platz bot, versammelte sich folglich der größte Teil der Gruppe in unserem Raum, um sich noch bis spät in die Nacht hinein zu unterhalten.

28. März 2016 Warschau

Im Anschluss an das reichhaltige Frühstück im Hostel, durchstreifte ich bei schönstem Sonnenschein auf der Suche nach dem Przychodnia-Squat die angrenzenden Straßenzüge. Jenes besetzte Haus war zwar schnell gefunden, erwies sich aber als verriegelt und verrammelt. Diese Sicherheitsvorkehrungen sind aber wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Squat in der Vergangenheit zum Teil sehr heftigen Angriffen seitens rechter Hooligans ausgesetzt war. Den ersten offiziellen Programmpunkt dieses Montags bildete der Besuch des Museums für die polnischen Juden POLIN. Ursprünglich hatten wir angedacht, diesen Museumsbesuch erst am Vormittag des nächsten Tages durchzuführen, um ein Übermaß an Input durch den Besuch zweier Museen an einem Tag zu vermeiden. Allerdings machten uns die Öffnungszeiten einen Strich durch die Rechnung, so dass wir erst das bereits erwähnte Museum und am Nachmittag dieses Tages das Museum des Warschauer Aufstands besichtigten. Da wir recht gut in der Zeit lagen, entschieden wir uns, auf die Straßenbahn zu verzichten und zu Fuß den Weg zum Museum zu bestreiten, das sich in unmittelbarer Nähe des Denkmals für die Ghettohelden auf dem Gebiet des ehemaligen jüdischen Ghettos von Warschau befindet. Nachdem wir das architektonisch beeindruckende Gebäude betreten und den für jüdische Einrichtungen leider erforderlichen Sicherheitscheck passiert hatten, begrüßte uns eine sympathische Frau in sehr gutem Deutsch, die uns in den kommenden zwei Stunden einen Überblick über die verschiedenen Ausstellungsbereiche des sehr umfangreichen Museums vermitteln würde. An der Rekonstruktion einer jahrhundertealten Holzsynagoge beginnend führte sie uns durch das jüdische Dasein im Polen des Mittelalters, der Frühen Neuzeit sowie der Zeitgeschichte. Hierbei wurden uns nicht nur Einblicke in die Religion des Judentums, sondern auch in das vor allem in der Zwischenkriegszeit florierende Leben jüdischer Literatur, Filme und Musik sowie in die Entfaltung eines jüdischen Erziehungs- und Bildungswesens – vor allem unter Federführung des berühmten jüdischen Pädagogen Janusz Korczak – gegeben. Umso erschreckender ist es, dass all dies, all diese kulturelle Vielfalt, dieser Ideenreichtum, dieses Wissen im Zuge des Zweiten Weltkriegs und der damit einhergehenden Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung von Millionen von Jüdinnen und Juden – z.T. unwiederbringlich – ausgelöscht worden ist. In Ghettos wie jenem in Warschau unter katastrophalen Lebensverhältnissen zu Hunderttausenden zusammengepfercht, in Konzentrationslagern bis zur tödlichen Erschöpfung wirtschaftlich ausgebeutet, in Vernichtungslagern wie in Belzec, Sobibor oder Treblinka zu Millionen ermordet. Die Shoa bzw. der Holocaust nahm demzufolge einen dementsprechend großen Raum innerhalb der Ausstellung ein, schließlich handelt es sich hierbei um einen in der Menschheitsgeschichte zweifellos einzigartigen Genozid. Der letzte Teil der Ausstellung widmete sich schließlich dem jüdischen Leben in Polen nach 1945 bis in die Gegenwart hinein. Insgesamt ein sehr zu empfehlendes Museum, dessen Besuch für all jene ertragreich ist, die das jüdische Dasein nicht ausschließlich auf die Shoa beschränkt sehen, sondern mehr über die Vielfalt (einstigen) jüdischen Lebens erfahren möchten, um zugleich aber auch die traurige Tragweite der antisemitischen Vernichtung während des Zweiten Weltkriegs zu erfassen. Wer auf der Suche nach entsprechender Literatur ist, wird sich beim Besuch des Museumsshop jedoch mit einer eher überschaubaren Auswahl an deutsch- bzw. englischsprachigen Büchern zufriedengeben müssen.

Jüdisches Leben in Polen

Die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Polen begann vor mehr als einem Jahrtausend. Sie reicht von einer langen Periode der religiösen Toleranz und eines relativen Wohlstands der jüdischen Bevölkerung des Landes bis zu ihrer fast vollständigen Vernichtung während der deutschen Besetzung Polens. Im 10. Jahrhundert kamen die ersten Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des modernen Polen an. Bei ihrer Reise entlang der Handelsrouten in östlicher Richtung nach Kiew und Buchara durchquerten die jüdischen HändlerInnen auch Polen. Die erste umfangreiche jüdische Emigration von Westeuropa nach Polen ereignete sich zur Zeit des Ersten Kreuzzugs im Jahre 1096. Die Jüdinnen und Juden genossen ungestörten Frieden und Wohlstand in den vielen polnischen Herzogtümern. Sie bildeten den Mittelstand in einem Land, dessen Bevölkerung aus Grundherren und Bauern bestand, und sie waren entscheidend an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beteiligt. Mit dem 1264 erlassenen „Statut von Kalisch“ und seiner Bestätigung und Erweiterung im Jahr 1334 erhielten die Jüdinnen und Juden weitgehende Rechte zugestanden und Polen wurde zur Heimat für eine der größten und vitalsten jüdischen Gemeinden der Welt – u.a. durch die Emigration der 1492 aus Spanien vertriebenen Jüdinnen und Juden. Die Schwächung der litauisch-polnischen Union durch feindliche Invasionen und interne kulturelle Veränderungen – so die protestantische Reformation und die katholische Gegenreformation – schwächten Polens traditionelle Toleranz seit dem 17. Jahrhundert und führten zu einer Verschlechterung der Lage der Jüdinnen und Juden in Polen. Nach den drei Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 durch die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich und dem Ende Polens als souveräner Staat 1795 wurden die polnischen Jüdinnen und Juden Untertanen der Teilungsmächte Russland, Österreich und Preußen. Nach dem Ersten Weltkrieg 1918, als Polen nach über 120 Jahren die Unabhängigkeit wiedererlangte, lebten schließlich mehr als drei Millionen Jüdinnen und Juden in Polen und bildeten eine der größten jüdischen Gemeinschaften der Welt. Etwa 90 % von ihnen wurden während der deutschen Besatzung von den deutschen Nationalsozialisten ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im kommunistisch dominierten Nachkriegspolen wiederholt zu Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden, wie etwa 1946 im Pogrom von Kielce, oder bei der staatlich geförderten antisemitischen Kampagne im Jahre 1968. Die meisten der 180.000 bis 240.000 polnischen Jüdinnen und Juden, die die Shoa überlebt hatten, wanderten nach dem Krieg aus der Volksrepublik Polen aus, viele von ihnen in den neugegründeten Staat Israel. Die derzeitigen jüdischen Gemeinden in Polen zählen etwa 8.000 bis 12.000 Mitglieder, wobei die tatsächliche Zahl der Jüdinnen und Juden höher sein dürfte.

In mehreren Kleingruppen machten wir uns nach dem Museumsbesuch auf den Weg, um – aufgrund der geschlossenen Wechselstuben leider erfolglos – Geld zu tauschen und unsere Mägen – wesentlich erfolgreicher – anlässlich der Mittagsstunde mit etwas Essbarem zu besänftigen. Im Anschluss an einen ausgedehnten Verdauungsspaziergang erreichten wir das Gelände des bereits erwähnten Museums des Warschauer Aufstands. Da wir den vereinbarten Treffpunkt überpünktlich erreicht hatten, ließen wir uns neben dem kleinen Backsteingebäude nieder, in dem sich die Kasse und der für NichtmuttersprachlerInnen wenig ergiebige Museumsshop befand, um uns zu unterhalten und die warmen Sonnenstrahlen, die uns ins Gesicht schienen, zu genießen. Als unsere Reisegruppe schließlich vollzählig versammelt war, mussten wir uns in zwei halbwegs gleichgroße Gruppen einteilen, da das Museum scheinbar nicht über genügend deutschsprachige Guides verfügt. Demzufolge wurde die eine Gruppe in den kommenden zwei Stunden in deutscher Sprache durch die Ausstellungsräume des Museums geführt, während sich die andere mit der englischsprachigen Variante zufriedengeben musste. Da das Museumskonzept darauf ausgerichtet war, möglichst viele Sinne der BesucherInnen anzusprechen, durchzog die Ausstellungsräume ein Gewirr verschiedener Töne und Klänge – so z.B. die Geräusche herabfallender und anschließend detonierender Bomben –, so dass es nicht immer leicht war, unserem Guide akustisch zu folgen. Darüber hinaus zielte das museumspädagogische Konzept nicht nur darauf ab, historisches Wissen in Form von polnisch- wie auch englischsprachigen Informationsblättern, die man in einigen Ausstellungsräumen kostenlos mitnehmen konnte, zu vermitteln, sondern auch die BesucherInnen interaktiv in Teile der Ausstellung einzubeziehen. So konnten wir beispielsweise einen kleinen, recht beengenden Bunker betreten oder uns durch den Nachbau eines Abschnitts der Kanalisation von Warschau zwängen, die während des Aufstands als Flucht- und Nachschubweg für die Aufständischen diente. Dass dieses gewiss gut gemeinte Konzept, Geschichte möglichst hautnah erfahrbar werden zu lassen, vor dem Hintergrund bestimmter Themen bzw. Lebensbereiche zuweilen fragwürdig ist, wurde uns deutlich, als unser Guide zwei TeilnehmerInnen unserer Gruppe aufforderte, doch einmal vorzuführen, wie sie eine zur Ausstellung gehörende Maschinenpistole halten und abfeuern würden. Nachdem die beiden die Handhabung der Maschinenpistole leicht fehlerhaft präsentiert hatten, führte uns der Guide vor, wie man besagte Waffe richtig bedient. Er schien ohnehin ebenso interessiert wie auch fachkundig in Bezug auf Waffentechnologie zu sein, ließ er uns im Rahmen der Führung doch immer wieder an seinem umfangreichen Wissen bezüglich Kalibern oder Schusszahl pro Minute etlicher der hier gezeigten Waffen teilhaben. Gewiss, um einen Aufstand gegen eine bewaffnete Übermacht erfolgreich durchführen zu können, bedarf es vieler möglichst moderner Waffen, weshalb es wenig verwundern mochte, dass der Fokus der Ausstellung auf den während des Aufstands zum Einsatz gekommenen Waffen lag, die uns hier in Hülle und Fülle präsentiert wurden. Darüber hinaus entstand für mich aber auch der Eindruck, dass die Museumskonzeption – inklusive ihres interaktiven Anspruchs – darauf ausgerichtet war, den BesucherInnen deutlich vor Augen zu führen, wie entschlossen die Aufständischen mit dem Wenigen, das sie im Vergleich zu den Deutschen an Waffen hatten, gegen die weitaus besser ausgerüstete deutsche Besatzung gekämpft haben mochten. Zweifelsohne sind es gerade diese Entschlossenheit der Aufständischen sowie die mangelhafte bzw. gar nicht erfolgte Unterstützung seitens der Westalliierten bzw. der Sowjetunion, die den Warschauer Aufstand im polnischen Geschichtsbild zu einem enorm wichtigen Bezugspunkt nationaler Identität werden lassen. Verstärkt wird diese Haltung durch die Folgen, die der Warschauer Aufstand hervorrief, indem die deutsche Besatzung die polnische Hauptstadt nach der äußerst blutigen Niederschlagung des Aufstands de facto dem Erdboden gleichmachte. Um diese schier unvorstellbare Zerstörung erfahrbar werden zu lassen, können sich die BesucherInnen des Museums in einem kleinen Kinosaal einen etwa sechsminütigen 3D-Animationsfilm anschauen, der mit Hilfe zeitgenössischer Fotos erstellt worden ist und das vollkommen zerstörte Warschau aus der Vogelperspektive zeigt. Was im Zuge jener Wirkungsabsicht des Museums jedoch keine Berücksichtigung fand, war eine inhaltliche Differenzierung der verschiedenen am Aufstand beteiligten Gruppen, die zum Teil sehr unterschiedliche politische Standpunkte vertraten. Die Aufständischen folglich als geschlossene Einheit zu präsentieren, um auf dieser Grundlage den bereits angesprochenen Bezugspunkt polnischer Identität zu manifestieren, entspricht nicht den historischen Tatsachen – man denke beispielsweise nur an die Kämpfe zwischen der sozialistischen Armia Ludowa (zu deutsch: Volksarmee) und der katholisch-nationalistischen Narodowe Siły Zbrojne (zu deutsch: Nationale Streitkräfte). Vor dem Hintergrund dieser Eindrücke verließen wir am späten Nachmittag das Museum mit recht gemischten Gefühlen. Außer Frage steht, dass man stets bedenken muss, dass es die deutsche Besatzung war, die die polnische Bevölkerung überhaupt erst zum Aufstand gezwungen hat. Nichtsdestotrotz hätte ich mir vom Museum des Warschauer Aufstands eine Aufarbeitung gewünscht, die stärker in die historische Tiefe eindringt und sich nicht vordergründig mit dem Ausstellen dutzender Waffen begnügt, deren Aussagewert, um geschichtliche Ereignisse wie diese zu durchdringen und zu verstehen, wohl sehr überschaubar sein dürfte.

