Auf den Spuren nationalsozialistischer Verbrechen

Gedenkstättenfahrt 2017: Prag – Lety – Litomerice – Theresienstadt

Bericht eines Teilnehmers

Wie schon in den vergangenen Jahren haben wir mit unserem Verein Bon Courage e.V. auch 2017 eine Gedenkstättenfahrt organisiert, die uns erneut für sechs Tage auf die Spuren nationalsozialistischer Verbrechen geführt hat. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren bildete jedoch nicht Polen, sondern die ehemalige Tschechoslowakei unser Ziel. Was wir in dieser Zeit alles gesehen und erlebt haben, könnt ihr dem folgenden Bericht entnehmen. Wer selbst einmal an einer unserer stets über die Osterfeiertage stattfindenden Gedenkstättenfahrt teilnehmen möchte, kann sich gern mit uns über info@boncourage.de in Verbindung setzen.

17. April Prag

Am Vormittag dieses Ostermontags sammelte der von uns gecharterte Bus die Teilnehmer_innen der diesjährigen Gedenkstättenfahrt in Leipzig bzw. Burgstädt ein. Erwartungsfreudig brachen wir in Richtung Prag auf, um nach verhältnismäßig kurzer Fahrt am frühen Nachmittag in der Hauptstadt Tschechiens einzutreffen. Zunächst hieß es, in unser dortiges Hostel einzuchecken, wobei wir uns mit zwei 14-Personenzimmern zufrieden geben mussten. Die Erfahrungen der kommenden Tage haben jedoch gezeigt, dass die sich angesichts der Zimmergröße bei einigen anfänglich ausbreitende Skepsis unbegründet blieb. Nachdem wir Rucksäcke, Koffer und Taschen in den beiden Zimmern verstaut hatten, begaben wir uns zu Fuß auf den Weg in Richtung Zentrum, um unsere Euro in die benötigten tschechischen Kronen umzutauschen. Unzufrieden mit dem Tauschkurs, den uns zwei Wechselstuben anboten, zogen wir immer weiter, bis wir schließlich einen günstigen Kurs ergattern konnten. Dummerweise hatte der Himmel mittlerweile seine Schleusen geöffnet und wir uns auf dem Rückweg obendrein noch ein klein wenig verlaufen, so dass wir erstens völlig durchnässt und zweitens mit einiger Verspätung zurück im Hostel eintrafen. Im Aufenthaltsraum des Hostels erläuterten wir Organisator_innen der Gruppe schließlich diverse organisatorische Dinge – so u.a. den Ablauf des verbleibenden wie auch darauffolgenden Tages sowie unser Konzept der allabendlich von uns angebotenen Reflexionsrunden, in denen den Teilnehmer_innen im Rahmen von Kleingruppen und unter Beteiligung einer Person der Organisationscrew die Möglichkeit gegeben wird, inhaltliche Nachfragen zu stellen und sich gemeinsam über ihre Eindrücke, Gedanken und Gefühle hinsichtlich des am Tage Erlebten und Gesehenen auszutauschen. Ebenso wichtig war es uns, noch einmal deutlich auf die Freiwilligkeit der Teilnahme an jedem Programmpunkt hinzuweisen.

Demzufolge bestand jederzeit die Gelegenheit, sich aus dem offiziellen Programm zurückzuziehen, die Gegend auf eigene Faust zu erkunden oder sich einfach Zeit für sich selbst zu nehmen. Wir sind der Überzeugung, dass es hinsichtlich eines solch sensiblen Themenkomplexes wie den nationalsozialistischen Verbrechen notwendig ist, dass die Teilnehmer_innen selbst entscheiden können, was sie sehen, hören und erleben wollen bzw. was sie eventuell – v.a. emotional – überfordern könnte.

Diesen obligatorischen organisatorischen Ausführungen schloss sich eine ebenso obligatorische Vorstellungsrunde an, in der alle Anwesenden kurz etwas zu ihrer Person sagen konnten. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, auch noch auf die Beweggründe und Erwartungen, die mit der Teilnahme an der Gedenkstättenfahrt in Verbindung standen, sowie auf eventuell bereits gemachte Erfahrungen mit Gedenkstätten einzugehen. Am späten Nachmittag erwartete uns schließlich der erste offizielle Programmpunkt der diesjährigen Fahrt, bei dem uns Riki – ein Mitglied unserer Organisationscrew – in Form eines Inputreferats einen Überblick über die Entstehung des so genannten „Protektorats Böhmen und Mähren“ sowie über die damit verbundene Rolle Reinhard Heydrichs gegeben hat.

Nachdem wir aufmerksam Rikis Ausführungen gelauscht sowie einige Fragen wie auch Anmerkungen geäußert hatten, machten wir uns entweder zu Fuß bzw. via Straßenbahn auf den Weg zu einer etwas entfernt liegenden Pizzeria, in der wir zu Abend essen sollten. Dort angekommen wurden wir schon freundlich von Aletta und Wendula in Empfang genommen, die uns in den kommenden Tagen begleiten und sich aufgrund ihrer thematischen Fach- wie auch ihrer Ortskundigkeit als ausgesprochen große Hilfe erweisen sollten. Während Wendula direkt in Prag wohnt, hat Aletta immerhin eine Zeitlang hier gelebt, bevor sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist. Was sie verbindet, ist ihr Interesse an Geschichte, genauer gesagt an der Geschichte der Besetzung der Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutschland.

Gut gestärkt legten wir noch einen Zwischenstopp in einer gemütlichen Kneipe ein. Hier bot sich eine gute Gelegenheit, um im Zuge des ein oder anderen Getränkes und im Rahmen diverser Gespräche bislang unbekannte Fahrtteilnehmer_innen näher kennen zu lernen oder mit bereits bekannten Freund_innen in Ruhe zu schwatzen. Zurück im Hostel verkrochen wir uns alsbald in unsere Betten – es sollten schließlich noch ereignisreiche Tage vor uns liegen...

18. April Prag

Nachdem wir an diesem Morgen ausgiebig im Aufenthaltsraum unseres Hostels gefrühstückt hatten, beförderte uns die Metro in die Nähe der St. Cyrill und Method-Kirche, in der sich einige Widerstandskämpfer versteckt hielten, nachdem sie im Rahmen der „Operation Anthropoid“ am 27. Mai 1942 erfolgreich ein Attentat auf Reinhard Heydrich verübt hatten.

Bevor wir das Innere der ehemaligen Borromäus-Kirche, heute St. Cyrill und Method-Kirche, betraten, in der sich die Widerstandskämpfer nach ihrem Attentat versteckt hielten, besichtigten wir die an Kubis und Gabcik erinnernde Gedenktafel, die an einer Außenwand des Gebäudes befestigt worden ist, an der auch heute noch deutlich die Einschusslöcher zu sehen sind, die von der Heftigkeit der Belagerung und Erstürmung der Kirche durch die SS-Einheiten zeugen. Anschließend traten wir in einen kleinen, sich in der Kirche befindlichen Ausstellungsraum ein, der die Besucher_innen über die Entstehung des „Protektorats Böhmen und Mähren“, verschiedene Organisationen und Formen des tschechischen Widerstands inklusive des damit verbundenen Attentats auf Heydrich sowie die damit verbundenen Vergeltungsaktionen seitens der Nationalsozialist_innen – die Vernichtung der Dörfer Lidice und Lezaky – informiert. Freundlich wurden wir von einem Mitarbeiter der Gedenkstätte begrüßt, der sich sogleich in der Mitte unserer Gruppe positionierte, um einige Worte an uns zu richten, die Aletta dankenswerter Weise ins Deutsche übersetzte. Dachten wir anfänglich, er wolle uns lediglich begrüßen und uns eventuell noch einen kurzen Überblick über die Bedeutung jenes Ortes vermitteln, so entpuppte sich besagter Mitarbeiter alsbald als sehr redseliger Zeitgenosse, der zu sehr weitschweifigen wie auch detailversessenen Ausführungen neigte, die mehr und mehr unsere Konzentration und auch unsere Geduld strapazierten. Als nach gut einer Stunde immer noch kein Ende seiner Erläuterungen in Sicht war, von unserer Gruppe aber kaum noch jemand aufmerksam seinen Erklärungen folgte, bat ich Aletta u.a. auch mit Blick auf die voranschreitende Zeit und die noch anstehenden Programmpunkte – schließlich war dieser unfreiwillige Vortrag von uns nicht eingeplant gewesen –, ihm freundlich, aber bestimmt mitzuteilen, dass er seine Ausführungen doch bitte beenden solle. Glücklicherweise zeigte er sich verständnisvoll und führte uns nun in die Krypta, bei der es sich um einen unter dem Chor oder unterhalb des Altars christlicher Kirchen befindlichen Raum handelt, der in der Regel für Heiligengräber, Reliquienschreine und Altäre dient. In diesem dunklen, nasskalten Kellergewölbe hatten sich also Gabcik und weitere Widerstandskämpfer versteckt gehalten und erbitterten Widerstand gegen die Übermacht der SS geleistet. Den Abschluss unserer Besichtigung der St. Cyrill und Method-Kirche bildete die in einem separaten Raum erfolgende Vorführung eines etwa halbstündigen Dokumentarfilmes, bei dem zeitgenössische Originalaufnahmen mit nachgestellten Spielfilmszenen kombiniert worden sind, die den Verlauf des Attentats auf Heydrich rekonstruieren.

Für die nun anstehende Mittagspause trennte sich unsere Gruppe, wobei Doreen, Janice, Caro und ich zunächst einem nur wenige hundert Meter von der Kirche entfernt liegenden Platten- und Buchladen namens Rekomando einen Besuch abstatten wollten, bevor wir uns für den weiteren Verlauf des Tages stärken würden. Der Laden war schnell gefunden und so wühlten wir uns durch das reichhaltige Angebot, das alles hergab, was das Herz begehrte, insofern es für Punk, Oi!, Hardcore, Crust und Artverwandtes schlägt. Demzufolge wurden wir auch schnell fündig: Doreen fischte eine Bikini Kill-LP heraus, während ich über ein Subhumans-Album stolperte, das ich schon seit geraumer gesucht hatte. Einziger Haken waren die recht stattlichen Preise, die sich in der Regel zwischen 14 bis 16 Euro pro Scheibe bewegten. Neben allerlei Vinyl und CDs wurden auch dutzende, wenn nicht gar hunderte Bücher zum Verkauf angeboten, deren zuweilen recht spannend klingende Titel bereits den Inhalt erahnen ließen. Da von uns jedoch leider niemand des Tschechischen mächtig ist, beließen wir es bei den beiden LPs. In Windeseile schoben wir uns anschließend angesichts akuter Zeitknappheit noch fix ein paar Pommes samt Salat zwischen die Kauleisten, bevor wir zu unserem Bus hechteten, der uns direkt vor der St. Cyrill und Method-Kirche abholte, um uns zu unserem nächsten Programmpunkt zu befördern. Hierbei handelte es sich um das rund 30 Kilometer von Prag entfernt liegende Dorf Lidice. Lidice war als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf Heydrich vollständig zerstört und dessen Bewohner_innen entweder deportiert oder an Ort und Stelle hingerichtet worden sind.

Auf dem ehemaligen Gelände des Dorfes Lidice erinnert heute eine weitläufige Gedenkstättenanlage an diesen feigen, verbrecherischen Akt nationalsozialistischen Terrors. Im Nachbarraum des Eingangsbereiches des Museums, in dem ein Modell des ehemaligen Dorfes Lidice besichtigt werden kann, wurde uns auf einer riesigen Leinwand einleitend ein Film gezeigt. Der wenige Minuten umfassende Streifen verknüpfte einerseits Fotos und Filmaufnahmen, die das alltägliche Leben in Lidice vor dessen Vernichtung zeigen. Diesen Bildern schlossen sich andererseits Aufnahmen an, die von den Nationalsozialist_innen im Zuge der Vernichtung des Dorfes gemacht worden waren. Kritikwürdig empfand ich hierbei, dass abgesehen von einigen spärlichen, inhaltlich recht zusammenhangslosen Erläuterungen am Anfang im weiteren Verlauf des Films gänzlich auf Erklärungen, die das Dargestellte beschreiben und historisch einordnen, verzichtet worden ist. Ohne das nötige Vorwissen wird es Besucher_innen meines Erachtens nach schwerfallen, die gesehenen Fotos und Filmaufnahmen inhaltlich lückenlos miteinander in Einklang zu bringen. Über eine Seitentür gelangten wir schließlich in den ebenso dunklen wie auch verwinkelten Ausstellungsraum des Museums, der sich in sechs Themenkomplexe untergliedert. Auch hier widmet sich der erste Abschnitt der Ausstellung jener Zeit vor der Zerstörung Lidices, dem im zweiten Abschnitt die Vernichtung des Dorfes folgt. Daran anknüpfend geht die Ausstellung in jeweils einzelnen Bereichen auf das Schicksal der Kinder, Männer und Frauen Lidices ein: der Großteil der Kinder letztendlich im Vernichtungslager Kulmhof vergast, die Männer allesamt vor Ort erschossen, die Frauen ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Was aus den dreizehn Kindern geworden ist, die zur „Germanisierung“ in ein so genanntes Lebensborn-Heim gebracht worden sind, beleuchtet der letzte Teil der Ausstellung in Form von auf einem Fernsehbildschirm gezeigten Zeitzeug_innen-interviews.

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Das Denkmal für die Kinder von Lidice.

Nachdem sich unsere Gruppe wieder vor dem Eingang zum Museum zusammengefunden hatte, überquerten wir das Gedenkstättengelände, um an jeder der dazugehörigen Stationen einen kurzen Halt einzulegen. Beginnend beim gemeinsamen Grab der ermordeten Männer von Lidice, an dessen Stelle heutzutage ein großes Holzkreuz an die Opfer dieser Vergeltungsaktion erinnert, vorbei an den erhalten gebliebenen Fundamenten der Hofes der Familie Horak, in dem die Männer erschossen worden sind, bis hin zu jener Stelle, an dem einstmals die Dorfkirche und die Schule von Lidice standen. Nachdem wir noch den ehemaligen Friedhof von Lidice besichtigt hatten, kehrten wir wieder in Richtung Museum zurück, wobei wir noch das eindrucksvolle Denkmal für die Kinderkriegsopfer passierten. Die Bildhauerin Marie Uchytilová schuf hierbei eine aus 82 Personen bestehende Bronzegruppe. Sie soll an die Kinder aus Lidice erinnern, die nach ihrer Deportation umgebracht wurden, und zugleich ein Denkmal für alle Kinder darstellen, die Opfer von Kriegen sind. Der immer wiederkehrende traurige, hoffnungslose Gesichtsausdruck der Kinder in Kombination mit den dutzenden davor von Besucher_innen niedergelegten Kuscheltiere und Blumen ließen es mir kalt den Rücken herunterlaufen. Den Schlusspunkt unseres Rundgangs bildete der „Garten der Freundschaft und des Friedens“, dessen zahllos wirkende Rosenbeete selbst in Form einer Rose angelegt worden sind. Diskussionen entspannen sich angesichts des sich im Zentrum des Gartens befindlichen Denkmals, das an verschiedene Städte erinnert, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt oder gänzlich zerstört worden sind. Ausschlaggebend für die sich entwickelnden Gespräche bildete die Frage, inwiefern es gerechtfertigt ist, neben Städten wie Coventry oder Stalingrad auch das nationalsozialistische Dresden in dieses Gedenken mit einzubeziehen, wie es bei besagtem Denkmal der Fall ist. Aufgrund eines Staus zog sich die Rückfahrt zum Hostel leider etwas in die Länge. Nachdem wir unser Quartier endlich erreicht hatten, führten wir nach einer kleinen Pause, die erste Reflexionsrunde der diesjährigen Gedenkstättenfahrt durch.

In der von mir begleiteten Reflexionsrunde besprachen wir u.a. noch einmal, inwiefern nationalsozialistische Unterdrückung Widerstand hervorgerufen hat, auf den mit terroristischen Vergeltungsmaßnahmen reagiert wurde, die wiederum in noch stärkerem Widerstand münden konnten. Dass nationalsozialistischer Terror, wie er sich im Falle von Lidice geäußert hat, keineswegs ein Einzelfall war, sondern Methode hatte und unerschütterlich zum nationalsozialistischen System gehörte, belegen u.a. der im Zuge des Russland-Feldzugs geführte Vernichtungskrieg oder der Terror, der beispielsweise im Rahmen der deutschen Besetzung in Jugoslawien oder Griechenland verbreitet worden ist – man denke im Falle Griechenlands z.B. nur an die aufgrund angeblicher Partisanenverbindungen vernichteten Dörfer Distomo und Kalavryta!

Im Gegensatz zu den erdrückenden Informationen und Eindrücken, die wir tagsüber gesammelt und über die wir uns in den Reflexionsrunden ausgetauscht hatten, wollten wir den Abend etwas unbeschwerter ausklingen lassen. So begab sich der Großteil unserer Gruppe nach dem im Hostel eingenommenen Abendbrot zum autonomen Zentrum Klinika, das nur wenige Minuten zu Fuß von unserer Herberge entfernt lag. In dem seit 2014 besetzten, derzeitig leider räumungsbedrohten Gebäude, das ehemals zu einer Klinik gehörte, sollte an jenem Abend ein musikalisch recht facettenreiches Konzert stattfinden, in dessen Rahmen drei Bands auftreten würden. Als wir das Gelände des Klinika erreichten, wurden wir freundlich von einer Handvoll Leute begrüßt, die sich um zwei riesige Holzkabeltrommeln gruppiert hatten, die ihnen als Stehtische dienten – ein Platz, den auch wir später ansteuern sollten, um frische Luft zu schnappen, zu quatschen und Bier zu trinken. Im Vorraum des Gebäudes befindet sich neben einer Umsonstecke auch eine Fotowand, an der die Visagen einiger Anti-Antifa-Fotograf_innen begutachtet werden können. Durch eine Tür gelangt man in den Barbereich, in dem Getränke auf Spendenbasis ausgeschenkt werden, der einige Sitzgelegenheit parat hält und dessen umfangreiche Infowand zum Verweilen einladen. Auch wir haben uns einen Überblick über die zahlreichen Flyer, Broschüren, Zeitschriften und Fanzines verschafft, wobei uns jedoch größtenteils leider erneut die Sprachbarriere einen Strich durch die Rechnung machte. Nachdem wir uns mit Getränken versorgt hatten, eröffnete im eigentlichen Konzertsaal, der sich hinter dem Barraum befindet, die erste Band den Abend. Die drei Jungs von Toufar aus dem tschechischen Havlickuv Brod gaben atmosphärischen Emo-Hardcore zum Besten, bevor die ebenfalls aus Tschechien stammende Punk-Rap-Crew PTKAZ die kleine Bühne enterte. An den Mics wechselten sich verschiedene MCs ab, während meist schleppend-schwere, zuweilen auch etwas verstörend wirkende Beats den Soundtrack für deren Sprechgesang lieferten. Dabei ist die PTKAZ-Crew wie wild auf der Bühnenfläche herumgesprungen, so dass unmissverständlich klar wurde, dass sie sichtlich Freude an dem hatten, was sie uns darboten. Ein beachtlicher Teil des anwesenden Publikums tat es ihnen gleich und ließ die rostigen Knochen zappeln. Das Schlusslicht bildeten an diesem Abend Decibelles, die auf dem Flyer als Indie-Punk angekündigt worden waren, was in mir nicht unbedingt erwartungsfreudige Begeisterungsstürme hervorrief. Doch was die drei Frauen aus Frankreich hier letztendlich ablieferten, war einfach nur mitreißend: von wegen Indie-Punk – absolut grandioser, zum Teil etwas wave-lastiger Riot Grrrl-Punk dröhnte durch den Raum und ließ die Meute ausflippen! Selten habe ich einen solch langen Applaus erlebt, woraufhin sich Decibelles natürlich auch nicht für einige Zugaben zu schade waren, die erneut frenetisch abgefeiert wurden. Auch Doreen war hellauf begeistert, so dass wir uns noch eine 10“ sowie das aktuelle Album der Französinnen gönnten, bevor wir uns zum Hostel zurückbegaben. Um unseren weiterhin konstanten Bierdurst zu stillen, kehrte ein Teil unserer Gruppe noch in einer kleinen RocknRoll-Kneipe namens Tunel ein, die sich quasi direkt neben unserem Hostel befand. Auch nach unserer Rückkehr ins Hostel genehmigten wir uns noch ein paar Bierchen, während ich mit Pudding, der u.a. als Bassist bei Angstbreaker aktiv ist, diverse Touranekdoten austauschte, bevor ich mich mit Jördis darüber unterhielt, wie sie damit zurechtkommt, ihren kleinen dreijährigen Sohn auf die Gedenkstättenfahrt mitgenommen zu haben. In dem Bewusstsein, einen sehr ereignisreichen Tag verlebt zu haben, legte ich mich zu später Stunde schließlich schlafen.

19. April Prag

Für den Vormittag dieses nasskalten Mittwochs war im Anschluss an das obligatorische Frühstück im Hostel ursprünglich eine Stadtführung geplant, in deren Verlauf uns Aletta und Wendula diverse Sehenswürdigkeiten Prags hätten zeigen sollen. Die beiden hatten sich jedoch überlegt, statt einer Stadtführung eine Stadtrallye mit uns durchzuführen, bei der in erster Linie nicht sie, sondern wir als Gruppe aktiv werden sollten. Hierfür hatten sie drei Themen vorbereitet, denen sich jeweils eine Kleingruppe von Fahrtteilnehmer_innen widmen sollte und die uns entlang verschiedener Station durch Prag führen würde. Ähnlich wie bei einer Schnipseljagd bekamen die drei Gruppen vor dem Eingang des Hostels ihre Wegbeschreibungen sowie einen A4-Umschlag ausgehändigt, in dem sich Informationen zu den zu durchlaufenden Stationen befanden. Während sich eine Gruppe dem ehemaligen jüdischen Leben in Prag widmen und sich eine andere Orten des gegen die nationalsozialistische Besetzung gerichteten Widerstands zuwenden sollte, begab sich unsere Kleingruppe auf die Spurensuche nach Zeugnissen eben jener Okkupationsherrschaft seitens der Nationalsozialist_innen. Da Aletta und Wendula besagte Stadtführung zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal durchführten, begleiteten sie sicherheitshalber zwei der Gruppen, um sicherzugehen, dass die Wegbeschreibungen auch klar formuliert sind, so dass sich niemand verlaufen würde. Während Aletta sich zu uns gesellte, zog die dritte Gruppe währenddessen mit Riki los, die sich ebenfalls recht gut in Prag auskennt. Mit Metro und Straßenbahn haben wir erst einmal eine halbe Weltreise unternommen, um zu unseren ersten Stationen zu gelangen, die sich auf demselben Hügel wie auch der Hradschin, die Prager Burgstadt, befanden. Vorbei am ehemaligen Hauptsitz des „Reichsprotektors“ und der deutschen Protektoratsverwaltung steuerten wir auch schon die Prager Burg an, die bereits seit dem Mittelalter als traditioneller Herrscher- und Regierungssitz dient. Am 15. März 1939, dem Tag des Einmarsches der Wehrmacht in die so genannte „Rest-Tschechei“, nahm Hitler persönlich die Prager Burg in Besitz. Mit der „deutsch-tschechischen Einigung“ vom 15. März und dem „Erlass des Führers und Reichskanzlers über das Protektorat Böhmen und Mähren“ vom 16. März war die Tschechoslowakei quasi von der Landkarte verschwunden und das Protektorat errichtet. Die Burg selbst diente allerdings nicht als Sitz der Protektoratsverwaltung, sondern blieb weiterhin tschechoslowakischer Regierungssitz. Formell regierte die Regierung der ehemaligen tschechoslowakischen Republik auch im Protektorat weiter – praktisch musste sie sich aber jede Handlung vom „Reichsprotektor“ absegnen lassen und war letztendlich der NS-Herrschaft gegenüber untergeordnet und weisungsgebunden.