Der Warschauer Aufstand

Als Warschauer Aufstand bezeichnet man die militärische Erhebung der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa, kurz AK) gegen die deutschen Besatzungstruppen im besetzten Warschau ab dem 01. August 1944. Dieser Aufstand ist demzufolge nicht mit dem vorausgegangenen jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto des Jahres 1943 zu verwechseln. Der Warschauer Aufstand 1944 stellte die größte einzelne bewaffnete Erhebung im besetzten Europa während des Zweiten Weltkrieges dar und war Teil der landesweiten Aktion Burza. Das Ziel der Aktion Burza war es, die sich auf die Verteidigung vorbereitenden deutschen Einheiten durch Militäraktionen und Sabotage zu schwächen beziehungsweise zu vertreiben und den einrückenden sowjetischen Truppen die Möglichkeit zu nehmen, eine pro-sowjetische Regierung in Polen zu etablieren. Die Warschauer WiderständlerInnen kämpften insgesamt 63 Tage gegen die deutschen Besatzungstruppen, bevor sie angesichts der aussichtslosen Situation kapitulierten. Die deutschen Truppen begingen daraufhin Massenmorde unter der Zivilbevölkerung und die Stadt wurde nach dem Aufstand fast vollständig zerstört. In Polen wurde schließlich eine Kontroverse um das Verhalten der verbündeten Roten Armee gegenüber dem Aufstand ausgetragen. Die Rote Armee habe – bis auf die 1. Polnische Armee – nicht eingegriffen, obwohl sie dazu in der Lage gewesen sei.

Um u.a. über die während der Museumsbesuche gesammelten Eindrücke miteinander ins Gespräch zu kommen, boten wir als TeamerInnen der Gruppe wie bei jeder unserer Gedenkstättenfahrten die Teilnahme an einer Reflexionsrunde an, die in drei Kleingruppen im Anschluss an das Abendessen in den Räumlichkeiten des Hostels stattfand. Anschließend begaben wir uns zu einer etwas weiter weg entfernt liegenden Bar, um den Tag im Rahmen von unterhaltsamen Gesprächen und diversen Getränken ausklingen zu lassen.

29. März 2016 Warschau – Treblinka

Für den Vormittag dieses Dienstags war ein Stadtrundgang durch das ehemalige jüdische Ghetto in Warschau vorgesehen, den eine unserer Teamerinnen vorbereitet hatte, die vor einiger Zeit selbst ein Jahr lang in der polnischen Hauptstadt gelebt hat. Folglich fuhren wir im Anschluss an das Frühstück mit der Straßenbahn in jenen Teil der Stadt, in dem sich einstmals das jüdische Ghetto befand. Die erste Station im Rahmen unseres Stadtrundgangs bildete der ehemalige Umschlagplatz, auf dem sich die Menschen vor ihrer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager versammeln mussten. Im Juli 1942 begannen die Nazis, die jüdische Bevölkerung vom Umschlagplatz aus zu deportieren. Bis zu 7.000 Personen täglich und insgesamt über 265.000 Menschen wurden von diesem Ort bis September 1942 in die Vernichtung, vornehmlich in das Vernichtungslager Treblinka, geschickt. Anschließend führte uns unser Weg vorbei am Gedenkstein für den bereits erwähnten Janusz Korczak. Korczak wurde am 22. Juli 1878 als Henryk Goldszmit in Warschau geboren und wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Nach seinem Medizinstudium und seiner Promotion zum Facharzt für Kinderheilkunde war er zunächst als selbiger in der Kinderfachklinik in Warschau tätig, bevor er zum Pädagogen avancierte. Ab 1911 leitete Korczak das nach seinen Plänen errichtete Waisenhaus „Dom Sierot“, das mit dem Befehl zur Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung Warschaus im Jahr 1940 in das Warschauer Ghetto umziehen musste. Dort lebten Korczak und die Kinder unter unsäglichen Bedingungen. Im August 1942 wurden im Rahmen der Aktionen zur sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ die etwa 200 Kinder des Waisenhauses von der SS zum Abtransport in das Vernichtungslager Treblinka abgeholt. Korczak selbst hatte zuvor wiederholt die Möglichkeit gehabt, sein Leben zu retten, aber alle diesbezüglichen Vorschläge entrüstet abgelehnt. Janusz Korczak starb im August 1942 zusammen mit seinen Kindern im Vernichtungslager Treblinka. Nur unweit vom Gedenkstein für Janusz Korczak entfernt befindet sich der ehemalige Bunker an der ulica Mila 18, dessen Inneres heutzutage jedoch nicht mehr begehbar ist. Auf der Kuppel der unterirdischen Bunkeranlage erinnert heute ein Gedenkstein an die Geschehnisse des jüdischen Warschauer Ghettoaufstands vom 19. April bis 16. Mai 1943. Der Bunker an der ulica Mila war einer der letzten Bunker, in dem sich vor allem die Anführer des Ghettoaufstandes versteckt hielten. Er wurde zum taktischen Hauptquartier für den Aufstand im Ghetto. Am 08. Mai 1943 wurde der Bunker schließlich entdeckt. Nachdem die Nazis Tränengas eingeleitet hatten, begingen die 300 Menschen im Bunker Selbstmord.
Den nächsten Stopp legten wir beim äußerst imposanten Denkmal der Ghettohelden ein, das optisch einerseits das durch radikalen Antisemitismus geprägte Leiden der jüdischen Glaubensgemeinschaft, andererseits aber auch deren Wille zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik symbolisiert und somit als zentraler Erinnerungsort für den Aufstand im jüdischen Ghetto gilt. Genau hier sank der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt am 07. Dezember 1970 während seines Warschau-Besuchs in aller Öffentlichkeit auf die Knie, um mit dieser Demutsgeste ein wirkungsmächtiges Symbol der Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs zum Ausdruck zu bringen. Brandts vieldiskutierter Kniefall vollzog sich jedoch auch vor dem Hintergrund der von ihm angestrebten Neuen Ostpolitik, mit der die BRD während des Kalten Krieges auf außenpolitischer Ebene durch etliche Abkommen und Verträge mit der Sowjetunion wie auch anderen osteuropäischen Staaten einen Ausgleich im Rahmen des Ost-West-Konflikts anstrebte. Heute erinnern ein kleines Denkmal sowie ein nach ihm benannter, sich in unmittelbarer Nähe zum Denkmal der Ghettohelden befindlicher Platz an die Geste Brandts. Nachdem etwa die Hälfte unserer Gruppe aufgrund des plötzlich einsetzenden, immer stärker werdenden Regens lieber via Straßenbahn den Rückweg ins Hostel antrat, besichtigten wir – zumindest von außen – die Gedenkstätte des ehemaligen Pawiak-Gefängnisses. Der Pawiak war von 1835 bis 1944 ein berüchtigtes Gefängnis für politische Häftlinge im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau. Zu einem Symbol der Unterdrückung und Vernichtung wurde es jedoch erst unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Zwischen 1939 und 1944 wurden dort insgesamt etwa 100.000 Männer und im angeschlossenen Frauengefängnis „Serbia“ mehrere Tausend Frauen gefangen gehalten: Mitglieder des polnischen Untergrunds, aber auch bei den täglichen Razzien wahllos Verhaftete. Davon wurden etwa 37.000 Personen ermordet, weitere 60.000 in Konzentrationslager deportiert. Vom 19. auf den 20. Juli 1944 begann im Gefängnis ein Aufstand, der einen Massenausbruch zum Ziel hatte. Unterstützt wurde der Aufruhr durch einen externen Angriff der Armia Krajowa, mit der die Häftlinge mit Kassibern in Verbindung standen. Der Aufstand und der Angriff schlugen fehl. 380 Häftlinge wurden daraufhin hingerichtet. Die letzte Deportation von Häftlingen vor dem Warschauer Aufstand fand am 30. Juli 1944 statt. 2.000 Männer und 400 Frauen wurden in die Konzentrationslager Groß-Rosen und Ravensbrück verschleppt. Nach Ausbruch des Aufstandes am 01. August 1944 wurden alle verbliebenen Häftlinge erschossen und das Gebäude am 21. August in die Luft gesprengt. Erhalten blieben nur einige wenige Mauerreste sowie eine in der Nähe wachsende Ulme, an der Gedenktafeln befestigt wurden. Nachdem der Baum durch die Ulmenkrankheit einzugehen drohte, wurde er im Jahre 2005 durch einen Bronzeabguss ersetzt. Die geborgenen Reste des Baumes wurden präpariert und befinden sich heute im Museum der Gedenkstätte. Dieses befindet sich seit 1990 auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses. Nachdem wir die Gedenkanlage für die kleine Brücke besichtigt hatten, die einerseits das große mit dem kleinen jüdischen Ghetto verband und andererseits das Ghetto von der so genannten „arischen“ Seite der Stadt trennte, bildete ein erhalten gebliebenes Fragment der ehemaligen Ghettomauer schließlich den Schlusspunkt unseres Stadtrundgangs. Nachdem schon seit dem 12. Oktober 1940 alle jüdischen EinwohnerInnen der Stadt in das Warschauer Ghetto zwangsumsiedeln mussten, wurde in der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 dieses Gebiet mit einer 18 Kilometer langen und drei Meter hohen Umfassungsmauer abgeriegelt. Auf der Mauer wurde Stacheldraht befestigt, um jegliche Fluchtversuche unmöglich zu machen. Diese Mauer musste von den jüdischen BewohnerInnen selbst gebaut und bezahlt werden. Sie stellte die unumgehbare Grenze zwischen Leben und Tod dar. Kinder, die Lebensmittel durch kleine Mauerlöcher schmuggeln wollten, bezahlten dieses risikoreiche Unterfangen oftmals mit ihrem Leben. Da wir uns etwas verspätet hatten, wartete die andere Hälfte unserer Gruppe in der Nähe unseres Hostels bereits abreisefertig im Bus auf uns. Nach gut zwei Stunden Fahrt erreichten wir schließlich die Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka. Es erwies sich als gar nicht so einfach, die Gedenkstättenanlage überhaupt erst einmal zu finden, da selbige gut verborgen im Wald liegt. Nachdem wir unser Ziel nach einiger Suche schließlich gefunden und den Eintritt an dem kleinen grünen Kassenhäuschen entrichtet hatten, in dem es auch einige themenbezogene Publikationen zu kaufen gab, begaben wir uns vom Besucherparkplatz aus in Richtung Gedenkstättenanlage. Unser Weg führte uns vorbei an einer Informationstafel, auf der die einstige Existenz zweier Lager – des Zwangsarbeitslagers Treblinka I und das Vernichtungslagers Treblinka II – verdeutlicht worden ist. Wir durschritten zwei große, schräg in Richtung des ehemaligen Lagergeländes weisende Betonblöcke, die das einstige Lagertor markieren. Schroffe, zu unserer Rechten stehende Gesteinsquader ließen den ehemaligen Zaun erahnen, der das Lager umgab, während die zur Rampe führenden Schienen durch auf dem Boden liegende Betonblöcke symbolisiert wurden, die Eisenbahnschwellen nachempfunden worden sind. Als wir die Rampe erreicht hatten, gab ich der Gruppe – angereichert durch einige Zeitzeugenzitate – einen Überblick über die Geschichte des Vernichtungslagers Treblinka, da die Gedenkstätte selbst leider keine Führungen anbietet. Im Anschluss besichtigten wir die sich auf dem ehemaligen Lagergelände befindliche Gedenkstättenanlage, die in Erinnerung an das Vernichtungslager Treblinka 1964 eingeweiht wurde, nachdem selbiges infolge eines Häftlingsaufstands im August 1943 aufgelöst und abgerissen worden ist. Von der Rampe führt ein Weg in das einstige Lagerinnere, neben dem in einer Gruppe Steine mit den Namen der Herkunftsländer der Deportierten stehen: Belgien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Jugoslawien, Österreich, Polen, Sowjetunion, Tschechoslowakei. An der ungefähren Stelle der Gaskammern erhebt sich ein acht Meter hoher, in der Mitte gespaltener Turm mit quadratischem Grundriss. Er besteht aus großen Granitquadern und wird von einer auskragenden Krone abgeschlossen. In die Krone sind auf drei Seiten in Reliefform schematisch menschliche Körper sowie darüber segnende Hände angedeutet. Auf der vierten, von der Rampe abgewandten Seite ist auf der Krone eine Menora abgebildet. In einem neben dem Turm liegenden Stein sind in den Sprachen der Opfer – Polnisch, Hebräisch, Jiddisch, Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch – die Worte „Nie wieder“ eingemeißelt. Hinter dem Turm symbolisiert in einer seichten Mulde ein rechteckiges, 14 Meter langes und fünf Meter breites Feld aus geschmolzenem Basalt den Ort der einstigen Verbrennung der Leichen. Ein Kreis rund um den Steinturm sowie Teile des Geländes der Massen- bzw. Aschegräber – insgesamt rund 22.000 m2 – sind mit Betonplatten überdeckt, auf denen etwa 17.000 gebrochene, unbehauene Granitsteine unterschiedlicher Größe verteilt stehen, die jüdische Grabsteine symbolisieren. In 216 von ihnen sind Namen von Herkunftsorten und -gemeinden der Opfer von Treblinka eingraviert. Die einzige auf dem Gelände erwähnte individuelle Person ist der bereits erwähnte Arzt und Pädagoge Janusz Korczak. Der nördliche, das „Wohnlager“ (Lager III) umfassende Abschnitt des Geländes ist bewaldet. Vom Südende des Lagergeländes führt ein Weg zum ebenfalls zu einer Gedenkstätte umgestalteten ehemaligen Arbeitslager Treblinka I, die wir aus Zeitgründen aber leider nicht besichtigen konnten. Während wir leise durch die Reihen der schier unzähligen Granitsteine schritten, zog mit der Dämmerung erneut Regen auf, so dass dieser düstere Ort allmählich in Dunkelheit getaucht wurde. Auf dem Weg zu dem seit 2006 zur Gedenkstätte gehörenden Museum begegneten wir einer größeren Gruppe israelischer Jugendlicher, die scheinbar im Inbegriff waren, eine Gedenkveranstaltung durchzuführen. Ich blieb kurz stehen, um die Szenerie einen Moment lang aus einiger Entfernung zu beobachten. Nachdenklich ging ich weiter, quer über den Besucherparkplatz, hinein in das kleine weiße Haus, in dem sich die Ausstellung befand. Neben diversen im Zuge archäologischer Grabungen gefundener Sachquellen und einigen von einer Schulklasse aus Deutschland erarbeiteten Informationstafeln bildete ein Modell des ehemaligen Vernichtungslagers das Zentrum dieser keinem einheitlichen Konzept folgenden Ausstellung. Da ich bei meinen Recherchen in Vorbereitung auf mein kleines, kurz zuvor an der Rampe gehaltenes Inputreferat feststellen musste, dass die Literatur zum Vernichtungslager Treblinka erschreckend überschaubar ausfällt und auch nur sehr wenig zeitgenössisches Fotomaterial zu diesem Lager existiert, war dieses Modell für mich eine große Hilfe, um den Aufbau des Lagers einmal bildlich vor Augen geführt zu bekommen, über den ich zuvor nur gelesen bzw. den ich mir mit Hilfe schematischer Lagepläne zu erschließen versucht hatte. Demzufolge wäre es für uns alle gewiss besser gewesen, erst das Museum und dann die Gedenkstättenanlage zu besichtigen, um sich auf dem Gelände der Gedenkstättenanlage besser vorstellen zu können, welcher Lagerabschnitt sich wo befand. Wenn man bedenkt, dass in Auschwitz in etwa viereinhalb Jahren ca. 1,1 bis 1,5 Millionen und in Treblinka in nur gut einem Jahr etwa 900.000 Menschen ermordet worden sind – Treblinka demzufolge das am „effizientesten“ arbeitende Lager zur Vernichtung von Menschenleben war –, dann ist es umso erschreckender, dass dieser Gedenkstätte scheinbar nur wenig Beachtung geschenkt wird, wie an dem Fehlen von Führungen für BesucherInnen oder der zum Teil von SchülerInnen – und damit von geschichtswissenschaftlichen Laien – erarbeiteten Ausstellung ersichtlich wird. Da unser Zeitplan u.a. aufgrund der weiten Entfernungen, die zwischen unseren Zielen lagen, recht eng gesteckt war, blieb uns nach der Besichtigung des Museums leider keine Zeit mehr, um noch länger auf dem Gedenkstättengelände zu verweilen. Der uns im Nacken sitzende Zeitdruck ärgerte mich etwas, da ich das Lagergelände sowie dessen Umgebung weiter erkunden wollte, um diesen Ort noch intensiver auf mich wirken zu lassen. Demzufolge hat sich in mir der Gedanke festgesetzt, noch einmal nach Treblinka zurückzukehren, um die Gedenkstätte erneut und diesmal ohne Zeitlimit besichtigen zu können.

Vernichtungslager Treblinka

Treblinka war das größte und am „effizientesten“ arbeitende Vernichtungslager der so genannten „Aktion Reinhardt“, in deren Rahmen unter der Leitung des SS- und Polizeiführers von Lublin, Odilo Globocnik, die „Judenumsiedlung“ – d.h. die systematische Ermordung von 1,75 bis 2 Millionen Jüdinnen und Juden – durchgeführt worden ist. Neben Treblinka waren zuvor die beiden Lager Sobibor und Belzec errichtet worden, bei denen es sich wie im Falle von Treblinka um reine Vernichtungslager handelte. Folglich wurden allein im Lager Treblinka über einen Zeitraum von etwa einem Jahr, d.h. von Juli 1942 bis August 1943, etwa 900.000 Jüdinnen und Juden sowie einige Tausend Sinti und Roma ermordet. Bei diesem Massenmord wurde auf die Erfahrungen und das entsprechende Personal des T4-Programms zurückgegriffen, mit dem der Mord an geistig und körperlich Behinderten sowie an psychisch Erkrankten mittels Giftgas in sechs so genannten Pflege- und Heilanstalten in Deutschland durchgeführt worden ist. Beim Lagerpersonal handelte es sich um ca. 25 bis 35 Deutsche und Österreicher sowie ca. 100 bis 120 so genannte Trawnikis, jene Ukrainer und Volksdeutschen aus der Sowjetunion, die im gleichnamigen Ort Trawniki von der SS zu Hilfstruppen der SS-Wachmannschaften ausgebildet worden waren. Der Bau des Lagers Treblinka im Mai 1942 erfolgte, da die Kapazitäten von Sobibor und Belzec zur Ermordung von Jüdinnen und Juden nicht dem Vernichtungswillen der SS entsprach. Treblinka wurde als Ort für den Bau eines weiteren Vernichtungslagers im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ aufgrund seiner Abgeschiedenheit sowie der direkten Anbindung an die Eisenbahn ausgewählt. In den Zaun eingeflochtene Kiefernzweige sollten zudem den Einblick von außen in das Lager verhindern.

Das Lager selbst untergliederte sich mit dem Auffanglager, dem Totenlager und dem Wohnlager in drei große Funktionsbereiche. Im auch als „Lager I“ oder „unteres Lager“ bezeichneten Auffanglager hielten die Deportationszüge an einer etwa 200 Meter langen Rampe, neben der sich ein Gebäude befand, das einen Bahnhof vortäuschte. Nach ihrer Ankunft mussten neuangekommene Häftlinge ihr ganzes Gepäck auf dem Sortierungsplatz ablegen, von wo aus das Gepäck in die Sortierungsbaracken A und B geschafft, dort nach Art und Qualität der Kleidung sortiert und anschließend mit Zügen ins Deutsche Reich geschickt worden ist. Im rechten Bereich des Auffanglagers befand sich neben einer Leichengrube für die während der Deportation Gestorbenen auch das so genannte „Lazarett“. Personen, die aufgrund von Alter, Verletzungen oder sonstiger körperlicher Schwäche erkennbar nicht in der Lage waren, den Weg bis in die Gaskammern zurückzulegen, wurden an der Rampe ausgesondert und von Arbeitshäftlingen zum „Lazarett“ gebracht. Dort wurden sie unter dem Vorwand auf eine bevorstehende ärztliche Untersuchung erschossen. Nachdem sich die Häftlinge nach Geschlechtern getrennt in zwei Auskleidebaracken ihrer Kleidung entledigt hatten, wurden sie durch eine enge Gasse, den so genannten „Schlauch“, getrieben, die direkt in den Gaskammern des so genannten Totenlagers – auch als „Lager II“ bezeichnet – mündete. An der „kleinen Kasse“ im „Schlauch“, auf dem Weg zu den Gaskammern an der Grenze zwischen unterem und oberem Lager gelegen, mussten die Opfer alle Wertgegenstände und Dokumente abgeben. Ursprünglich befanden sich im Totenlager drei Gaskammern, mit denen bis zu 600 Häftlinge gleichzeitig ermordet werden konnten. Später wurden diese drei Gaskammern durch den Bau eines größeren „Gashauses“ ersetzt, das zehn Gaskammern umfasste, mit denen bis zu 4.000 Menschen im Zuge einer Vergasung ermordet werden konnten. In den Gaskammern sollten gekachelte Wände, Rohrleitungen und Brausen an der Decke den Eindruck von Duschräumen erwecken, um keine Skepsis oder gar Panik unter den zu vergasenden Häftlingen hervorzurufen. Wie in den Lagern Sobibor und Belzec wurde auch in Treblinka nicht mittels Zyklon B, sondern durch die Kohlenmonoxidabgase eines Dieselmotors gemordet. Nachdem den Leichen das Zahngold herausgebrochen worden war, wurden sie in großen Leichengruben verscharrt. Um eben jene Spuren der Massenvernichtung vor dem Herannahen der Roten Armee zu beseitigen, wurde ab dem Frühjahr 1943 mit der – u.a. mit Hilfe von zwei Baggern durchgeführten – Exhumierung der Leichen begonnen, die auf zu Rosten gestapelten Eisenbahnschienen verbrannt und deren Knochen anschließend zerstampft worden sind. Im auch als „Lager III“ bezeichneten Wohnlager lebten etwa 1.000 so genannte „Arbeitsjuden“, die von Zeit zu Zeit liquidiert und durch neuangekommene Häftlinge ersetzt worden sind. Zu ihren Aufgaben zählte, die Neuangekommenen zur Entkleidungsbaracke zu treiben, das Gepäck der Deportierten zu sortieren, die Reinigung der Deportationszüge, die Untersuchung der vergasten Leichen nach Wertgegenständen, zu dem auch das Ausbrechen von Goldzähnen gehörte, sowie die Leichen zu den Leichengruben und Verbrennungsrosten zu schleppen, während SS und Trawniki die dazugehörigen Befehle erteilten. Nachdem die „Arbeitsjuden“ angesichts der Tatsache, dass der Großteil der Jüdinnen und Juden im Generalgouvernement mittlerweile ermordet worden war, im Frühjahr 1943 die bevorstehende Auflösung des Lagers ahnten, kam es am 02. August 1943 gegen 16.00 Uhr zu einem Aufstand der Häftlinge. Während Handgranaten an mehreren Stellen des Lagers explodierten, konnte auch ein großer Benzintank entzündet werden, so dass zahlreichen Häftlingen die Flucht gelang. Nichtsdestotrotz haben von den etwa 700 sich erhebenden „Arbeitsjuden“ nicht einmal 60 überlebt. Diejenigen Häftlinge, denen nicht die Flucht gelungen ist, wurden sofort erschossen. Nach dem Aufstand wurde der Abriss des Lagers beschlossen, den ein jüdisches Arbeitskommando zu verrichten hatte. Die Errichtung eines Bauernhauses auf dem ehemaligen Lagergelände sollte über die hier begangenen Verbrechen hinwegtäuschen. Darüber hinaus sollte ein in jenem Bauernhaus lebender ukrainischer Wachmann das Terrain bewachen.