Nachdem wir die tolle Aussicht, die man vom Hradschin aus über Prag hat, genossen hatten, zogen wir wieder bergab in Richtung Stadt. Hierbei passierten wir u.a. noch das ehemalige Wohnhaus von Radola Gajda, der als glühender Nationalist und Antikommunist 1925 die Narodni obec fasisticka, die Nationale faschistische Gesellschaft, nach dem Vorbild der Partei Benito Mussolinis gründete. Zwar strebte die Nationale faschistische Gesellschaft eine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialist_innen im Zuge ihrer Okkupation der Tschechoslowakei an, doch waren diese nicht geneigt, die Macht mit Gajda und seinen Anhänger_innen zu teilen. Im Gegenteil – die Gestapo verdächtigte Gajda der Subversion und ließ ihn verhaften. Nach Kriegsende wurde er wiederum verhaftet – diesmal vom sowjetischen Geheimdienst NKWD, der ihn wegen „Förderung von Faschismus und Nazismus“ 1947 vor ein Gericht stellte, das Gajda aber nur zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilte. Wenige Monate nach seiner Entlassung starb Gajda. Unser Weg führte uns weiter über die bereits im 14. Jahrhundert errichtete, heutzutage von Tourist_innenmassen regelrecht überlaufene Karlsbrücke, unter der die Moldau entlangfließt. Angesichts der beißenden Kälte und des einsetzenden Hungergefühls beschlossen wir, die Stadtrallye an dieser Stelle abzubrechen, obwohl wir erst fünf der insgesamt acht Stationen durchlaufen hatten. Stattdessen kehrten wir zum Mittagessen in einem indischen Restaurant ein, das kantinenartig aufgebaut war, so dass man allerlei Leckereien kosten könnte. Gestärkt begaben wir uns auf den Rückweg, auf dem wir dem nur unweit von unserem Hostel entfernt gelegenen Militärmuseum noch einen verhältnismäßig kurzen Besuch abgestattet haben. Vor dem Museum begrüßte uns bereits ein ausrangierter T-34-Panzer, während im Inneren des klobigen Gebäudes eine sich über zwei Etagen erstreckende Dauerausstellung auf uns wartete, die die Geschichte des tschechischen Militärs beginnend mit dem Ersten Weltkrieg bis hin zum antikommunistischen Widerstand nach Ende des Zweiten Weltkriegs nachzeichnet. Gezeigt werden hierbei in erster Linie zahlreiche, für das Militär typische Ausrüstungsgegenstände – allen voran natürlich verschiedenste Waffen und Uniformen. Gesteigertes Interesse riefen bei mir die Dioramen hervor, mit denen mit Hilfe von Modellpanzern, -flugzeugen und -schiffen bedeutende Schlachten des Zweiten Weltkriegs nachgestellt worden sind. Minutenlang blieb ich vor den großen gläsernen Schaukästen stehen, war fasziniert von der Detailgenauigkeit und fühlte mich sogleich in meine Kindheit zurückversetzt, als ich selbst noch mit großer Leidenschaft derartige Modelle zusammengebaut habe. Der sich im Keller des Museums befindlichen Wechselausstellung zum „Protektorat Böhmen und Mähren“ konnte ich mich aufgrund der vorangeschrittenen Zeit leider nur noch überfliegend widmen.

Nachdem nach und nach wieder alle drei Gruppen den Weg zurück ins Hostel gefunden hatten, führten wir im Aufenthaltsraum gemeinsam eine ausführliche Auswertungsrunde durch, um Aletta und Wendula konstruktives Feedback für ihre Stadtrallye zu geben: Manchmal waren einige Wegbeschreibungen etwas unklar, die ein oder andere Station passte inhaltlich nicht so recht zum entsprechenden Hauptthema der Gruppe und einige Station könnte man in Zukunft gewiss auch streichen, da die Rallye sonst einfach zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Aber das ist letztendlich alles nur der Feinschliff für eine sehr gelungen vorbereitete Stadtrallye, deren Durchführung viel Spaß gemacht hat und die in pädagogisch-didaktischer Sicht als willkommene Bereicherung zu Führung, Ausstellungsbesichtigung & Co. betrachtet werden kann.

Den zweiten Programmpunkt für diesen Tag bildete ein von Aletta im Aufenthaltsraum des Hostels durchgeführtes Input-Referat, das sich inhaltlich einerseits mit der Lage der Sinti und Roma im Nationalsozialismus allgemein und andererseits mit dem so genannten „Zigeunerlager Lety“ im Speziellen auseinandergesetzt hat, dessen Gedenkstätte wir am kommenden Tag besuchen sollten.

Nach Alettas Vortrag verbrachten wir den Abend bei Bier, Gesprächen und Musik aus dem Laptop im Aufenthaltsraum des Hostels. Ich hatte zwar noch die Adressen dreier Kneipen im petto (Nad Viktorkou, Herba Cafe, Bohuzel Bar), die mir im Vorfeld empfohlen worden waren, aber ich fühlte mich ziemlich ausgelaugt und war auch gesundheitlich stark angeschlagen, so dass ich es für das Klügste hielt, an diesem Abend keine weiteren Ausflüge zu unternehmen.

20. April Lety / Litomerice

Nachdem wir an diesem Donnerstagmorgen gefrühstückt und anschließend aus unserem Hostel ausgecheckt hatten, brachen wir mit unserem Bus zur etwa eine Stunde entfernt liegenden Gedenkstätte des ehemaligen „Zigeunerlagers Lety“ auf.

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Baracken des „Zigeunerlagers Lety“ .

Unweit der kleinen Gedenkstätte erblickten wir bereits auf der linken Seite eine riesige Schweinezuchtanlage, die im Laufe des Tages noch so einigen Diskussionsstoff liefern sollte. Wenige Minuten später bogen wir von der Landstraße nach links in ein Waldstück ein, das in einen sehr überschaubaren Besucher_innenparkplatz mündete. Außer uns hatte sich niemand auf diesen Flecken Erde verirrt, so dass es auch wenig verwunderlich war, dass weder Gedenkstättenmitarbeiter_innen noch eine allgemeine Information zu sehen waren. Glücklicher Weise hatten wir ja Aletta und Wendula im Schlepptau, die sich bestens mit dem Ort auskennen und uns gezielt entlang des schmalen grauen Schotterwegs zu einem Modell des ehemaligen „Zigeunerlagers Lety“ lotsten, um uns anhand dieser Miniatur den Aufbau des Lagers zu erläutern. Gegenüber des Modells befinden sich auf der anderen Seite des Weges drei rekonstruierte Baracken, die verdeutlichen, unter welch unmenschlichen Lebensbedingungen hier Sinti und Roma zusammengepfercht worden sind. Zuerst besichtigten wir eine rekonstruierte Wohnbaracke: gerade einmal sechs Quadratmeter, in der sich zwei doppelstöckige Holzpritschen, ein Tisch und zwei Sitzbänke sowie ein Ofen befanden, für den es aber kein Brennmaterial gab. Wie müssen die zehn (!) Bewohner_innen, die sich eine solch winzige Unterkunft teilen mussten, angesichts der grob gehauenen Holzbretter, aus denen die Baracken errichtet worden sind und durch die gerade in den kalten Jahreszeiten unaufhörlich der Wind gepfiffen hat, wohl gefroren haben? Abgesehen vom fehlenden Brennholz gab es auch kein fließendes Wasser, so dass die Sinti und Roma auf das schmutzige Wasser aus dem angrenzenden Teich angewiesen waren. Die hygienischen Zustände waren dementsprechend katastrophal und boten den idealen Nährboden zur Ausbreitung von Krankheiten, die letztendlich in Epidemien gipfelten. Eine weitere Baracke informierte in Form einer kleinen, auch in Englisch übersetzten Dauerausstellung über die Geschichte des „Zigeunerlagers Lety“, während eine dritte als Toilette für die Besucher_innen diente.