Gegen 21.00 Uhr erreichten wir mit der so genannten „Wolfsschanze“ die nächste Station unserer diesjährigen Gedenkstättenfahrt. Das weitläufige Bunkersystem unweit des kleinen Dorfes Rastenburg ist nicht nur eines von insgesamt zwölf über ganz Europa verteilten „Führerhauptquartieren“, sondern erlangte vor allem durch das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 verübte Attentat auf Adolf Hitler historische Berühmtheit. Während der überwiegende Teil des Bunkerkomplexes gegen Kriegsende bei Herannahen der Roten Armee gesprengt worden ist, wurde das ehemalige Wohngebäude der Leibwache Hitlers mittlerweile zu einem Hotel mit angegliedertem Restaurant umfunktioniert. In eben jener Gaststätte wartete bei unserer Ankunft bereits das Abendessen auf uns. Gesättigt bezogen wir anschließend die meist für zwei Personen vorgesehenen Zimmer, bevor wir der Gruppe erneut das Angebot einer Reflexionsrunde unterbreiteten. Angesichts der bereits deutlich vorangeschrittenen Stunde hatten wir uns als TeamerInnen zuvor jedoch darauf geeinigt, in diesem Fall nur eine Reflexionsgruppe zu bilden, da sich schon abgezeichnet hat, dass nicht alle TeilnehmerInnen aufgrund der späten Uhrzeit mehr den Elan zum gegenseitigen Austausch verspürten. Umso erfreulicher stimmte es uns, dass doch etliche TeilnehmerInnen den Weg in das für die Reflexion angedachte Zimmer fanden, um gemeinsam über die Erlebnisse des Tages ins Gespräch zu kommen, wobei die während unseres Aufenthalts in Treblinka gesammelten Eindrücke im Fokus der Reflexion standen. Bevor wir schlafen gingen, ließen wir uns noch im kleinen Foyerbereich des Hotels nieder, um uns noch ein wenig zu unterhalten. Hierbei durchblätterte ich das hoteleigene Gästebuch, das deutliche Spuren aufwies, welches Klientel hier wohl des Öfteren anzutreffen ist. Unterschrieben von Mini, Ralf und Nils war von allerlei Rechtschreibfehlern durchzogen z.B. zu lesen, dass es „schade“ sei, dass „wir Ostpreußen verloren haben“, aber dass es „mit Sicherheit (...) ein Wiedersehen“ gebe, auf dass „das 4. Reich wieder aufersteh[en]“ solle. Es ist mir zwar schleierhaft, wie ein viertes Reich, das niemals existiert hat, wieder (!) auferstehen soll, aber vielleicht können mir die Kameraden Mini, Ralf und Nils ja beim nächsten Mal ihren Gästebucheintrag etwas näher erklären. Etwas sprachgewaltiger versuchte sich ein weiterer Kamerad auszudrücken, der allerdings ebenfalls mit der deutschen Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik auf Kriegsfuß zu stehen scheint: „Deutscher entblöse dein Haupt am heiligem Orte Namen vor Lorbeeren umrankt verkünden gewaltige Worte“ (sämtliche Fehler im Original). Unterschrieben waren diese wirren Zeilen mit „MDG“, ein Kürzel, das für „Mit deutschem Gruß“ steht und demzufolge für den Hitlergruß. Ein Problem schien das Hotelpersonal mit derartigem Klientel scheinbar nicht zu haben, sondern eher auf selbiges abzuzielen. So ist auf einem an einem der Fenster des Restaurants befestigten Schild eine Katze abgebildet, die nicht nur die Gäste darauf hinweist, dass Haustiere in der Gaststätte erlaubt sind, sondern deren Fellfärbung im Gesicht an Hitlers Bart und Scheitel erinnert. An den Hotelzimmerschlüsseln hängen zudem kleine Holzanhänger in Form deutscher Stielhandgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Und wer möchte, kann eine Spritztour mit einem der vor dem Restaurant geparkten Schützenpanzerwagen unternehmen oder sich am Schießstand, der sich im Bunker des ehemaligen Stabsgenerals Jodl befindet, an Repliken historischer Waffen in Form von Luftdruckgewehren ausprobieren. Mit einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte hatte dieser auf Eventtourismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus ausgerichtete Ort nichts zu tun. Umso verständlicher war es, dass viele TeilnehmerInnen – vor allem vor dem Hintergrund, kurz zuvor die Gedenkstätte in Erinnerung an ein nationalsozialistisches Vernichtungslager besichtigt zu haben – ihren Unmut über die Unterkunft äußerten. Als TeamerInnen wurde uns folglich bewusst, dass wir in Zukunft wenn möglich noch intensiver Informationen über die von uns für die Gedenkstättenfahrt eingeplanten Orte einholen werden – vor allem, wenn es sich explizit um keine Gedenkstätte bzw. kein Museum wie im Falle der „Wolfsschanze“ handelt, den obendrein noch niemand von uns zuvor besichtigt hat.

30. März 2016 Wolfsschanze – Danzig

Nach dem Frühstück wartete unweit des Restaurants bereits Stanislaw Sieminski auf unsere Reisegruppe. Der 1939 zur Welt gekommene Rentner arbeitete bis 1989 als Lehrer und verdient sich mit seiner Tätigkeit als Fremdenführer seit 1965 ein kleines Zubrot. Folglich hatte er auch für uns eine etwa zweistündige Route durch das zum Teil recht verwinkelte und zugewucherte Areal der ehemaligen „Wolfsschanze“ vorbereitet. Sein Versuch, das Eis mit der Aussage zu brechen, er sei nur „Fremdenführer“ und kein „Führer“ rief bei den meisten unserer Gruppe nicht einmal ein müdes Lächeln hervor. Er verstand recht schnell, dass wir – vielleicht im Gegensatz zu anderen Gruppen – auf derlei „Späße“ keinen Wert legten und verzichtete schließlich weitgehend auf sie. Akustisch durch ein Headset und einen kleinen, um den Bauch gebundenen Lautsprecher unterstützt lotste er uns zwischen den teilweise gigantischen Bunkerruinen entlang, die nach und nach von der Natur zurückerobert werden. Vorbei ging es an den Ruinen der Gebäude der Leibwache Hitlers, einem Gästebunker sowie den aufgrund ihrer Größe sehr imposant wirkenden Bunkern Martin Bormanns, der u.a. das Amt des Leiters der Parteikanzlei der NSDAP bekleidete, Hermann Görings, der u.a. den Oberbefehl über die deutsche Luftwaffe innehatte, Alfred Jodls, der Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht, und Adolf Hitlers. Auf Warnhinweise, das Betreten der Ruinen sei strengstens untersagt, achtete Herr Sieminski nicht sonderlich, da er der Ansicht war, dass Jugendliche ja ohnehin neugierig seien und man diese Neugierde nicht unterdrücken sollte. Und so kraxelten wir durch die schmalen, dunklen, feuchten Gänge einiger Bunker. Überraschend war hierbei, dass die Bunker – zumindest soweit wir sie noch erkunden konnten – keine oder nur sehr wenige Räume enthalten, sondern als reine Schutzanlage im Angriffsfall für die nationalsozialistische Führungsriege konzipiert worden waren. Da abgesehen von einem großen Überblicksplan in Nähe des Restaurants, auf dem alle Gebäude der „Wolfsschanze“ eingezeichnet sind, sowie eines kleinen Gedenksteins an jener Stelle, an der sich einstmals die Baracke befand, in der das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler scheiterte, sind keinerlei Informationstafeln an den einzelnen Bunkerruinen angebracht worden. Auch diese Tatsache stützte unseren bereits erwähnten Eindruck, dass dem privaten Besitzer des Areals der „Wolfsschanze“ scheinbar wenig an einer historischen Aufarbeitung gelegen ist. Demzufolge erwies es sich als unabdingbar, mit Herrn Sieminski im Vorfeld einen Guide für die Besichtigung der Anlage gebucht zu haben. Eine entsprechende Übersicht aller Guides findet sich übrigens auf der Homepage der „Wolfsschanze“. Als ich mir – wie auch einige andere TeilnehmerInnen – im Anschluss bei Herrn Sieminski das von ihm geschriebene Buch „Masuren – Bekanntes und doch unbekanntes Land“ gekauft habe, das sich inhaltlich auch mit der „Wolfsschanze“ auseinandersetzt, hat er unsere Gruppe dafür gelobt, dass sie sehr aufmerksam gewesen sei – ein Eindruck, den ich angesichts diverser interessierter Nachfragen nur bestätigen konnte. Nachdem ich in einer Ecke des Speisesaals des Restaurants Leinwand, Beamer und Laptop für den im Anschluss an das Mittagessen stattgefundenen Workshop aufgebaut hatte, erkundete ich noch einen weiteren Abschnitt des Geländes auf eigene Faust. Hier befinden sich u.a. die Unterkünfte für Fritz Todt, der 1938 die militärisch organisierte Bautruppe Organisation Todt gegründet hatte und am 08. Februar 1942 bei einem Flugzeugabsturz unweit der „Wolfsschanze“ ums Leben gekommen ist. Darüber hinaus bin ich auch auf die Unterkunft für Albert Speer gestoßen, der nach Todts Tod das zuvor von ihm bekleidete Amt des Reichsministers für Bewaffnung und Munition übernommen hatte. An einem unweit dieser Unterkünfte gelegenen, noch relativ intakten Bunker, der mit Hilfe von in den Beton eingelassenen Metallsprossen auch erklettert werden kann, fanden sich mehrere Hakenkreuz-Schmierereien – ein weiteres, wenig überraschendes Indiz dafür, welches Klientel dieser Ort u.a. anlockt.