Als wir schließlich den schmalen Weg etwas weiter entlangschritten, gelangten wir zu einer Wiese, auf der in einigen Metern Entfernung ein Gedenkstein aus Granit zu sehen ist, der sich auf dem Gelände des ehemaligen Notfriedhofs des Lagers befindet und an die hier zu Tode gekommenen Opfer erinnern soll. Wendula gab uns einen kleinen Einblick, wie würdelos mit dem Gedenken an die hier Verstorbenen umgegangen wird, indem sie uns berichtete, dass der Mist der Schweinezuchtfarm immer wieder in unmittelbarer Nähe zu diesem Massengrab abgeladen wird, woraufhin sich ein unglaublicher Gestank in der ganzen Gegend ausbreitet. Dies sollte jedoch nicht das einzige Beispiel dafür bleiben, wie wenig Achtung den ehemaligen Häftlingen dieses Lagers auch heutzutage noch gezollt wird, einfach aus dem Grund heraus, weil es sich bei ihnen um Sinti und Roma handelt. So führten uns Aletta und Wendula im Anschluss einen Abschnitt eines Lehrpfades entlang, der von der Regierung unter Vaclav Havel, dem tschechischen Staatspräsidenten im Zeitraum von 1993 bis 2003, initiiert worden ist. Aletta und Wendula übersetzten uns die Informationstafeln, die die einzelnen Stationen des Lehrpfades bildeten, wobei wir immer mehr den Eindruck bekamen, den Verfasser_innen sei wesentlich mehr daran gelegen, immer wieder auf die Regierung Havels als Initiatorin hinzuweisen, als brauchbare Informationen zum Schicksal der Sinti und Roma zu vermitteln. Darüber hinaus ist gleich auf der ersten Tafel neben dem Informationstext das gemalte Bild einer „klassischen Zigeunerin“ abgebildet, das an Klischeehaftigkeit wohl kaum zu überbieten sein dürfte: bekleidet mit einem Kopftuch, aus dem ihre wilden Haarsträhnen hervorschauen und im Wind flattern, wirft sie uns über ihre entblößte Schulter einen lasziv-verführerischen Blick zu, der Assoziationen wie Wahrsagerei, wilde Trink- und Tanzgelage sowie sexuelle Ausschweifungen hervorruft. Gegen all diese Aktivitäten ist definitiv nichts einzuwenden, aber dass die Reproduktion derartiger Stereotype zu Verständnis und Respekt gegenüber Sinti und Roma beitragen, wage ich stark zu bezweifeln. Durch den Wald führte uns der selbsternannte Lehrpfad an der Rückseite der Schweinezuchtfarm vorbei, dessen hintere Gebäude großflächig und damit gut sichtbar mit Farbbeuteln und Graffiti attackiert worden sind. Wendula klärte uns auf, dass es immer wieder zu derartigen Protestaktionen, beispielsweise auch zur Besetzung der Zufahrtswege der Farm kommt, in deren Rahmen Aktivist_innen darauf aufmerksam machen wollen, dass sich das Gelände der Schweinezuchtfarm zu etwa einem Drittel mit dem des ehemaligen Lagergeländes deckt, wie übrigens auch eine Informationstafel neben der Farm bildhaft verdeutlicht. Verbunden mit derartigen Protesten sind die Forderungen an die Regierung, die Schweinefarm zu kaufen und zu schließen, um der Opfer des „Zigeunerlagers Lety“ in einem würdigeren Rahmen gedenken zu können. In Februar 2009 erteilte die Regierung diesem Ansinnen aus Kostengründen eine Absage. Stattdessen hat sie Ende 2009 das Gelände des ehemaligen „Zigeunerlagers Hodonin“ erworben, mit dem Ziel, dort ein Informationszentrum über die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma zu gestalten. Bereits auf dem Rückweg zu unserem Bus eröffnete sich für viele von uns der Kontrast zwischen der Gedenkstätte Lidice auf der einen und der Gedenkstätte des „Zigeunerlagers Lety“ auf der anderen Seite. Einerseits eine weitläufige Gedenkstättenanlage, die ein modernes Museum mit einem Raum für Filmvorführungen sowie eine didaktisch sehr gut konzipierte Ausstellung umfasst und mehrere Denkmäler sowie den „Rosengarten der Freundschaft und des Friedens“ einschließt. Andererseits ein kleines Modell, drei winzige Baracken und ein aus der Ferne unscheinbar wirkender Gedenkstein – alles in unmittelbarer Nähe zu einer riesigen Schweinezuchtfarm gelegen, die nicht nur einen Teil des ehemaligen Lagers und damit des potentiellen Gedenkstättengeländes einschließt, sondern zugleich einen ekelhaften Gestank über dem ganzen Areal verbreitet. Während für Lidice bereits Anfang der 1950er Jahre Formen des Gedenkens entstanden, war dies für Lety erst 1995 der Fall. Im Falle von Lidice wurden unschuldige Zivilist_innen als Vergeltungsakt für eine Widerstandstat ermordet und deportiert, weil ihnen unterstellt worden war, sie hätten Kontakt zu den Widerstandskämpfern gehabt. Das Schicksal dieser Opfergruppe kann also in heroischer Weise, nämlich vor dem Hintergrund des auf Heydrich erfolgten Attentats interpretiert werden. Aber auch in Lety wurden Menschen ausgebeutet, gequält und dem Tode preisgegeben, die nicht minder unschuldig waren – schließlich bestand aus nationalsozialistischer Sicht ihr einziges „Vergehen“ darin, Sinti und Roma zu sein. Dass den Opfern von Lidice ansprechend gedacht wird, während den Opfern von Lety wenig bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, eröffnet breite Interpretationsspielräume, die wir als Gruppe u.a. in der kommenden Reflexionsrunde diskutiert haben. So liegt die Vermutung nahe, dass in der tschechischen Gesellschaft und Politik – und natürlich leider nicht nur in Tschechien – auch heute noch viele Stimmen existieren, die Sinti und Roma als „arbeitsscheues Gesindel“ abstempeln, das seine Existenz nur mittels Diebstählen absichern würde. Der Schritt, einstige Lager wie jenes in Lety als „positive Einrichtungen“ zu verklären, in denen „den Zigeunern dank harter körperlicher Arbeit endlich einmal ein geordnetes Leben beigebracht“ würde, liegt da natürlich nicht weit. Dass derartigem Denken alsbald auch Taten folgen können, zeigen die vielen antiziganistischen Pogrome der vergangenen Jahre in Tschechien. Mit diesen Gedanken beschäftigt, steuerten wir unsere nächste Station – die kleine Stadt Litomerice – an. Nach einem kurzen Halt in Prag, wo wir uns von Wendula verabschiedeten, erreichten wir am Nachmittag unser Ziel und checkten im scheinbar einzigen Hostel der Stadt, das wahrscheinlich ehemals eine Schule war, ein. Nachdem wir die geräumigen Zimmer bezogen und die nähere Umgebung bereits ein wenig erkundet hatten, bot ich den Teilnehmer_innen an, bei Interesse den Dokumentarfilm „Der Letzte der Ungerechten“ zur Überbrückung der Zeit bis zum Abendessen zu zeigen. Der französische Regisseur Claude Lanzmann hatte 1975 ein vierstündiges Interview mit Benjamin Murmelstein, dem einzigen überlebenden „Judenältesten“ und letzten Vorsitzenden des Judenrates aus dem Ghetto Theresienstadt, geführt. Für seine ebenso monumentale wie auch wegweisende Dokumentation „Shoah“ hat Lanzmann die dabei entstandenen Aufnahmen jedoch nie verwendet. Stattdessen gibt es das Interview – angereichert mit vielen Bildern und Hintergrundinformationen zum Ghetto Theresienstadt – mittlerweile als eigenständige Dokumentation zu kaufen. Ich habe gerade diese Dokumentation ausgesucht, da unsere Gruppe in den kommenden beiden Tagen das nur etwas vier Kilometer entfernt liegende ehemalige Ghetto Theresienstadt besichtigen sollte. Nach etwa der Hälfte des dreieinhalbstündigen Filmes stoppte ich vorerst den Streifen, da zunächst das Abendessen anstand, bevor alle Interessierten auch die zweite Hälfte der DVD weiterschauen konnten. Derweil begab ich mich allein zu den sich etwas außerhalb von Litomerice befindlichen Überresten von „Richard I“. Hierbei handelte es sich um eine unterirdische Stollenanlage, die zum KZ-Außenlager Litomerice gehörte und in der Ende des Zweiten Weltkriegs von KZ-Häftlingen Panzermotoren gefertigt wurden. Allmählich brach die Dunkelheit über mich herein und nach einigen zurückgelegten Kilometern, ohne auch nur annähernd mein Ziel entdeckt zu haben, zweifelte ich langsam daran, auf dem richtigen Weg zu sein. Nichtsdestotrotz lief ich weiter, durchquerte schließlich auf recht abenteuerlichem Weg ein morastiges Waldgebiet und stand schließlich davor – vor dem von zwei riesigen verrosteten Eisentoren verschlossenen Zugang ins Innere der Stollenanlage von „Richard I“. Da es hier nicht weiterging, es immer dunkler wurde und außer besagtem Eingang auch nicht viel zu entdecken war, schlug ich den Weg zurück in Richtung Stadt ein. Auf dem Rückweg kam mir der Gedanke, schon einmal den genauen Weg zur Gedenkstätte des KZ-Außenlagers Litomerice zu erkunden, das sich auf dem Gelände des ehemaligen Lagerkrematoriums befindet, welches heute noch besichtigt werden kann. Gesagt, getan. Einige Minuten später stand ich schließlich auf dem jederzeit zugänglichen Gelände der Gedenkstätte, das von zahlreichen, am Boden befestigten Strahlern hell erleuchtet wurde. Nachdem ich das überschaubare Areal durchschritten hatte, kehrte ich schließlich zum Hostel zurück.

Angesichts der vorangeschrittenen Stunde entschieden wir als Gruppe, die ursprünglich eingeplante Reflexionsrunde auf den nächsten Tag zu verlegen. Um meiner Müdigkeit entgegenzukommen und auch ein wenig Rücksicht auf meine sich immer stärker bemerkbar machende Erkältung zu nehmen, beschloss ich, mich kurzerhand ins Bett zu verkriechen...

21. April Litomerice / Theresienstadt

Im Anschluss an das Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Gedenkstätte des ehemaligen KZ-Außenlagers Leitmeritz, die sich am Stadtrand von Litomerice befindet und von unserem Hostel zu Fuß aus eine gute Viertelstunde in Anspruch nahm.

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Das ehemalige Krematorium des KZ-Außenlagers Leitmeritz.

Entgegen der im Internet zu findenden Angabe, die Gedenkstätte habe täglich von 08.00 bis 18.00 Uhr geöffnet, wies uns eine am ehemaligen Lagerkrematorium angebrachte Informationstafel darauf hin, dass erst das Personal der Gedenkstätte Theresienstadt telefonisch oder via E-Mail informiert werden müsse, von denen jemand extra anreisen würde, um das Krematorium aufzuschließen, damit man das Innere desselben besichtigen könne. Da ich dies nicht wusste, blieb uns der Zutritt zum ehemaligen Krematorium verwehrt, so dass wir uns damit begnügen mussten, das erst im April 1945 in Betrieb genommene, einstöckige Gebäude aus roten Ziegelsteinen von außen zu betrachten. Hinter dem Krematorium, das durch einen unterirdischen Kanal mit einem riesigen Schornstein verbunden ist, den man schon von Weitem her sehen kann, befindet sich ein kleiner grauer Gedenkstein, der mittels seiner tschechischen wie auch englischen Inschrift an die tausenden Häftlinge erinnert, die unter unmenschlichsten Bedingungen im KZ-Außenlager Leitmeritz Zwangsarbeit leisten mussten. Optisch imposanter gestaltet sich hingegen das riesige Denkmal, das 1992 parallel zum erwähnten Gedenkstein auf der Wiese hinter dem Krematoriumsgebäude errichtet worden ist. Aufgrund seiner einerseits realistisch-konkreten Darstellung von kläffenden Hunden, Zwangsarbeit leistenden Häftlingen und Bergwerksloren, andererseits aber auch angesichts der abstrakt-surrealen Darstellungsweise eben jener Plastiken und Gegenstände eröffnen sich verschiedene, sich auf bestimmte Details konzentrierende Interpretationsmöglichkeiten, die von den Teilnehmer_innen angeregt diskutiert wurden. Ich würde sagen, dass der für dieses Denkmal verantwortliche Künstler Jiri Sozansky verdeutlichen wollte, dass die Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern unweigerlich in den Tod führte, der in diesem Fall durch einen angedeuteten Krematoriumsschornstein dargestellt wird. Aufgrund der Tatsache, dass sich das eigentliche Konzentrationslager an anderer Stelle befand und die heutige Gedenkstätte lediglich das Krematorium, den Gedenkstein sowie das Denkmal umfasst, brachen wir nach der nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmenden Besichtigung derselben wieder in Richtung Innenstadt auf, wo wir den Teilnehmer_innen etwas Freizeit einräumten, damit diese die Gelegenheit hatten, Litomerice auf eigene Faust zu erkunden. So schlenderten wir an der Baronka-Bar vorbei, in der angesichts der überall in der Stadt verklebten Konzertplakate wohl recht regelmäßig Grindcore- und Metal-Konzerte stattfinden, überquerten den idyllisch wirkenden Marktplatz und ließen uns kurze Zeit später am Ufer der Elbe nieder, um ein wenig auszuruhen. Das sich anschließende Mittagessen nahmen wir im Kafe Doma zu uns, einem direkt am Markt, allerdings etwas versteckt in einem Hinterhof liegenden Restaurant, das vorzügliche vegetarische wie auch vegane Speisen zu sehr günstigen Konditionen anbietet. Zurück am Hostel bestiegen wir sogleich unseren Bus, der uns ins nur etwa vier Kilometer entfernte Theresienstadt beförderte. Nachdem wir die beeindruckenden Festungswallanlagen und den kleinen Stadtkern der einstigen habsburgischen Garnisonsstadt passiert hatten, bogen wir unweit der so genannten Kleinen Festung nach links auf den Besucher_innenparkplatz ein. Als wir alle ausgestiegen waren, erläuterte ich kurz mit Hilfe einer sich am Ausgang des Parkplatz befindlichen Übersichtskarte die bauliche Aufteilung Theresienstadts in die Kleine Festung, die ab 1940 als Gestapogefängnis für politische Häftlinge diente, und die so genannte Große Festung, die die Nationalsozialist_innen nur ein Jahr später als Ghetto umfunktionierten, in das sie im Schnitt rund 60.000 Jüdinnen und Juden aus den verschiedensten Ländern zusammenpferchten, so dass in der ganzen Zeit des Bestehens des Ghettos ca. 140.000 Jüdinnen und Juden Theresienstadt durchlaufen haben.

Zunächst besichtigten wir den 1945 errichteten Nationalfriedhof, der sich schräg gegenüber des Besucher_innenparkplatzes befindet. Hier wurden die Leichen des Gestapogefängnisses in der Kleinen Festung, des Ghettos Theresienstadt sowie des KZ-Außenlagers Leitmeritz bestattet. Von September 1945 bis 1958 wurden die exhumierten Leichen hierher überführt und beigesetzt. 3.000 namentlich bezeichnete Einzelgräber und eine Reihe von Massengräbern mit weiteren etwa 7.000 Leichen werden von einem großen Holzkreuz überragt. Schon 1945 war ein großes Holzkreuz auf dem Nationalfriedhof errichtet worden, das 1948 unter kommunistischem Regime als christliches Symbol der Dominanz abgebaut worden war. Aufgrund einer Initiative des Bischofs von Litomerice wurde Mitte der 1990er Jahre wieder ein großes zentrales Holzkreuz aufgestellt. Diese christliche, das Areal dominierende Symbolik führte schließlich zu jüdischen Protesten, woraufhin Mitte der 1990er Jahre auch ein Davidstern in der Nähe der Massengräber aufgestellt worden ist. Wir durchschritten die sich aus hunderten kleinen Grabsteinen zusammensetzenden Reihen, passierten Holzkreuz wie auch Davidstern und betrachteten kurz die wehrhaft wirkenden Wallanlagen der gegenüberliegenden Kleinen Festung. Anschließend überquerten wir über eine Brücke den kleinen Fluss Eger, der zwischen Großer und Kleiner Festung verläuft, schlüpften durch eines der Festungstore, die Einlass in die Große Festung gewährten und legten schließlich einen kurzen Zwischenstopp am Eingang des Ghettomuseums ein, das von uns am nächsten Tag besichtigt werden sollte. Wir überquerten den unmittelbar neben dem Museum liegenden Marktplatz und passierten die so genannten Magdeburger Kasernen, in denen zur Zeit des Ghettos die jüdische Selbstverwaltung ihren Sitz hatte. Heute befindet sich hier das Begegnungszentrum der Gedenkstätte Theresienstadt, in der Bildungsprogramme stattfinden, eine rekonstruierte Gefangenenunterkunft besichtigt werden kann und eine Dauerausstellung zu finden ist, die sich verschiedenen Bereichen des kulturellen Lebens im Ghetto widmet. Unser eigentliches Ziel bildeten jedoch das etwas außerhalb der Festungsmauern gelegene Krematorium sowie der sich um selbiges erstreckende jüdische und sowjetische Friedhof. Biegt man links in den schmalen geteerten Weg in Richtung Friedhof ein, bleibt das gelbe Krematoriumsgebäude noch eine ganze Weile durch Büsche und Bäume verdeckt, wohingegen das riesige steinerne Denkmal in Form einer angedeuteten Menora, jenes siebenarmigen Leuchters, der eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums darstellt, schon von Weitem hin sichtbar ist. Als wir den Rand des Friedhofsgeländes erreicht hatten, gab ich den Teilnehmer_innen einen kurzen Überblick über die Bedeutung des vor uns liegenden Geländes.

Die Räume des Krematoriums können kostenlos besichtigt werden. Betritt man das Gebäude, informiert im vorderen und hinteren, jeweils etwas kleineren Raum eine Dauerausstellung über das Leben im Ghetto Theresienstadt sowie die Bedeutung des Krematoriums im System des Ghettos. Im zentralen, länglichen Raum befinden sich immer noch die vier Verbrennungsöfen, auf denen in der Regel dutzende kleiner Teelichter stehen, die man bei dem dortigen Mitarbeiter der Gedenkstätte kaufen kann und mit denen Besucher_innen an die in Theresienstadt Verstorbenen bzw. Ermordeten erinnern. Links schließt sich zudem der geflieste Obduktionsraum an, in dessen Mitte ein großer Obduktionstisch steht. In einem Schrank werden darüber hinaus diverse medizinische Instrumente gezeigt. Nachdem ich mir überblicksartig die Dauerausstellung angeschaut und anschließend ein wenig durch die verschiedenen Bereiche des recht weitläufigen Friedhofs gegangen bin, kehrte unser Organisator_innen-Team in einer nur unweit entfernt liegenden Gaststätte ein, um in Ruhe noch einige organisatorische Fragen wie beispielsweise den konkreten Ablauf des letzten Tages unserer diesjährigen Gedenkstättenfahrt zu klären. Währenddessen hatten die Teilnehmer_innen der Fahrt die Möglichkeit, das ehemalige Ghetto Theresienstadt selbstständig zu erkunden, bevor wir uns am frühen Abend alle nach und nach wieder auf dem Parkplatz bei unserem Bus einfanden. Zurück im Hostel gönnten wir uns erst einmal das Abendessen, bevor wir anschließend in die einzelnen Reflexionsrunden gingen. Zentrale Diskussionspunkte innerhalb unserer Reflexionsrunde waren einerseits die Fragen, wie der Nationalsozialismus an die Macht gelangen konnte und welche Gründe die Menschen damals dazu bewogen haben, aktiv an diesem System mitzuwirken. Komplexe Fragen, zu deren Beantwortung keine einfachen, eindimensionalen Antworten taugen. Andererseits debattierten wir über die unterschiedlichen Formen von Erinnerungskultur, wie sie uns anhand der sehr unterschiedlich gearteten Gedenkstätten Lidice und Lety vor Augen geführt worden sind. Den Abend ließen wir schließlich noch gemütlich bei interessanten Gesprächen in Begleitung von Dosenbier oder Limonade und untermalt von allerlei verschiedener Musik, die mehr oder weniger verständlich aus den Laptopboxen schepperte, ausklingen.

22. April Theresienstadt

Nachdem wir gefrühstückt und aus dem Hostel ausgecheckt hatten, brachen wir erneut per Bus in Richtung Theresienstadt auf, wo wir nach nur wenigen Minuten wiederum auf dem großen Besucher_innenparkplatz eintrafen, der sich schräg gegenüber des Nationalfriedhofs befindet. Zu Fuß passierten wir die kleine Allee links des Nationalfriedhofs, bis wir nach wenigen hundert Metern bereits den schwarz-weiß-gestreiften Torbogen der Kleinen Festung durchschritten, um überpünktlich an der im Torgebäude befindlichen Kasse das Ticket für die im Vorfeld gebuchte Führung zu lösen. Sogleich trat ein kleiner, recht betagter, weißhaariger Herr an uns heran, der sich als unser Guide vorstellte, welcher uns in der kommenden Stunde durch das Gelände der Kleinen Festung führen würde. Karl – so der Name unseres Guides – wies uns an, ihm in die der Kasse gegenüberliegende Seite des Torbogens zu folgen, in der sich eine kleine Ausstellung zur Entstehungsgeschichte Theresienstadts befindet. In hervorragendem Deutsch erläuterte uns Karl, dass die Garnisonsstadt unter der Herrschaft des habsburgischen Kaisers Joseph II. in den Jahren 1780 bis 1784 errichtet und nach Maria Theresia, der Mutter Joseph II., benannt worden ist. Ziel war es gewesen, mit Hilfe der gewaltigen Festungsanlage die Flussübergänge über Eger und Elbe gegen die Preußen abzusichern. Zu militärischen Auseinandersetzungen der beiden damaligen Großmächte ist es zu jener Zeit jedoch nicht gekommen, da Österreich 1791 ein Bündnis mit Preußen eingegangen ist, um gegen die 1789 ausgebrochene Französische Revolution zu Felde zu ziehen. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Jahre 1918 diente die Kleine Festung fortan als Militärgefängnis, in das u.a. auch Gavrilo Princip eingesperrt worden ist. Princip hatte am 28. Juni 1914 ein tödliches Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz-Ferdinand sowie dessen Ehefrau Sophie verübt, was schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geführt hat. Der aufgrund der Haftbedingungen gesundheitlich erkrankte Princip verstarb schließlich am 28. April 1918 im Gefängnislazarett. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der mit dem Versailler Vertrag einhergehenden Gründung der Tschechoslowakei diente Theresienstadt fortan als Garnisonsstadt für die tschechoslowakische Armee. Nach den einführenden Worten zur Entstehungsgeschichte Theresienstadts verließen wir den Ausstellungsraum wieder und begaben uns nun auf einen Rundgang durch die Kleine Festung.

Wir folgten Karl nach links in einen ersten Innenhof, in dem zur Zeit der deutschen Besatzung vorrangig politische Gefangene die Aufnahmeprozedur in die Kleine Festung durchlaufen mussten, die ab 1940 als Gestapogefängnis diente. Einen zweiten Innenhof erreichten wir, indem wir einen Torbogen durchschritten, der von den Nationalsozialist_innen wie in vielen Konzentrationslagern mit der zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ versehen worden war. In diesem Innenhof befindet sich u.a. der Block A, der Sammelzellen beherbergte, in denen jeweils rund 100 Gefangene zusammengepfercht wurden, die ohne jegliche Privatsphäre eng aneinandergepresst auf Holzpritschen schlafen mussten, kein fließendes Wasser in der Zelle hatten und denen nur eine einzige, sich direkt in der Zelle befindliche Latrine zur Verfügung stand, von der ein bestialischer Gestank ausgegangen sein muss. Block B setzte sich hingegen aus Einzelzellen zusammen, die unter den Häftlingen auch als „Todeszellen“ bezeichnet worden sind, da hier diejenigen Häftlinge eingesperrt wurden, die zuvor zum Tode verurteilt worden waren. Unser Weg führte uns weiter in einen großen Waschraum, in dem sich an den Wänden links und rechts dutzende Waschbecken samt Wasserhähnen befinden, über denen zudem jeweils noch einzelne Spiegel angebracht worden sind. Im Gegensatz zur soeben beschriebenen Häftlingsrealität mangelnder sanitärer Einrichtungen war dieser Raum einzig und allein zu dem Zweck eingerichtet worden, um das Komitee des Internationalen Roten Kreuzes zu täuschen, das im Juni 1944 das Ghetto Theresienstadt auf Druck der dänischen Regierung besichtigte, um die Lebensbedingungen der in der Großen Festung ghettoisierten Jüdinnen und Juden sowie der in der Kleinen Festung inhaftierten Gefangenen zu untersuchen. Durch Blendwerk wie den beschriebenen, nie genutzten Waschraum sollte dem Komitee des Internationalen Roten Kreuzes vorgegaukelt werden, Jüdinnen und Juden wie auch politische Häftlinge würden hier unter normalen menschenwürdigen Bedingungen leben – ein Täuschungsmanöver der Nationalsozialist_innen, das problemlos sein Ziel erreichte.

Dass der Tod entgegen all der Täuschungen der ständige Begleiter der in Theresienstadt Eingesperrten war, belegen u.a. die Erschießungsmauer und der Galgen, die wir erreichten, nachdem wir einen schmalen unterirdischen Gang passiert hatten, der von den Nationalsozialist_innen jedoch ungenutzt geblieben ist. Hatte jene Mauer dem tschechoslowakischen Militär noch zu Schießübungen gedient, wurden hier unter deutscher Besatzung etwa 250 Häftlinge hingerichtet. Ein sich an Erschießungsmauer und Galgen anschließendes Mahnmal, die eine von Leid und Qual geprägte Menschengruppe zeigt, greift die Schrecken, die von diesem Ort ausgingen, sehr eindrucksvoll auf. Im krassen Kontrast hierzu steht wiederum das Bassin, das sich gegenüber der Kommandantenvilla befindet und von Häftlingen zwangsweise errichtet werden musste, um der Familie des Kommandanten die Gelegenheit zu verschaffen, bei schönem Wetter im Freien baden gehen zu können.

An dieser Stelle verabschiedete sich Karl von uns, ohne der Gruppe die Möglichkeit einzuräumen, noch einmal Nachfragen stellen zu können, was ich als wenig professionell empfand. Ohnehin hatte ich den Eindruck, dass uns unser Guide wenig Zeit gelassen hat, um uns in Ruhe alles anzuschauen und das Gelände der Gedenkstätte auf uns wirken zu lassen – bei solch einem sensiblen Thema regelrecht vorneweg zu hetzen, halte ich jedenfalls für äußerst kontraproduktiv.