„Wolfsschanze“

„Wolfsschanze“ war der Tarnname für ein militärisches Lagezentrum des Führungsstabes der deutschen Wehrmacht und eines der Führerhauptquartiere während des Zweiten Weltkrieges in der Nähe von Rastenburg (heute Kętrzyn) beim Dorf Görlitz (Gierłoż) in Ostpreußen, im heutigen Polen. Den Decknamen gab Adolf Hitler der Anlage selbst, angelehnt an das von ihm verwendete Pseudonym „Wolf“, das auf die Bedeutung seines Vornamens Adolf zurückzuführen ist und das er hauptsächlich in seiner privaten Korrespondenz der 1920er Jahre verwendet hatte. Seit Ende Juni 1941, mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa“), war die „Wolfsschanze“ der Hauptaufenthaltsort von Hitler – insgesamt hielt sich Hitler etwa 800 Tage in der „Wolfsschanze“ auf. Die „Wolfsschanze“ wurde ab 1940 durch die Organisation Todt oberirdisch errichtet, da der Grundwasserspiegel zum Bau unterirdischer Bunker zu hoch war. Zum Schutz gegen Luftaufklärung lag sie in einen dichten Wald unter Tarnnetzen und war mit einem tarnenden Mörtel versehen. Zahlreiche Flakstellungen sicherten das Areal gegen Luftangriffe. Die Anlage umfasste insgesamt ca. 40 Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude sowie sieben massive und 40 leichte Stahlbetonbunker. Die Decken der Bunker waren sechs bis acht Meter dick. Die Anlage verfügte außerdem über einen Bahnanschluss und besaß einen eigenen Flugplatz. Sie war von einem 50 bis 150 Meter breiten Minengürtel und einem 10 km langen Stacheldrahtzaun umgeben. Zudem bestand ständige Funk- und Telefonverbindung nach Berlin und zu allen Frontabschnitten. Hitler befand sich im Bunker Nr. 13 der spartanisch ausgelegten Anlage, im streng gesicherten Sperrkreis eins. Dort hielten sich neben den Kommandeuren der Wehrmacht auch hochrangige Vertreter der NSDAP auf. Insgesamt existierten drei Sperrkreise, für die man jeweils Passierscheine benötigte. Insgesamt hielten sich in der „Wolfsschanze“ weit über 2.100 Offiziere, Soldaten und Zivilpersonen dauerhaft auf. Am 20. November 1944 verließ Hitler endgültig die „Wolfsschanze“, als die Rote Armee nur noch wenige hundert Kilometer entfernt stand. Als am 24. Januar 1945 die Rote Armee anrückte, wurden alle Objekte von der zurückweichenden Wehrmacht gesprengt.

Als ich zum Restaurant zurückgekehrt war, saß der Rest unserer Gruppe bereits über dem Mittagessen. Anschließend erwartete die TeilnehmerInnen mit dem bereits erwähnten Workshop nunmehr der zweite Programmpunkt an diesem Mittwoch. Zu dem am 20. Juli 1944 von Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler in der „Wolfsschanze“ verübten Attentat finden sich nicht nur zahlreiche Verfilmungen eben jenes historischen Stoffes, sondern selbstverständlich auch eine ausgesprochen große Fülle an Literatur. Diese Tatsache verwundert wenig, gilt Stauffenberg doch vor allem heutzutage nicht nur als Held, sondern gleichbedeutend als Paradebeispiel für das „andere Deutschland“ schlechthin, das sich gegen Hitler auflehnte und dafür mit dem Tod büßte. Das Anliegen meines Workshops sollte jedoch von Anfang an sein, eben jenen schönen Schein, jenen Mythos, der sich um Stauffenberg und den Verschwörerkreis des 20. Juli 1944 rankt, kritisch zu hinterfragen. Also begab ich mich – u.a. in der Bibliothek der Universität Leipzig – auf die Suche nach entsprechender Literatur, mit Hilfe derer ich mein Anliegen umzusetzen gedachte. Doch abgesehen von etlichen Publikationen, die Stauffenberg und dem Verschwörerkreis eine identitätsstiftende Heldenrolle für Deutschland zuwiesen, fand ich nur wenige Texte, die sich zumindest unpathetisch und halbwegs objektiv mit den entsprechenden Personen und ihren Zielen auseinandersetzten. Für einen vernünftigen Workshop war das jedoch zu wenig. Ernüchtert setzte ich meine Suche in explizit linken Zusammenhängen fort und wurde u.a. auf dem Blog Never going home fündig, deren BetreiberInnen sich u.a. für die Veröffentlichung der mittlerweile vergriffenen, aber auf besagtem Blog downloadbaren Broschüre „Fragwürdige Traditionslinien – Stauffenberg und der 20. Juli 1944 im deutschen Erinnerungsdiskurs“ verantwortlich zeigen. Die hier zu findenden Texte üben zwar offen Kritik an der regelrechten Verherrlichung Stauffenbergs und des Verschwörerkreises, gestalteten sich in ihrer Argumentation für mein Empfinden aber in den meisten Fällen als recht oberflächlich. Hier wurde für mich der Eindruck erweckt, man wolle alle Mitglieder des Verschwörerkreises pauschal als AntisemitInnen und gläubige NationalsozialistInnen abstempeln, was historisch gesehen einfach zu kurz greift. Also erwiesen sich auch diese Texte als wenig ertragreich für meinen Workshop. Demgegenüber rückte die Gedenkstättenfahrt immer näher, so dass mir allmählich die Zeit im Nacken saß. Die rettende Idee kam mir schließlich beim Besuch der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Hier wurde u.a. eine Box mit Nachdrucken von Schriften verschiedener AkteurInnen angeboten, die dem Nationalsozialismus oppositionell gegenüberstanden und deren Aktivitäten von Unangepasstheit bis hin zu aktivem Widerstand reichten. So fanden sich in der Box neben Schriften von Gruppen wie der Weißen Rose, der Roten Kapelle oder dem Kreisauer Kreis auch ein „Aufruf an das deutsche Volk“, der nach dem Gelingen des Attentats auf Hitler verteilt bzw. verlesen werden sollte, sowie das „Vorläufige Staatsgrundgesetz“, das wie der erwähnte Aufruf aus der Feder des Verschwörerkreises um den 20. Juli 1944 stammte. Warum sich also mit Sekundärliteratur zufriedengeben, wenn man sich auf der Grundlage von Primärquellen eine eigene Meinung bilden kann?! Nachdem ich mit Hilfe einer Powerpointpräsentation die Ziele des Verschwörerkreises hinsichtlich Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft, Militär und Außenpolitik dargelegt hatte, teilte ich den „Aufruf an das deutsche Volk“ als Kopie an die TeilnehmerInnen aus. Diese sollten nun auf der Grundlage besagter Quelle herausarbeiten, welches – z.T. fragwürdige – Selbstbild der Verschwörerkreis von sich zeichnete. Über die dabei entstandenen Ergebnisse tauschten wir uns anschließend im gemeinsamen Gespräch aus. Hierbei zeigte sich, dass die deutsche Bevölkerung in jener Quelle lediglich als passiv Zuschauende, nicht aber – so z.B. in der Rolle von Soldaten – als aktiv Handelnde dargestellt wurden, die sich von dem im Aufruf dämonenhaft charakterisierten Hitler hätten blenden und verführen lassen und angesichts der alliierten Bombardements selbst zu Opfern geworden seien. Und auch wenn die nationalsozialistischen Verbrechen ansatzweise Erwähnung finden, so scheint den Verschwörerkreis in erster Linie die Sorge um den durch eben jene Verbrechen besudelten Ruf Deutschlands beschäftigt zu haben – schließlich zielten sie auf einen aus ihrer Sicht möglichst gerechten, d.h. für Deutschland vorteilhaften Frieden ab. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht jedoch, dass aktiver Widerstand seitens der Militärs in Form des Stauffenberg-Attentats erst geleistet worden ist, als mit der Landung der Westalliierten am 06. Juni 1944 in der Normandie, dem so genannten „D-Day“, die Niederlage Deutschlands immer näher rückte und der Holocaust bereits weitestgehend abgeschlossen war – so sind von Mai bis Juli 1944 allein in Auschwitz etwa 400.000 ungarische Jüdinnen und Juden ermordet worden. Anschließend habe ich überblicksartig den Ablauf des Attentats in der „Wolfsschanze“ selbst wie auch die darauffolgenden Ereignisse in Berlin umrissen, bevor die TeilnehmerInnen eine weitere Quelle bearbeiten sollten. In diesem Fall fiel meine Wahl auf ein Flugblatt der nationalsozialistischen Führung, in dem sich unter dem Titel „Die Vorsehung hat entschieden – Der Führer blieb uns erhalten“ Hermann Göring und Karl Dönitz, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, wohlwollend zum Misslingen des Attentats und Hitler Überleben äußern und das Überleben Hitlers als göttliche Fügung interpretieren. Als wir auch diese Quelle gemeinsam analysiert wie auch interpretiert hatten, sprach ich noch zu den Folgen des Attentats, die sich einerseits in Verfolgungen, Verhaftungen und Hinrichtungen sowie andererseits in der Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes widerspiegelten. Den Abschluss des Workshops bildete schließlich ein Überblick, wie unterschiedlich der 20. Juli 1944 nach 1945 bewertet worden ist.

Das Attentat vom 20. Juli 1944

Die Ziele des Verschwörerkreises vom 20. Juli 1044 Während die Durchführung des Attentats auf Adolf Hitler in Offizierskreisen geplant worden war, sollten politische Pläne für die Neugestaltung Deutschlands in erster Linie von zivilen Kreisen erarbeitet werden. Grundsätzliche Ziele bildeten die Wiederherstellung des Rechts, die Einstellung der verbrecherischen Aktionen, mit denen vorrangig der Massenmord an Jüdinnen und Juden in Osteuropa gemeint war, sowie die Beendigung jeglicher Willkürmaßnahmen, wie sie sich beispielsweise in Form von Schutzhaftbefehlen widerspiegelten. Schwankende verfassungs-, wirtschafts- und gesellschaftspolitische Vorstellungen sorgten jedoch dafür, dass jene Pläne fortlaufenden Veränderungen unterzogen worden sind. Hinsichtlich verfassungspolitischer Pläne bleibt festzuhalten, dass der Verschwörerkreis die parlamentarische Demokratie ablehnte, weshalb auch keine Wiederherstellung der politischen Ordnung der Weimarer Republik angestrebt worden ist. Demzufolge wurde in Artikel 12/3 des „Vorläufigen Staatsgrundgesetzes“ die Bildung neuer Parteien verboten. Im Gegensatz zu einer angeblich parteipolitisch-pluralistischen Aufspaltung sollte eine harmonische Einheit in einer „echten Volksgemeinschaft“ entwickelt werden, was aus Sicht des Verschwörerkreises politische Zurückhaltung und Unterordnung unter die Staatsführung seitens der Bevölkerung verlangte. Hinsichtlich des Umgangs mit dem Nationalsozialismus sollte laut Artikel 13/1 und Artikel 14/1 zwar die NSDAP mit all ihren Gliederungen einschließlich der Gestapo aufgelöst werden, jedoch stellte nach Artikel 11/2 die bisherige Zugehörigkeit zur NSDAP keinen Grund zur Entfernung aus dem jeweiligen Amt dar. Artikel 14/2 legte darüber hinaus fest, dass die Konzentrationslager aufzuheben seien, über den Zeitpunkt der Entlassung und die Weidereingliederung der Insassen in das allgemeine Wirtschaftsleben sollten jedoch noch besondere Bestimmungen ergehen. Immerhin sollten nach Artikel 15/6b Bestimmungen und Maßnahmen zu Benachteiligung von Jüdinnen und Juden ausgesetzt werden. Die SS sollte zwar aufgelöst, die Mitglieder der Waffen-SS jedoch in die Wehrmacht eingegliedert werden, die in ihrer herausragenden Stellung wiederum als „Erziehungsanstalt zur geistig-sittlichen Wiedergeburt der Nation“ (Artikel 10) erhalten bleiben sollte. In außenpolitischer Hinsicht hielt auch der Verschwörerkreis an der Revision des Versailler Vertrags fest. Darüber hinaus gab es Überlegungen zur Gründung eines Bundesstaates Europa, in der künftig ein Großdeutschland – d.h. mindestens inklusive Österreich, dem Sudetenland und den deutschen Ostgebieten – die Führungsrolle übernehmen sollte. Zudem gab es Bestrebungen, ein Bündnis mit den Westalliierten USA und Großbritannien zu schließen, um ein weiteres Vordringen der Sowjetunion und somit des Kommunismus zu verhindern. Problematisch erwies sich für den Verschwörerkreis hierbei allerdings die Forderung der Alliierten nach einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.