Den vor seiner Verabschiedung von Karl angekündigten Schlusspunkt der Führung bildete der Film „Die geschenkte Stadt“, der von Besucher_innen in verschiedenen Sprachen in einem kleinen Kinosaal angeschaut werden kann. Auch hierbei handelt es sich um ein Relikt nationalsozialistischer Propaganda, mit deren Hilfe die eigentlichen katastrophalen Lebensbedingungen im Ghetto vertuscht werden sollten. So wird beispielsweise ein in einem großen Innenhof stattfindendes Fußballspiel präsentiert, bei dem sich rasante Spielszenen mit Großaufnahmen von den auf den Zuschauerrängen sitzenden, angespannt zuschauenden, zum Teil euphorisch jubelnden Ghettobewohner_innen abwechseln. Die reinste Farce, wenn man bedenkt, dass nach den Dreharbeiten die meisten Schauspieler ins Vernichtungslager von Auschwitz deportiert und viele von ihnen dort ermordet worden sind. Im März 1945 wurde der Film im besetzten Prag erstmals aufgeführt, galt anschließend als verschollen, bis 1964 schließlich ein 15-minütiges Fragment desselben wieder aufgefunden worden ist. Um die propagandistische Wirkabsicht des Films nicht zu reproduzieren, sondern selbige zu dekonstruieren, wurden während des Films Deportationszüge, die aus Theresienstadt in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager abgefahren sind, sowie deren dazugehörige Anzahl an Deportierten sowie die Anzahl an Überlebenden benannt.

Von den in der Regel jeweils 1.000 deportierten Personen überlebte oftmals nicht einmal eine Handvoll. Dieser Kontrast aus fröhlich wirkenden, jedoch durchweg inszenierten Bildern einerseits und erschütternden, darüber gesprochenen Daten von Deportierten und Überlebenden andererseits hat unsere Gruppe sichtlich bewegt. Nachdem wir das Gebäude, in dem sich der Kinosaal befindet, wieder verlassen hatten und einige Meter gegangen waren, entdeckten wir linkerhand einen weiteren, mit grauem Schotter ausgelegten Innenhof, der links wie auch rechts von Zellenblöcken gesäumt wird. Als wir den geräumigen Hof betreten hatten, klärten uns eine Informationstafel sowie eine kleine Ausstellung darüber auf, dass dieser Abschnitt der Kleinen Festung nach der Befreiung Theresienstadts durch die Rote Armee am 08. Mai 1945 als Internierungslager für Deutsche genutzt worden ist.

Warum unser Guide im Rahmen seiner Führung nicht auch auf die Geschichte der Kleinen Festung nach 1945 eingegangen ist, hat sich mir angesichts der Tatsache, dass er uns im Vergleich dazu ja auch die Entstehungsgeschichte Theresienstadts recht ausführlich erläutert hat, nicht ganz erschlossen. Im von außen etwas unscheinbar wirkenden Museumsshop habe ich mich anschließend noch mit diversen Büchern und DVDs rund um das Thema Theresienstadt eingedeckt, die dort in verschiedenen Sprachen zu fairen Preisen zum Kauf angeboten werden. Im Anschluss besuchten wir eine informative Ausstellung, die sich abgesehen von einem einführenden Überblick zur Entstehung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ in erster Linie mit den Haftbedingungen in der Kleinen Festung auseinandersetzt. Die mangelnde medizinische Versorgung, die Formen der Zwangsarbeit, die die Häftlinge verrichten mussten, oder die Einzelschicksale dutzender hingerichteter Häftlinge bilden ebenso Bestandteile der Ausstellung wie auch Möglichkeiten des Widerstands – so z.B. in Form von Briefen bzw. kleinen künstlerischen Erzeugnissen der Häftlinge – oder eine Rekonstruktion der wenigen Fluchtversuche. Da unser Zeitplan recht eng gesteckt war, fehlte uns leider die Zeit, uns im Detail mit jener Ausstellung zu beschäftigen – immerhin stand bis zur Teilnahme an der geplanten Gedenkveranstaltung unserer Gruppe auch noch der Besuch des Ghettomuseums sowie das individuell zu erledigende Mittagessen auf dem Programm.

Zügigen Schrittes bewegten wir uns demzufolge in den Stadtkern Theresienstadts, wo wir zielsicher in eine Pizzeria einkehrten. Gut gesättigt, aber leider immer noch unter Zeitdruck stehend, besichtigten wir nun das nur wenige Meter von der Pizzeria entfernt liegende Ghettomuseum, das sich im Gebäude der ehemaligen Schule Theresienstadts befindet. Zahlreiche Zeichnungen von einstmals im Ghetto eingesperrten jüdischen Kindern bilden den ersten Teil der sich über zwei Etagen erstreckenden Ausstellung.

Die zumeist farbenfrohen Zeichnungen spiegeln einerseits das einstige Leben in Freiheit, andererseits aber auch die harten Lebensbedingungen des Ghettoalltags wider. Gemein ist all diesen Bildern, dass sie die Besucher_innen emotional ergreifen – vor allem dann, wenn man sich angesichts der dazugehörigen Informationen vor Augen führt, dass der überwiegende Großteil dieser Kinder in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz ermordet worden ist. Um diese Kinder und Jugendlichen, die entweder im Ghetto selbst oder im Anschluss an die Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslagern umkamen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, finden sich zudem die Namen von insgesamt 8.000 dieser Kinder und Jugendlichen an den Wänden des zweiten Ausstellungsraumes wieder. Ergänzt wird diese Fülle an Namen durch Beispiele dichterischen bzw. journalistischen Schaffens seitens der Kinder und Jugendlichen.

Über das Treppenhaus, das mit einer Collage aus weiteren Kinderzeichnungen ausgestaltet worden ist, erreicht man das erste Obergeschoss, in dem sich der historisch-dokumentarische Hauptteil der Ausstellung wiederfindet. Ausgehend von der antisemitischen Ideologie und politischen Praxis des Nationalsozialismus, die nach der Besetzung auch auf die von Deutschland okkupierten Länder übertragen wurde, liegt das inhaltliche Hauptaugenmerk auf der Etablierung antijüdischer Maßnahmen im „Protektorat Böhmen und Mähren“. Daran anknüpfend wird im nächsten Abschnitt der Ausstellung in chronologischer Reihenfolge die Geschichte des Ghettos Theresienstadt festgehalten und dessen Grundfunktionen im Rahmen der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ erklärt. Der größte Raum jener Ausstellung widmet sich verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens im Ghetto. In thematischen Blöcken werden hier Formen des Widerstands und der Solidarität, die breite Skala kultureller wie auch religiöser Aktivitäten, die dabei halfen, die Gefangenen seelisch zu stärken, andererseits aber auch enormer Platzmangel, Hunger, die Arbeitseinsätze, der Tod oder der Kampf um die Rettung des Lebens von Mitgefangenen in den Fokus von Information und Erinnerung gerückt. Der letzte Raum der Ausstellung bettet das Ghetto Theresienstadt erneut in den Kontext der Shoa ein, indem an dieser Stelle aufgezeigt wird, in welche Konzentrations- und Vernichtungslager die Ghettobewohner_innen schließlich deportiert worden sind: Maly Trostinez, Kulmhof, Treblinka, Majdanek, Auschwitz usw. Von den 87.000 Menschen, die von Theresienstadt aus in jene Lager im Osten deportiert worden sind, haben letztendlich gerade einmal 3.600 die Befreiung erlebt – alle anderen wurden sofort nach ihrer Ankunft gezielt ermordet oder allmählich – oftmals in Form von Zwangsarbeit – zu Tode gequält.

Es ärgerte mich, dass uns angesichts unseres Programmablaufs wie schon erwähnt nur recht wenig Zeit blieb, um all die im Ghettomuseum vermittelten Informationen in Ruhe auf uns wirken zu lassen. Angesichts der vorangeschrittenen Stunde galt es leider vielmehr, allmählich in Richtung des jüdischen Friedhofs aufzubrechen, wo wir den Teilnehmer_innen der Gedenkstättenfahrt die Möglichkeit geboten haben, an einer kleinen gruppeninternen Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Um diesem emotional oftmals sehr bewegenden Moment genügend individuellen Freiraum zu geben, haben wir es den Teilnehmer_innen wie immer freigestellt, ob sie die Gedenkzeremonie allein oder gemeinsam innerhalb einer kleinen Gruppe durchführen wollen. Während Riki im Beisein etwa einer Handvoll Teilnehmer_innen das Gedicht „Poem“ von Selma Meerbaum-Eisinger aus dem Jahre 1941 an dem großen, weithin sichtbaren Mahnmal verlesen hat, das symbolisch eine Menora darstellt, zogen es Doreen und ich wie auch etliche andere Mitreisende vor, lieber allein zu gedenken.

Langsam und leise bewegten Doreen und ich uns in den hinteren Bereich des Friedhofs, auf dem ein schwarzes Mahnmal zu finden ist, auf dem in goldener Schrift u.a. all jene Länder eingemeißelt worden sind, aus denen die in Theresienstadt ums Leben gekommenen Jüdinnen und Juden ursprünglich stammten. Bedächtig entzündeten wir ein kleines Grablicht, das Sandra und Riki zuvor für alle interessierten Teilnehmer_innen besorgt hatten, und stellten es vorsichtig in eine Ecke des Mahnmals, um die kleine Flamme der Kerze vor dem recht stark wehenden Wind zu schützen. Nachdenklich bewegten wir uns in Richtung des kleinen Parkplatzes unweit des Friedhofs, auf dem unser Bus stand. Den letzten Punkt der diesjährigen Gedenkstättenfahrt bildete die Abschlussreflexion, die wir wie jedes Jahr gemeinsam mit allen Teilnehmer_innen in der großen Gruppe durchführen wollten. Wie schon in den Jahren zuvor erwies es sich auch diesmal als äußerst schwierig, einen geeigneten Raum für jene Reflexionsrunde zu finden: der Wirt einer nahe gelegenen Gaststätte stellte sich quer, uns seine Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, da er – warum auch immer – nicht wollte, dass wir Tische und Stühle verrücken würden, um einen für die Reflexion geeigneten Gesprächskreis zu bilden; aber auch die Möglichkeit, die Abschlussreflexion im Freien durchzuführen, erwies sich aufgrund des windigen und zum Teil auch regnerischen Wetters unvorteilhaft. Als Notlösung kam nur noch der Bus in Frage, in dem wir im Gegensatz zum Restaurant ungestört waren und der uns vor Wind und Regen schützen würde. Da wir ja dieses Jahr nur eine vergleichsweise recht kleine Gruppe waren, fanden wir alle auf den hinteren Reihen im Inneren des Busses Platz, wenngleich die Sitzordnung nur bedingt geeignet war, um vernünftig miteinander in den Austausch zu treten. Als wesentlich problematischer erwies sich rückblickend jedoch die Tatsache, dass wir die Abschlussreflexion direkt im Anschluss an die Gedenkveranstaltung durchgeführt haben. Demzufolge waren einige Teilnehmer_innen gedanklich wie auch emotional noch nicht wieder vollends dazu bereit, die Ereignisse der vergangenen Tage vor ihrem inneren Auge noch einmal Revue passieren zu lassen, um daran anknüpfend Lob wie auch Kritik zu äußern. So war die Reflexion von längeren Schweigemomenten geprägt und verlief eher schleppend – einige Teilnehmer_innen entschieden sich auch dafür, uns ihr Feedback ausschließlich schriftlich und nicht mündlich mitzuteilen.