Der Ablauf des Attentats vom 20. Juli 1944

Als Stauffenberg und sein Adjutant Werner von Haeften an jenem 20. Juli 1944 in der „Wolfsschanze“ eintrafen, konnten sie lediglich einen der zwei Sprengladungen scharf machen, da sie hierbei durch einen hinzukommenden Offizier unterbrochen worden sind. Warum sie nicht auch die zweite Sprengladung in der Tasche belassen haben, bleibt rätselhaft. Als die Sprengladung gegen 12.42 Uhr während einer Besprechung in der Baracke detonierte, war die Tasche bereits ein stückweit von dem Ort weggerückt worden, an dem sie Stauffenberg abgestellt hatte. Der schwere Eichentisch, auf dem Landkarten zur Lagebesprechung ausgebreitet lagen, dämpfte zudem den Druck der Explosion, so dass Hitler fast vollkommen unverletzt überlebte. Angesichts der Detonation glaubte Stauffenberg, der zuvor die Baracke verlassen hatte, Hitler sei tot, flog nach Berlin und löste dort „Operation Walküre“ aus. Bei der „Operation Walküre“ handelte es sich ursprünglich um einen Plan zur Niederschlagung eines gegen die nationalsozialistische Führung gerichteten Aufstands von ZwangsarbeiterInnen, den der Verschwörerkreis für seine Zwecke modifiziert hatte. Propagandaminister Joseph Goebbels ließ jedoch schon kurze Zeit später per Rundfunk verkünden, dass Hitler noch am Leben war, woraufhin „Operation Walküre“ widerrufen und Stauffenberg sowie weitere Verschwörer verhaftet und im Berliner Bendler-Block hingerichtet worden sind.

Die Folgen des Attentats vom 20. Juli 1944

Insgesamt ließ die eilig ins Leben gerufene 600-köpfige Sonderkommission des Reichssicherheitshauptamtes etwa 1000 Personen verhaften, von denen ca. 200 zum Tode verurteilt worden sind – in der Regel ohne ordentliches Gerichtsverfahren und mit bereits feststehendem Todesurteil. Gegen Angehörige der Verschwörer wurde in einigen Fällen zudem Sippenhaft verhängt. Die deutsche Bevölkerung bewies ihre Loyalität gegenüber der nationalsozialistischen Führung in Form von Treuekundgebungen, die nach dem Attentat unter großer Beteiligung im ganzen Reich organisiert worden waren. Hierbei wurde auch die in der Bevölkerung weit verbreitete Haltung deutlich, der Krieg hätte auch nach gelungenem Attentat fortgeführt werden müssen, so dass ein Sturz des NS-Regimes mit Hilfe der Beseitigung Hitler gar nicht gewährleistet gewesen wäre. In diesem Zusammenhang äußerte Goebbels, dass der 20. Juli 1944 den NationalsozialistInnen demzufolge „mehr Nutzen als Schaden gebracht“ habe. Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen verwundert es letztendlich auch wenig, dass das Attentat in der deutschen Bevölkerung bis in die 1950er und 1960er Jahre hinein als Vaterlandsverrat gewertet worden ist. Im Zusammenhang mit dem „Volksaufstand“ vom 17. Juni 1953 in der DDR fand allmählich eine Umdeutung des Attentats vom 20. Juli 1944 statt: Aus Sicht der westdeutschen Regierung sollte die DDR-Bevölkerung wie einst Stauffenberg gegen Hitler auch weiterhin gegen die DDR-Regierung aufbegehren. Um diesen Deutungswandel zu untermauern, wurde am 20. Juli 1953 eine Gedenkstatue in Erinnerung an den 20. Juli 1944 im Berliner Bendler-Block eingeweiht. Seit 1965 bezieht sich auch die Bundeswehr positiv auf Stauffenberg. Heutzutage gilt er als das Paradebeispiel des „anderen Deutschlands“ – u.a., um Deutschland von der Schuld nationalsozialistischer Verbrechen zu entlasten.

Im Anschluss an den Workshop brachen wir am Nachmittag in Richtung Danzig auf, wo wir nach einigen Stunden Busfahrt wohlbehalten in einem zentral gelegenen Hostel eincheckten. Während der allabendlichen Reflexionsrunde äußerten einzelne TeilnehmerInnen wie bereits erwähnt, dass sie den Wechsel vom Vernichtungslager Treblinka – in ihrer Wahrnehmung eher ein Ort der Opfer – hin zur „Wolfsschanze“ – einem klaren Ort der TäterInnen – als drastisch, ja gar verstörend empfanden. Als TeamerInnen hatten wir bei der Planung der Fahrt die einzelnen Programmpunkte in erster Linie an der günstigsten Fahrtroute – und damit an eher pragmatischen Gesichtspunkten – ausgerichtet, werden diesen Eindruck einiger TeilnehmerInnen aber dennoch als konstruktiven Hinweis in künftige Planungen einbeziehen. Abends fanden wir eine gleich um die Ecke gelegene Kneipe, die von der Atmosphäre her zwar nicht unbedingt die gemütlichste, hinsichtlich der Preise jedoch unschlagbar günstig war. Dies war letztendlich gewiss auch der Grund, warum fast unsere gesamte Reisegruppe den Weg in besagte Kneipe fand und wir dort gemeinsam einen schönen Abend voller ernster, aber auch heiterer, in jedem Fall aber interessanter Gespräche verlebten.

31. März 2016 Danzig

Im Anschluss an das Frühstück füllten wir den ersten Teil dieses Donnerstags mit einem individuellen Spaziergang aus, der uns quer durch Danzig führte, das mich vor allem von seinem Stadtzentrum her stark an deutsche Hansestädte, wie z.B. Lübeck, erinnerte. Unser ursprüngliches Ziel war jedoch der Danziger Hafen, dessen überdimensionale, weit über die Dächer der Stadt ragende Verladekräne wir bereits aus einiger Entfernung erspähen konnten. Leider verzettelten wir uns hinsichtlich der einzuschlagenden Richtung, so dass wir uns eine ganze Weile am Absperrzaun einer Werftanlage entlanghangelten, bis wir feststellten, dass die Zeit schon weit vorangeschritten war, so dass wir lieber wieder umkehrten. Auf dem Heimweg ließen wir uns zum Mittag noch eine Pizza schmecken, bevor wir mit dem Rest der Gruppe wieder in unserem Hostel zusammentrafen. Hier wurde gemeinsam beschlossen, die für den Nachmittag angesetzte Besichtigung der Westerplatte lieber auf Samstag zu verschieben, da für uns ab diesem Zeitpunkt die Möglichkeit bestand, mit einem Schiff den Weg zur Westerplatte zu bestreiten. Im Gegenzug verlagerten wir nun den ursprünglich für Samstag angedachten Besuch verschiedener Danziger Museen auf Donnerstagnachmittag. Wir unterbreiteten den TeilnehmerInnen das Angebot, entweder das Museum der polnischen Post und das Solidarnosc-Museum oder nur letztgenanntes Museum zu besichtigen. Das Polnische Postamt in Danzig, das heute als Museum der polnischen Post besucht werden kann, gilt als eines der Symbole des polnischen Widerstands gegen den deutschen Überfall auf Polen. Als das nationalsozialistische Deutschland am 01. September 1939 Polen überfiel, verschanzten sich 57 Postbeamte in jenem Gebäude, um selbiges über 14 Stunden lang erbittert gegen die deutschen Angreifer zu verteidigen. Während sich etwa die eine Hälfte unserer Gruppe dafür entschied, beide vorgeschlagenen Museen zu besichtigen, brach ich wenige Minuten später mit der anderen Hälfte in Richtung Solidarnosc-Museum auf. Aufgrund der vielen Eindrücke und Informationen, die wir bereits in den vergangenen Tagen gesammelt hatten sowie angesichts der Tatsache, dass das Solidarnosc-Museum bereits 18.00 Uhr schließen würde, empfand ich es persönlich für ausreichend, mich auf den Besuch eines Museums zu konzentrieren. Nach kurzem Fußmarsch erreichten wir das riesige, rostbraune Gebäude, das neben einer Dauerausstellung zur Solidarnosc-Bewegung auch ein Archiv sowie eine Bibliothek beinhaltet und sich laut eigener Aussage als Plattform für Bildung, Solidarität und Demokratie versteht. Nachdem wir das geschichtsträchtige Tor der ehemaligen Werftanlage, an dem die 21 Forderungen der Solidarnosc-Bewegung befestigt worden waren, durchschritten, den Eintritt gelöhnt und unsere Audioguides abgeholt hatten, betraten wir die sieben große Räume umfassende Dauerausstellung im ersten und zweiten Stock. Die Ausstellung zeichnete nicht nur den Werdegang der Solidarnosc-Bewegung von deren Gründung im Jahre 1980 bis zur mit dem Niedergang der Sowjetunion verbundenen Wendezeit Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre nach, sondern ging auch auf vorangegangene Streiks ein. Das berühmteste Beispiel stellt hierbei der Streik vom Dezember 1970 dar, bei dem es aufgrund von Preiserhöhungen in Gdingen, Danzig und Stettin zu Streiks, Massenkundgebungen und Demonstrationen kam. Das riesige Monument der gefallenen WerftarbeiterInnen vor dem Solidarnosc-Museum erinnert heute an die im Zuge jenes Streiks ums Leben gekommenen WerftarbeiterInnen. Das moderne Konzept des Museums zielt darauf ab, die BesucherInnen an geeigneten Stellen interaktiv in die Ausstellung einzubinden, um ihnen einen Hauch des Lebensgefühls der damaligen Zeit vermitteln zu können. So ähnelt beispielsweise gleich der erste Ausstellungsraum, der sich inhaltlich mit der Gründung der Solidarnosc-Bewegung beschäftigt, der Fertigungshalle einer Werft, während man sich im vierten Raum u.a. in einen „Star“-Mannschaftswagen der Polizei setzen kann, mit denen während der Zeit nach Ausrufung des Kriegsrechts 1981 und des Verbots der Solidarnosc 1982 gegen DemonstrantInnen vorgegangen worden ist. Hinzu kommen über Lautsprecher eingespielte Sprechchöre von Demonstrationen und Bilder, die angesichts der Mimik der darauf zu sehenden Personen durchaus bewegend auf die BesucherInnen wirken können. In diesem Zusammenhang wurde deutlich, dass die Solidarnosc-Bewegung wie zuvor der Warschauer Aufstand 1944 einen wichtigen Bezugspunkt für die nationale Identität Polens bildet.