Zusammenfassend betrachtet hat es vielen Teilnehmer_innen an jenem Tag an Zeit gemangelt, um sich im Anschluss an die Führung die verschiedenen Ausstellungen in der Kleinen Festung wie auch im Ghettomuseum in Ruhe anschauen zu können. In diesem Zusammenhang wurde auch kritisiert, dass wir am Tag zuvor verhältnismäßig viel Freizeit hatten, so dass es in der Rückschau besser gewesen wäre, die Programmpunkte der Tage Freitag und Samstag miteinander zu tauschen. Inwiefern dies möglich gewesen wäre, hätte ich spontan klären müssen, da ich die Führung wie auch die Besichtigung des Ghettomuseums eben für Samstag gebucht hatte – und das wohlgemerkt bereits im November des vorangegangenen Jahres. Ein weiterer Kritikpunkt stellte die direkte Aufeinanderfolge von Gedenkveranstaltung und Abschlussreflexion dar, die den Teilnehmer_innen wie schon erwähnt wenig Zeit gelassen hat, um einerseits das Gedenken vorerst abzuschließen und andererseits schon einmal Punkte für die Abschlussreflexion zu sammeln. Neben diesen Kritikpunkten erntete unser Organisationsteam jedoch auch viel Lob. Mehrfach wurden beispielsweise der Einbezug von ortskundigen Personen – in diesem Falle Aletta und Wendula –, aber auch das Fachwissen unsererseits sowie unsere Flexibilität genannt, spontan auf Wünsche bzw. Bedürfnisse seitens der Gruppe einzugehen oder lösungsorientiert mit plötzlich auftretenden Problemen umzugehen. Während uns diese lobenden Worte bestärkten, auch weiterhin den Organisationsaufwand für derartige Gedenkstättenfahrten auf uns zu nehmen, betrachteten wir die genannten Kritikpunkte als konstruktive Hinweise, welche organisatorischen Fallstricke von uns zukünftig intensiver bedacht bzw. vermieden werden sollten. Den Kopf voller Informationen und Eindrücke, die es zu strukturieren und eventuell im Selbststudium zu erweitern gilt, den Bauch voller Emotionen, die erst einmal verarbeitet werden müssen, traten wir am späten Nachmittag dieses wechselhaften Samstags schließlich den Heimweg in Richtung Sachsen an.

Hintergrundinformationen

Das „Protektorat Böhmen und Mähren“

Die Böhmischen Länder gehörten als Königreich Böhmen, Herzogtum Schlesien und Markgrafschaft Mähren bis 1918 zur Habsburgermonarchie. Für die überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzgebiete war der zusammenfassende Begriff Sudetenland geläufig, abgeleitet vom Gebirgszug der Sudeten. Nach der Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei als unabhängiger Staat am 28. Oktober 1918 proklamiert. Im November 1918 besetzten tschechoslowakische Truppen die ihnen zugewiesenen Gebiete, darunter auch die von Deutschen besiedelten. Im Vertrag von Saint-Germain wurde die Tschechoslowakei als souveräner Staat bestätigt und sodann die Sudetengebiete endgültig der Tschechoslowakei zuerkannt. Am 01. Oktober 1933 gründete Konrad Henlein in Eger die Sudetendeutsche Heimatfront mit dem Ziel der „Zusammenfassung aller Deutschen“ in der Tschechoslowakischen Republik. Kurz vor den Parlamentswahlen im Mai 1935 benannte sich die Sudetendeutsche Heimatfront in Sudetendeutsche Partei (SdP) um. Die Partei stieg bei der Wahl schließlich zur zweitstärksten Partei im Abgeordnetenhaus der Tschechoslowakischen Republik auf. Der Wahlerfolg machte die SdP zu einem wichtigen Faktor in Hitlers außenpolitischen Überlegungen.

War der Wahlkampf 1935 nicht zuletzt mit Geldern des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland finanziert worden, so flossen der SdP nun noch weitaus mehr Gelder von Seiten des Dritten Reiches zu und vertieften die Abhängigkeit der Partei gegenüber desselben. Spätestens zum 19. November 1937, als Henlein sich erstmals an Hitler wandte und ihn bat, die Sudetendeutschen zu unterstützen, war die SdP zur Fünften Kolonne Hitlers in der Tschechoslowakei geworden. Am 28. März 1938 kam es zu einem Treffen beider Politiker. Dabei erhielt Henlein von Hitler die Weisung, der tschechoslowakischen Regierung stets Forderungen zu stellen, die diese unmöglich annehmen könne. Auf Geheiß Hitlers verabschiedete die SdP am 24. April 1938 das Karlsbader Programm. Die Erfüllung der in ihm geforderten weitgehenden Autonomierechte für die deutsche Minderheit, so zum Beispiel ein eigener Verwaltungsapparat, hätte das faktische Ende des tschechoslowakischen Staates bedeutet. Das Programm wurde demzufolge von der tschechoslowakischen Regierung abgelehnt. Infolge einer aggressiven Rede Hitlers, die dieser am 12. September 1938 auf dem Reichsparteitag hielt und in der er äußerte, er werde unter keinen Umständen gewillt sein, einer weiteren Unterdrückung der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei zuzusehen, brach im Sudetengebiet ein Aufstand aus. Um diese so genannte Sudetenkrise zu befrieden und eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei zu vereiteln, tagte am 29. und 30. September in München – unter Abwesenheit der nicht geladenen Vertreter_innen der Tschechoslowakei (!) – eine Konferenz der Regierungschefs von Frankreich (Daladier), Großbritannien (Chamberlain), Italien (Mussolini) und Deutschland (Hitler). Am 30. September 1938 wurde jenes Münchner Abkommen abgeschlossen, womit die Vertreter der Entente und ihr Verbündeter im Ersten Weltkrieg (Frankreich, Großbritannien und Italien) ihre Zustimmung zum Anschluss des gesamten Sudetenlandes an das Deutsche Reich gaben. Durch das auf der Münchener Konferenz geschlossene Abkommen wurden die sudetendeutschen Gebiete schließlich dem Deutschen Reich eingegliedert. Im Oktober 1938 hatte Adolf Hitler zudem das verbleibende Gebiet Tschechiens als „Rest-Tschechei“ bezeichnet und deutlich gemacht, dass er auch den noch verbliebenen Teil der Tschechoslowakei zu zerschlagen gedachte.

Mit Hilfe eines Ultimatums forcierte Hitler demzufolge die Unabhängigkeitserklärung der Slowakei, die am 14. März 1939 erfolgte. Die Wehrmacht rückte anschließend im Zuge der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ in Brünn und Prag ein. Hitler traf am Abend des 15. März in Prag ein und proklamierte am folgenden Tag das „Protektorat Böhmen und Mähren“ als Teil des Großdeutschen Reiches, das die überwiegend tschechisch besiedelten Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens umfasste.

Hitler erklärte, dass sich das Protektorat „selbst verwalte, jedoch im Einklang mit den politischen, militärischen und wirtschaftlichen Belangen des Reiches“ stünde. Die Slowakische Republik unterzeichnete am 23. März derweil einen vom Deutschen Reich diktierten „Schutzvertrag“ und wurde dadurch zum deutschen Satellitenstaat. Formal verfügte das Protektorat über das Recht zur Selbstverwaltung und über eine beschränkte eigene Legislative. Aber alle Maßnahmen der Protektoratsregierung konnten vom Hitler direkt unterstellten deutschen „Reichsprotektor in Böhmen und Mähren“ aufgehoben, alle Gesetze, Verwaltungsmaßnahmen oder Gerichtsurteile ausgesetzt werden. Das kurzfristige Ziel der nationalsozialistischen Besatzungspolitik lag in der Ausbeutung der tschechischen wirtschaftlichen Ressourcen für den Krieg. Das Protektorat wurde gezwungen, einen großen Beitrag zur deutschen Kriegswirtschaft zu verrichten. Langfristig beabsichtigten die Nationalsozialist_innen eine „Germanisierung“ des Raumes in Verbindung mit der Vernichtung des tschechischen Volkes als ethnischer Einheit. Am 28. Oktober 1939, dem Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, entlud sich der Widerstand der tschechischen Bevölkerung gegen die deutsche Besatzungsmacht in Massendemonstrationen und Streiks im ganzen Protektorat sowie insbesondere in Prag. Am 17. November 1939 wurden neun Studenten von der Polizei erschossen, die der Rädelsführerschaft bei den Demonstrationen bezichtigt wurden. Über 1.200 tschechische Student_innen wurden in der „Sonderaktion Prag“ im Konzentrationslager Oranienburg interniert, alle tschechischen Universitäten geschlossen. Neurath schaffte es jedoch auch in der Folge nicht, das Protektorat im Sinne Hitlers zu befrieden. Neben der Exilregierung in London und den Widerstandsgruppen im Protektorat beziehungsweise in der Slowakei arbeiteten unentwegt auch tschechische und slowakische Kommunist_innen im Moskauer Exil auf die Wiedererstehung der Tschechoslowakischen Republik hin. Durch den Prager Aufstand, der am 05. Mai 1945 begann und sich gegen die deutsche Besatzung wandte, wurde die Protektoratsregierung gestürzt. Der Aufstand war de facto am 08. Mai beendet. Erst am 09. Mai 1945 marschierten die sowjetischen Truppen in Prag ein. Unmittelbar nach der Befreiung der Tschechoslowakei, wurde diese in ihren alten Grenzen unter Einschluss des Sudetengebiets wieder errichtet, jedoch musste der Staat im Juni 1945 das von der Sowjetunion beanspruchte Gebiet der Karpatoukraine abtreten.

Reinhard Heydrich

In den frühen 1930er Jahren baute Heinrich Himmler die „Schutzstaffel des Führers“, die SS, systematisch auf. Hauptsächlich zur Überwachung und Ausschaltung politischer Gegner_innen benötigte die wachsende SS einen effizienten Nachrichtendienst. Der im Juni 1931 in die NSDAP und im Juli schließlich in die SS eingetretene Reinhard Heydrich skizzierte ihm kurz seine Vorstellungen vom Aufbau eines solchen Nachrichtendienstes. Himmler war beeindruckt und beauftragte ihn mit dem Aufbau der Organisation, die den Namen „Sicherheitsdienst“ (SD) erhielt. Durch seinen effizienten Arbeitsstil wurde Heydrich seinem Förderer Heinrich Himmler und dessen Ehrgeiz bald unentbehrlich, und er stieg rasch in der Hierarchie der SS auf.