Die Solidarnosc-Bewegung

Die Gewerkschaft Solidarnosc entstand aus einer Streikbewegung von polnischen ArbeiterInnen im Sommer 1980. Von Anfang an wurde die Solidarnosc von regimekritischen Intellektuellen und weiten Teilen der katholischen Kirche, besonders durch Papst Johannes Paul II., unterstützt. Der Auslöser der großen Streikwelle 1980 waren Preiserhöhungen für Fleisch am 01. Juli 1980. Die Streiks waren zunächst lokal begrenzt, griffen dann aber auf das gesamte Land über. In Danzig kam es auf der Leninwerft am 14. August 1980 zum Streik, dessen direkter Anlass die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz war, einer bekannten Symbolfigur der Streikbewegung des Jahres 1970 an der Küste. Unter der Führung von Lech Wałęsa wurde schließlich ein betriebliches Streikkomitee gegründet. Nach Zugeständnissen der Betriebsleitung sollte der Streik zunächst bereits nach zwei Tagen beendet werden. In der Nacht auf den 16. August wurde jedoch beschlossen den Streik aufrechtzuerhalten, um die Erfolglosigkeit von vielen vorangegangen Streikbewegungen nicht zu wiederholen und stattdessen bleibende Ergebnisse zu erreichen. In dieser Folge wurden 21 Forderungen erarbeitet, die neben weiteren meist politischen und sozialen Anliegen auch die zentrale Forderung nach der Zulassung von unabhängigen Gewerkschaften enthielten. Im Danziger Abkommen vom 31. August 1980 wurde dieser Forderung von Regierungsseite nach langen Verhandlungen stattgegeben. In der folgenden Zeit formierte sich die Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarität“. Lech Wałęsa war seit der offiziellen Gründung am 17. September 1980 der Vorsitzende der Solidarnosc. Angesichts des politischen Gewichts, das die Solidarnosc entwickelte, wurden die führenden Köpfe der Gewerkschaft mit der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen in der Nacht zum 13. Dezember 1981 interniert. Fortan konnte sie nur noch im Untergrund weiter existieren. Am 08. Oktober 1982 wurde die Solidarnosc durch ein neues Gewerkschaftsgesetz endgültig verboten. Ab August 1988 kam es zu Gesprächen zwischen der kommunistischen Führung und der noch verbotenen Untergrunds-Solidarnosc, die dann zu den Gesprächen am Runden Tisch führten, die vom 06. Februar bis zum 05. April 1989 in Magdalenka bei Warschau stattfanden. Erst am 05. April 1989 wurde die Solidarnosc wieder amtlich anerkannt. Als Ergebnis des Runden Tisches kam es am 04. Juni 1989 zu teilweise freien Wahlen, die von der Solidarnosc überwältigend gewonnen wurden. Mit Tadeusz Mazowiecki stellte die Solidarnosc den ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Dezember 1990 wurde Lech Wałęsa zum Staatspräsidenten gewählt. In den folgenden Jahren verlor die Solidarnosc an politischem Einfluss, da sie für die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Wende mitverantwortlich gemacht wurde. Durch die Parlamentswahlen 1993 verlor sie schließlich sogar die Beteiligung an der Regierung. Heute spielt die Solidarnosc keine parteipolitische Rolle mehr. Dennoch besteht sie als starke und unabhängige Gewerkschaft weiter.

Nach dem Museumsbesuch erklommen wir zu dritt noch einen nahe gelegenen Hügel, den Gora Gradowa, auf dem sich die Überreste eines im 17. Jahrhundert erbauten Forts befinden, das zur Verteidigung Danzigs errichtet worden war. Ein überdimensionales Kreuz, das so genannte Milleniumskreuz, leistet dem Fort Gesellschaft und soll an die 2000-jährige Geschichte des Christentums erinnern. Von hier aus hat man wirklich einen tollen Ausblick über ganz Danzig. Als sich abends die gesamte Gruppe wieder im Hostel eingefunden hatte, kehrten wir gemeinsam in einem kleinen, nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Restaurant ein, um gemeinsam zu Abend zu essen. Gut gesättigt verbrachten wir den restlichen Abend bei Gesprächen und dem ein oder anderen Bier im Hostel.

01. April 2016 Stutthof

Nach dem Frühstück brachen wir an diesem Vormittag in Richtung des 37 Kilometer von Danzig entfernt liegenden ehemaligen Konzentrationslagers Stutthof auf. Leider fuhren wir anfänglich in die entgegengesetzte Richtung, da wir die Adresse des Verwaltungsbüros der heutigen Gedenkstätte ins Navigationssystem eingegeben hatten, das sich allerdings gar nicht auf dem Gelände derselben befindet. Als wir das ehemalige Konzentrationslager letztendlich doch noch erreicht hatten, wartete bereits ein Mitarbeiter der Gedenkstätte auf uns, der uns in perfektem Deutsch knapp zwei Stunden lang über das Gelände des so genannten Alten Lagers führte – von den 120 Hektar, die das KZ Stutthof einstmals umfasste, können heute nämlich nur noch 20 Hektar als Gedenkstätte besichtigt werden. Ausgangspunkt unserer Führung bildete die ehemalige Kommandantur, in der sich einstmals u.a. Verwaltungsbüros, die Kanzlei des Lagerkommandanten sowie die Kasinos und Kantinen für die SS-Offiziere und SS-Wachmannschaften befanden. Heute beherbergt das Gebäude die Büros der Museumsverwaltung, die Bibliothek, das Kino und das Archiv der Gedenkstätte. Einen ersten Zwischenstopp legten wir in der Baracke der politischen Abteilung ein, die einem Gestapo-Beamten aus Danzig unterstellt war und Informationen von angekommenen Transporten bekam. Hier wurden die Transportlisten errichtet, Lagernummern zugeteilt, über Todesstrafen und Urteilsvollstreckungen entschieden und Totenscheine ausgestellt. Heutzutage beginnt in dieser Baracke die zur Gedenkstätte gehörige Ausstellung. Anschließend durchschritten so genannte Todestor, eine Holzkonstruktion, vor der neu angekommene Häftlinge auf die Aufnahme in das Lager warten mussten. Auf dem Gelände des Alten Lagers betraten wir eine links liegende Baracke, die insgesamt zwölf Räume umfasste – darunter eine Kantine, eine Krankenstube sowie die Waschräume und Toiletten für Frauen; daher auch die Bezeichnung „Frauenbaracke“. Anhand eines großen Modells führte uns der Guide die riesigen Ausmaße des Lagers vor Augen, die das KZ Stutthof annahm, als auch das Neue Lager sowie das Sonderlager für prominente Häftlinge – so z.B. für Angehörige des Verschwörerkreises des 20. Juli 1944 – fertiggestellt worden waren. Allein das Neue Lager umfasste insgesamt 30 Fertigbauteilbaracken, in denen 10.000 Menschen zusammengepfercht wurden. In zehn dieser Baracken waren verschiedene Werkstätten eingerichtet – darunter eine Schusterei, eine Schneiderwerkstaat, eine Weberstube und eine Sattlerwerkstatt. Heute erinnert jeweils eine kleine weiße Mauer an die einstige Existenz einer KZ-Baracke.
Im hinteren Teil des Alten Lagers steht heute noch die 1943 erbaute Gaskammer, die ursprünglich der Desinfektion der Häftlingskleidung diente, 1944 jedoch auch zum Mord an Häftlingen genutzt wurde. Hinter der Gaskammer kann ein Waggon der ehemaligen Schmalspurbahn des Lagers besichtigt werden, die aufgrund der immensen Größe des Lagers zum Transport von Häftlingen sowie von Baumaterialien diente. Rechts neben der Gaskammer befindet sich das ehemalige Krematorium, das Ende August 1942 in Betrieb genommen wurde. Ursprünglich handelte es sich hierbei um einen Metallofen mit Holzüberdachung, bis die Berliner Firma Kori zwei zusätzliche Backsteinöfen errichtete, die eine Holzbaracke umgab. Hinter dem Krematoriumsgebäude steht zudem ein Galgen, an dem Todesstrafen vollzogen wurden, von denen andere Häftlinge im Lager nichts wissen sollten. Ein neben der Gaskammer errichteter Davidstern sowie ein sich zwischen den beiden Krematoriumsöfen befindliches Holzkreuz sollen an die Opfer des KZ Stutthof erinnern. Hinzu kommt das große, 1968 errichtete Mahnmal für Kampf und Martyrium. Der horizontale, 48 Meter lange Teil des Mahnmals symbolisiert die Leiden der Opfer. In diesen Block wurde ein Reliquienschrein eingebaut, in dem sich Asche verbrannter Häftlinge befindet. Der elf Meter hohe, vertikale Teil des Mahnmals stellt demgegenüber Widerstand, Überlebens- und Siegeswillen der Häftlinge dar. Hinter dem imposanten Mahnmal befindet sich ein Komplex von drei Hallen für die Deutsche Ausrüstungswerke GmbH (DAW). Etwa 120 Häftlinge mussten hier Zwangsarbeit verrichten, um u.a. Flugzeugteile für die Bremer Focke-Wulff GmbH herzustellen. Weitere 100 Häftlinge waren für die Firma F. Schlichau GmbH aus Elbing mit der Herstellung und Montage der Teile von Motoren, Maschinen und Geräten zur Ausstattung von U-Booten der Kriegsmarine beauftragt. Da diese Hallen nicht zum Besitz der Gedenkstätte gehören, dürfen sie von BesucherInnen nicht betreten werden.

Konzentrationslager Stutthof

Das ehemalige Konzentrationslager Stutthof befindet sich 37 km östlich der polnischen Stadt Danzig. Schon lange vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstand bei den deutschen Behörden die Absicht, ein Lager für die „unerwünschten polnischen Elemente“ zu schaffen. So wurden schon im Jahr 1936 Karteien für PolInnen aufgestellt, die voraussichtlich verhaftet werden sollten. Im Juli 1939 wurde hierfür eine SS-Einheit mit dem Namen „Wachsturmbann Eimann“ gebildet, deren Aufgabe es war, Internierungslager zu organisieren und die entsprechenden Orte dafür zu finden. Nach dem Angriff Deutschlands auf Polen wurde Mitte 1939 das zukünftige Konzentrationslager Stutthof auf dem Gelände einer ehemaligen Altenheimanlage zunächst als Zivilgefangenenlager errichtet. Direkt nach dem Beginn des Polenfeldzugs fanden in Danzig massenhaft Verhaftungen statt, von denen in erster Linie PolInnen betroffen waren, die aktiv am Gesellschafts- und Wirtschaftsleben beteiligt waren sowie AktivistInnen und Mitglieder polnischer Organisationen. Am 01. Oktober 1941 wurde der Status des Lagers geändert und unterstand als Sonderlager Stutthof fortan der Danziger Gestapo. Zu dieser Zeit fungierte es erst als Arbeitserziehungslager, bis es nach einem Besuch des Reichsführers Heinrich Himmler im November desselben Jahres in die Inspektion der Konzentrationslager eingegliedert wurde. Damit wurden die Voraussetzungen geschaffen, die Gefangenen in die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches einzubeziehen und die SS siedelte Werkstätten der Deutschen Ausrüstungswerke und der Deutschen Erd- und Steinwerke in Stutthof an. Das Lager betrug schließlich eine Fläche von 120 Hektar; bis zu 57.000 Menschen wurden hier zur selben Zeit inhaftiert. Im Frühjahr 1944 wurde eine Gaskammer auf dem Gelände des KZ Stutthof errichtet, welche ursprünglich dem Entlausen der Häftlingskleidung diente. Später wurden hier von Juni bis November 1944 hunderte Menschen in den Tod geschickt. Gegen Ende 1944 nahmen die Häftlingszahlen in Stutthof sprunghaft zu. Transporte mit 20.000 bis 30.000 ungarischen Jüdinnen und Juden erreichten das KZ, welche über die Ostsee aus Lagern evakuiert worden waren, die durch den Vormarsch der sowjetischen Armee bedroht waren. Am 25. Januar 1945 wurde die Evakuierung des Lagers angeordnet und die Inhaftierten mussten sich auf Todesmärschen in Kolonnen von je 1.000 bis 1.500 Menschen Richtung Westen begeben. Am 31. Januar 1945 wurden am Strand bei Palmnicken in diesem Zusammenhang rund 3000 jüdische Häftlinge von der SS mit Maschinengewehrfeuer in die Ostsee gehetzt oder erschossen, andere im Hof der Bernsteinfabrik ermordet. Am 09. Mai 1945 marschierte die sowjetische Armee in das Lager ein. Lediglich 120 Häftlinge, die im Lager verblieben, wurden in der riesigen Anlage befreit. Die Vernichtungsstätte Stutthof war somit das erste während des Zweiten Weltkriegs errichtete Lager und zugleich das letzte Lager, das befreit wurde. Von den 110.000 Häftlingen, die das Lager durchlaufen hatten, starben mindestens 65.000, vielleicht sogar 80.000. Von den über 50.000 Jüdinnen und Juden, die in Stutthof eingesperrt worden waren, starben fast alle.

Im Anschluss an die Führung wurde uns nachmittags eine kurze Verschnaufpause im Seminarraum der ehemaligen Kommandantur gegönnt, bevor wir zur Durchführung eines weiteren Workshops übergingen, der in diesem Falle nicht von uns, sondern von der Gedenkstätte organisiert worden war. Bei wärmendem Tee wurden wir in fünf etwa gleichgroße Gruppen eingeteilt, die jeweils vier Fotos ausgehändigt bekamen, die im Kontext jeweils eines bestimmten Begriffes – so z.B. Raum, Erinnerung, Erfahrung oder Perspektive – interpretiert werden sollten. Die Ergebnisse haben wir anschließend auf einem großen Blatt Papier zusammengetragen und dann gruppenweise den anderen FahrtteilnehmerInnen vorgestellt. Erneut war ich sehr positiv überrascht, welch spannende Assoziationen und Deutungsansätze die Gruppen gemeinsam erarbeitet haben.

Nach dem Workshop erhielten wir etwas Zeit, um uns noch einmal individuell auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers zu bewegen und hierbei – entweder allein oder gemeinsam in der Gruppe – der hier Ermordeten zu gedenken, indem wir an verschiedenen Stellen des Lagers Blumen niederlegten oder Kerzen aufstellten, die wir als TeamerInnen zuvor besorgt hatten. Waren es beim Lager Treblinka die Ausmaße der dort vollzogenen Vernichtung von Menschenleben, so stimmte mich im Falle des KZ Stutthof dessen langer Existenzzeitraum nachdenklich – immerhin hatte das KZ Stutthof von kompletten Zweiten Weltkrieg über existiert. Nachdenklich insofern, als dass weder Treblinka noch Stutthof in der öffentlichen Wahrnehmung – so z.B. im Rahmen des Geschichtsunterrichts in Deutschland – eine allzu bedeutende Rolle einnehmen. Selbst in unserer Gruppe, die sich ausschließlich aus Personen zusammensetzte, die sich für den Nationalsozialismus und die damit verbundenen Verbrechen interessieren, waren diese beiden Lager nur den Wenigsten ein Begriff. Auch wen Auschwitz berechtigter Weise als Symbol für die Shoa gilt, so finden im Umkehrschluss andere, für diesen Genozid nicht minder bedeutsame Lager wenig bis gar keine Beachtung. Dies wird schon an den Öffnungszeiten der Gedenkstätte Stutthof ersichtlich, die für BesucherInnen normalerweise bereits 15.00 Uhr (!) schließt, was wiederum Rückschlüsse auf die – vor allem im Vergleich zu Auschwitz – scheinbar recht überschaubare Besuchermenge zulässt. Auf dem Rückweg nach Danzig legten wir noch einen kleinen Zwischenstopp ein, um ein wenig am Strand der Ostsee entlangzuspazieren und uns vom heftigen Wind ordentlich durchschütteln zu lassen. Es ist schon bedrückend, wenn man sich beim Anblick des bis zum Horizont reichenden Meeres, diesem Symbol der grenzenlosen Freiheit, in Erinnerung ruft, dass die Freiheit tausender Menschen im Lager Stutthof nur wenige Kilometer weiter vernichtet worden ist. Als wir unseren Hunger in einer Danziger Pizzeria gestillt und den Tag reflektiert hatten, kehrten wir erneut in der Kneipe ein, die wir schon am ersten Abend in Danzig unsicher gemacht hatten. Im Gegensatz zu jenem Abend, platzte besagte Spelunke diesmal jedoch aus allen Nähten. Das damit verbundene Gedränge sowie der anstrengende Lautstärkepegel sorgten dafür, dass wir es bei einem Bier beließen, bevor wir uns auf die Suche nach einer anderen Kneipe begaben. Da letztendlich aber alle Kneipen derartig gut besucht waren – schließlich war es Freitagabend –, kehrte zumindest ein Teil von uns, zu dem auch ich gehörte, zum Hostel zurück.

02. April Danzig

Nachdem wir an diesem sonnigen Samstag gefrühstückt und unser Gepäck schon einmal im Bus verstaut hatten, begaben wir uns zu einer der Bootsanlegestellen, von der aus Schiffsrundfahrten durch Danzig starteten. Um die Wegstrecke zur Westerplatte, unserem ersten Programmpunkt an diesem Tag, etwas interessanter zu gestalteten, buchten wir für unsere Gruppe eine solche Rundfahrt, verzichteten bei der Bootsauswahl aber auf das verwegen hergerichtete Piratenschiff, um etwas Geld zu sparen. Bevor wir es uns auf dem Oberdeck des Schiffes gemütlich machten, knipsten wir noch ein schönes Gruppenfoto. Nun wurden die Motoren angeworfen und die Fahrt konnte beginnen. Eine via Lautsprecher eingespielte Stimme erklärte uns erst auf Polnisch, dann auf Deutsch, welche Sehenswürdigkeiten wir während der Rundfahrt gerade passierten. Vorbei ging es u.a. an der Danziger Werftanlage mit ihren imposanten Kränen sowie zahlreichen riesigen Schiffen und der Festung Weichselmündung, deren Turm bis 1758 als Leuchtturm diente. An der Mündung zur Ostsee vollzog das Schiff ein Wendemanöver, um anschließend unweit der Westerplatte anzulegen, so dass wir von Bord gehen konnten. Wir passierten die geschmückten Gräber derjenigen polnischen Soldaten, die bei der Verteidigung ihr Leben ließen, bevor wir die Ruinen des Munitionsbunkers betraten, dem der deutsche Angriff am 01. September 1939 vorrangig galt. Einige hundert Meter weiter ist das mit seinen 23 Metern Höhe weithin sichtbare Denkmal der Westerplatte auf einem kleinen Hügel gelegen, das den erbitterten Kampf der polnischen Verteidiger darstellt. Am Fuße des Hügels gab eine unserer Teamerinnen einen kurzen Überblick über die historische Bedeutung der Westerplatte hinsichtlich des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs.

Die Westerplatte

Die Westerplatte bei Danzig ist eine größtenteils bewaldete, sandige, langgestreckte Halbinsel ohne nennenswerte Bodenerhebungen an der Ostseeküste. Bekannt wurde sie durch den Beschuss des dortigen polnischen Munitionslagers am 01. September 1939, der als Beginn des Zweiten Weltkrieges gilt. Die ersten Pläne für den Überfall auf Polen sahen den 26. August 1939 als Stichtag vor. Am 24. August 1939 wurden deutsche Marinestoßtruppsoldaten (MSK-Soldaten) auf Boote der 1. Minensuchflottille aufgenommen und am Abend in Höhe von Stolpmünde auf hoher See auf das als Schulschiff dienende Linienschiff „Schleswig-Holstein“ überbracht. Am Vormittag des 25. August lief die „Schleswig-Holstein“ in Neufahrwasser im Danziger Hafenkanal ein. Am 31. August kam der verschlüsselte Funkspruch mit der Aufforderung, um 04.45 Uhr Polen anzugreifen. In der Nacht zum 01. September wurden die MSK-Soldaten ausgebracht, damit sie sich zum Angriffsbeginn vor der Festung in Position bringen konnten. Um 04.47 Uhr begann der Angriff. Die Marinestoßtruppkompanie griff nach einem Feuerschlag der Schiffsartillerie der „Schleswig-Holstein“ von der Landseite her an, unterstützt durch Schiffsgeschütze des Beobachtungstrupps und Feuer der SS-Heimwehr Danzig. Die Westerplatte wurde hartnäckig verteidigt, so dass der Kampf immer unübersichtlicher wurde und sich in guerillaartigen Einzelkämpferszenen zerlief. Der erste Angriff blieb unter schweren deutschen Verlusten im Abwehrfeuer liegen. Nachdem auch am zweiten Kriegstag die Verteidiger die deutschen Angriffe hatten abwehren können, wurden Bombenangriffe angefordert, die am 02. September durch Stuka-Verbände (Stuka: Sturzkampfbomber) erfolgten. Etwa 60 Flugzeuge des Schlachtgeschwaders 2 „Immelmann“ griffen mit Sprengbomben und Bordwaffen an, richteten schwere Schäden an den Befestigungen an und demoralisierten die Besatzung. Wegen der mangelnden Abstimmung zwischen den deutschen Verbänden blieb jedoch ein anschließender Infanterieangriff aus. Beschuss und Bombardement der Westerplatte zogen sich schließlich noch bis zum 07. September hin, bis die Verteidiger letztlich kapitulieren mussten. An die polnischen Verteidiger erinnert das 1966 eingeweihte Westerplatte-Denkmal.

Nachdem wir das Mahnmal besichtigt und anschließend für einige Minuten die herrliche Aussicht genossen hatten, die man von besagtem Hügel aus hat, kehrten wir in einer nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Imbissbude ein, um uns ein kleines Mittagsmahl zu gönnen. Während wir auf Burger, Pommes & Co. warteten, beobachteten wir gespannt eine Militärübung, die sich unweit der Imbissbude auf einem Schiff vollzog. Schwer bewaffnete Soldaten schienen hier das Erstürmen und Durchsuchen eines verdächtigen Schiffes zu erproben. Mit gefüllten Mägen bewegten wir uns nun Richtung Strand, um hier mit der ganzen Gruppe eine Abschlussreflexion durchzuführen. Aufgrund der vom Rauschen des Meeres herrührenden Lautstärke und dem Fehlen einer geeigneten Stelle, auf der alle auf einem der dortigen Steine Platz finden würden, verwarfen wir den anvisierten Ort jedoch wieder und ließen uns stattdessen auf einer nahe gelegenen Wiese nieder. Reihum konnte nun jedeR zu Wort kommen, um rückblickend unsere diesjährige Gedenkstättenfahrt in ihrer Gänze einzuschätzen. Hierfür erhielt jedeR TeilnehmerIn zunächst einen kleinen Zettel, um erst einmal konkrete Gedanken bezüglich Lob oder konstruktiver Kritik sammeln zu können. Da wir die Zettel für uns als Organisationsteam im Anschluss einsammelten, blieb es den TeilnehmerInnen selbst überlassen, was sie von diesem Zettel der ganzen Gruppe mitteilten und welche Informationen nur für uns als TeamerInnen bestimmt waren. Insgesamt betrachtet fiel das Feedback jedoch erfreulich positiv aus. Als wir die Abschlussreflexion beendet hatten, wartete nur wenige Meter entfernt schon unser Bus auf uns, da wir zuvor mit dem Busfahrer vereinbart hatten, dass er uns in der Nähe des Westerplattendenkmals abholen solle. Den Kopf voll neuem Wissens und voller Eindrücke, den Bauch voller Gefühle und Empfindungen traten wir den langen Heimweg an – in der Gewissheit, dass dies definitiv nicht die letzte Gedenkstättenfahrt gewesen sein würde, die wir mit Bon Courage e.V. im Rahmen unserer Bildungsarbeit organisieren würden.

Weiterführende Informationen:

Warschau:

Borodziej, Wlodszimierz: Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt am Main, 2004.

Polanski, Roman: Der Pianist, 2003. (Spielfilm, 1 DVD)

Wajda, Andrzej: Korczak, 1990. (Spielfilm, 1 DVD)

Treblinka:

Glazar, Richard: Die Falle mit dem grünen Zaun. Überleben in Treblinka, Münster 2008.

Willenberg, Samuel: Treblinka. Lager, Revolte, Flucht, Warschauer Aufstand, Münster 2008.

Enrico, Robert: Der Schrei nach Leben, 1985. (Spielfilm, 3 DVDs)

Lanzmann, Claude: Shoa, 1985. (Dokumentation, 4 DVDs)

Widerstand gegen den Nationalsozialismus:

Benz, Wolfgang: Der deutsche Widerstand gegen Hitler, München 2014.

Ueberschär, Gerd R: Für ein anderes Deutschland. Der Widerstand gegen den NS-Staat 1933-1945, Frankfurt am Main 2006.

Der 20. Juli 1944. Erinnerung an einen historischen Tag. Reden und Gedenkfeiern: www.20-juli-44.de

Gedenkstätte deutscher Widerstand: www.gdw-berlin.de

KZ Stutthof:

Ficzel, Michael: Zum Stehen verdammt... Zwangsrekrutiert zur SS. Wachmann im KZ, Rhäzüns 2003.