Die Machtübernahme der NSDAP im Jahre 1933 bedeutete für die SA und SS einen legalen Zugang zur Macht. Heydrich wurde noch im selben Jahr stellvertretender Chef der bayerischen Polizei. Die Konzeption der politischen Polizei in Bayern hatte für die spätere Entwicklung der Sicherheits- und Unterdrückungsstrukturen des Dritten Reiches Modellcharakter. Himmler und Heydrich gelang es, die Polizei aus den üblichen Verwaltungsstrukturen herauszulösen und mit der SS und ihrem Nachrichtendienst SD eng zu verzahnen. Als Himmler am 20. April 1934 zum Inspekteur der Preußischen Geheimen Staatspolizei aufstieg, ernannte er Heydrich zum Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa). Heydrich verlegte den Sitz des SD an seinen neuen Wirkungsort in Berlin und begann damit, die Parteiformationen SS und SD wie zuvor in Bayern mit der Polizei zu verzahnen. Dieser Ausbau der Machtstellung Himmlers und Heydrichs stand im engen Zusammenhang mit der Furcht des Kontrollverlusts der NS-Führung um Hitler über die SA. Denn die Sturmabteilung unter Ernst Röhm war nach der Machtübernahme zunehmend unzufriedener geworden. Sie hatte Hitler ihrer Auffassung nach an die Macht gebracht, spielte jetzt jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle. Hitler, dem die SA unbequem wurde, suchte nach Möglichkeiten, diese auszuschalten. Heydrichs SD operierte darum mit fingierten Beweisen für einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Putsch. Bei der Niederschlagung dieses so genannten „Röhm-Putsches“ Ende Juni 1934 wurde die SA-Führungsriege durch Heydrich unterstehende Kommandos der SS und des SD exekutiert. 1936 wurde Himmler schließlich Chef der deutschen Polizei, Heydrich Chef der Sicherheitspolizei (Sipo). Die Sicherheitspolizei, die sich aus der politischen Polizei und der Kriminalpolizei zusammensetzte, wurde straff durchorganisiert, mit zuverlässigen und jungen Nationalsozialisten akademischer Prägung durchsetzt und zentral geführt. In ihr hatte Heydrich ein effizientes und ihm weltanschaulich eng verbundenes Instrument, um vermeintliche Staatsfeinde, gegebenenfalls aber auch persönliche Rivalen gnadenlos zu verfolgen. 1939 wurden SD und Sicherheitspolizei dem neu geschaffenen Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unterstellt, an dessen Spitze nunmehr Heydrich stand. Mittlerweile war ein riesiger Polizeiapparat entstanden, der überall Informationen sammeln und liefern konnte – ein Instrument zur Ausübung absoluter Herrschaft. Das RSHA sollte sich in diesem Zusammenhang zu einer entscheidenden Schaltzentrale hinsichtlich der Verfolgung und des Massenmordes an Jüdinnen und Juden entwickeln. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg sammelte Heydrich alle Informationen über jüdische Einrichtungen und ließ sie überwachen. Zunächst sollten die Jüdinnen und Juden durch ein System von Enteignung und Deportation aus dem Reich gedrängt werden. 1938 sandte Heydrich Adolf Eichmann nach Wien, um dort die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ einzurichten; sie wurde zum Vorbild für die im Januar 1939 eingerichtete „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“ in Berlin. Nach der im Münchner Abkommen von 1938 erzwungenen Abtretung des Sudetenlandes wurde im darauffolgenden Jahr auch die sogenannte „Rest-Tschechei“ von deutschen Truppen besetzt. Für das „Protektorat Böhmen und Mähren“ wurde ein Reichsprotektor eingesetzt, der in Prag residierte. Mit diesem Amt wurde erst Konstantin von Neurath, der abgesetzte deutsche Außenminister, betraut. Später wurde Neurath aufgrund „fehlender nötiger Härte“ beurlaubt, so dass Heydrich seinen Posten übernehmen konnte, der am 27. September 1941 er in Prag eintraf.

Heydrich führte unverzüglich drakonische Maßnahmen gegen die tschechische Bevölkerung ein. Bis Ende November 1941 wurden 6.000 Menschen verhaftet und offiziell 404 Todesurteile vollstreckt. Dies brachte ihm bei der Prager Bevölkerung den Spitznamen „Henker von Prag“ ein. Zudem entschied Heydrich, dass in Theresienstadt ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung Böhmens und Mährens errichtet werden sollte.

Bereits nach der Eroberung Polens im Jahre 1939 gab Heydrich den Befehl, Ghettos für Jüdinnen und Juden einzurichten. Mit Eichmanns Hilfe organisierte Heydrich Deportationen von Jüdinnen und Juden aus dem ganzen Reichsgebiet sowie aus Österreich und Teilen Polens in diese neu errichteten Ghettos. Am 31. Juli 1941 wurde Heydrich schließlich von Hermann Göring beauftragt, alle erforderlichen Vorbereitungen für eine „Gesamtlösung der Judenfrage“ zu treffen, seien sie finanzieller, organisatorischer oder verwaltungstechnischer Natur. Heydrich erkannte schnell, dass zu diesem Zweck eine zentrale Koordinierung aller beteiligten Stellen erforderlich war. So berief er zum 20. Januar 1942 die sogenannte Wannsee-Konferenz ein, um Mittel und Wege zur „Endlösung der europäischen Judenfrage“, d.h. zur Vernichtung des europäischen Judentums zu erörtern.

Am 27. Mai 1942 wurde Heydrich im Zuge eines in Prag auf ihn verübten Attentats – dem „Unternehmen Anthropoid“ – verletzt, woraufhin er acht Tage später verstarb. Als Vergeltungsmaßnahmen machten die Nationalsozialist_innen die tschechischen Dörfer Lidice und Lezaky dem Erdboden gleich und ermordeten bzw. deportierten deren Bevölkerung.

Die „Operation Anthropoid“

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht und damit der Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ war ein Teil der tschechischen Regierung nach England geflohen. In London etablierte der ehemalige Präsident Edvard Beneš eine Exilregierung, die zur Festigung des Ansehens in ihrer besetzten Heimat dort Sabotageakte durchführen ließ. Hierzu wurden in England tschechische und slowakische Soldaten ausgebildet, die nachts mit Fallschirmen über dem besetzten Gebiet absprangen. Die Agenten sollten zum tschechischen Untergrund Kontakt aufnehmen und Aktionen wie Sprengungen von Fabrikanlagen und Aufstellung von Funkpeilsendern zur Orientierung für alliierte Bomber durchführen. Da aber das Überwachungssystem und der Druck der Deutschen auf die tschechische Bevölkerung unterschätzt wurden, blieben die Aktionen meist erfolglos. Federführend bei der Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung und der Bekämpfung des tschechischen Widerstands war Reinhard Heydrich, seit Oktober 1941 „Stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren“. Um dem Repressionsapparat der deutschen Besatzung einen empfindlichen Schlag zu versetzen und den tschechischen Widerstand erstarken zu lassen, sollte Heydrich im Zuge eines Attentats ermordet werden. Die Vorbereitungen mit dem Special Operations Executive – kurz SOE –, einer britischen Spezialeinheit im Zweiten Weltkrieg, für die damit einhergehende „Operation Anthropoid“ begannen am 20. Oktober 1941. Der Deckname der Operation bezog sich auf die wissenschaftliche lateinische Bezeichnung Anthropoidea für höhere Primaten, d. h. Herrentiere oder menschenähnliche Affen. Er war eine ironische Anspielung auf die NS-Idee des „Herrenmenschen“, als dessen Verkörperung Heydrich galt. Für die Operation wurden die beiden Tschechen Jozef Gabčík und Jan Kubiš ausgewählt. Gabčík und Kubiš erreichten am 10. Dezember 1941 mit einem Flugzeug der Royal Air Force den tschechoslowakischen Luftraum. Sie wurden begleitet von sieben weiteren Angehörigen der Exilarmee, die andere Operationen im deutschen Hinterland ausführen sollten. Gabčík und Kubiš landeten bei Nehvizdy in der Nähe von Prag.

Der ursprüngliche Zielort Pilsen wurde wegen Orientierungsschwierigkeiten der Piloten nicht erreicht, so dass die beiden Fallschirmspringer die Stadt selbständig aufsuchen mussten, um den örtlichen Widerstand zu kontaktieren. Von dort aus ging es nach Prag, um das Attentat auf Heydrich zu planen. Am 27. Mai 1942 brach Heydrich um 10.30 Uhr mit seinem Dienstwagen, einem Mercedes 320 mit geöffnetem Verdeck, von seinem Anwesen in Panenské Břežany zur Prager Burg auf. Gabčík und Kubiš bezogen Stellung an einer Straßenbahnhaltestelle in Libeň. Diese lag an einer Kurve, in der Heydrichs Fahrer würde abbremsen müssen. Als der Wagen in die Kurve einbog, stellte sich Gabčík auf die Straße und versuchte, mit einer Maschinenpistole zu feuern, die aber wegen einer Ladehemmung versagte. Heydrich glaubte, es mit einem Einzeltäter zu tun zu haben, wies seinen Fahrer an, den Wagen zu stoppen und zielte mit seiner Waffe auf Gabčík. Daraufhin warf Kubiš eine Handgranate auf den Wagen, verfehlte jedoch dessen Innenraum. Die Explosion zerstörte allerdings den hinteren rechten Radkasten. Splitter verletzten Kubiš selbst, durchdrangen aber auch die Polster der Wagensitze und trafen, vermischt mit Metall und Fasern, Heydrichs Körper.

Heydrich wurde nach dem Anschlag ins Bulowka-Krankenhaus gebracht, das nur 250 Meter entfernt war. Nach den erfolgten Operationen schien sich Heydrichs Zustand zu verbessern, doch am 03. Juni trat eine plötzliche Verschlechterung mit hohem Fieber und einer Blutvergiftung aufgrund einer Bauchfellentzündung ein, die wahrscheinlich durch nicht erkannte Partikel der Polsterung des Wagens verursacht wurde, die in die Bauchhöhle gelangt waren. Heydrich fiel schließlich ins Koma und starb am 04. Juni 1942. Derweil konnten die beiden Attentäter Gabčík und Kubiš mit der Hilfe zweier Prager Familien untertauchen und sich später dank des Bischofs Gorazd in der Karl-Borromäus-Kirche (seit 1945 Kirche St. Cyrill und Method) in Prag verstecken. Die deutschen Besatzungstruppen konnten sie erst lokalisieren, nachdem die Gestapo den tschechischen Widerstandskämpfer Karel Čurda verhaftet hatte. Er verriet den deutschen Sicherheitsorganen die Adressen von mehreren „sicheren Häusern“. Darunter befand sich auch das Haus der Familie Moravec in Žižkov, das die Deutschen am 17. Juni 1942 stürmten. Während der Durchsuchung nahm sich Frau Moravec mit einer Zyankali-Kapsel das Leben. Ihr Sohn Ata wurde während des Verhörs gefoltert. Beim Anblick des abgetrennten Kopfes seiner Mutter gab Ata Moravec den Aufenthaltsort der Attentäter preis.

Daraufhin wurde die Kirche am 18. Juni 1942 von 350 SS-Männern großflächig abgeriegelt. Wenig später begann das SS-Kommando, die Borromäus-Kirche zu stürmen. Nachdem die Aufforderung, sich zu ergeben, von den Attentätern mit Flüchen und dem Absingen der tschechischen Nationalhymne beantwortet worden war, wurde die Kirche zunächst von anliegenden Gebäuden aus beschossen. Nach einem zweistündigen Feuergefecht und dem Eindringen des deutschen Kommandos in das Kircheninnere waren bereits drei Attentäter, darunter Kubiš, tot. Die Kämpfe verlagerten sich nun in die Krypta der Kirche, wohin Gabčík mit den letzten drei Überlebenden geflüchtet war. Nachdem die SS mit Hilfe der lokalen Feuerwehr Tränengas eingeleitet und die unterirdischen Räume des Gotteshauses zu fluten begonnen hatte, nahmen sich schließlich alle noch lebenden Widerstandskämpfer das Leben. Nach offiziellen Angaben fielen im Zuges des Kampfes 14 SS-Männer, 21 wurden schwer und fünf leicht verwundet. Jan Kubiš und Jozef Gabčík wurden nach dem Krieg in der wiederhergestellten Tschechoslowakei als Nationalhelden verehrt. Mehrere Orte und Straßen in Tschechien und der Slowakei tragen heute ihre Namen.

Die Vernichtung des Dorfes Lidice

Nachdem Reinhard Heydrich infolge des am 27. Mai 1942 von den Widerstandskämpfern Gabčík und Kubiš auf ihn verübten Attentats am 04. Juni 1942 verstorben war, leiteten die Nationalsozialist_innen massive Vergeltungsmaßnahmen gegen die tschechische Zivilbevölkerung ein. Die Behauptung, die Bewohner_innen des kleinen Dorfes Lidice bei Prag hätten die beiden Attentäter beherbergt, stellte sich später zwar als falsch heraus, hatte für das Dorf und dessen Bewohner_innen jedoch fatale Folgen. So umstellten am Abend des 09. Juni 1942 deutsche Polizeikräfte – darunter Angehörige der Gestapo, des SD und der Schutzpolizei – mit Unterstützung der tschechischen Gendarmerie Lidice und blockierten alle Zufahrtswege, da dort wie oben bereits angemerkt Beteiligte des Attentats vermutet wurden. In der folgenden Nacht wurden die Dorfbewohner_innen zusammengetrieben. Alle 172 Männer, die älter als 15 Jahre waren, wurden in den Hof der Familie Horák gebracht, wo sie tags darauf erschossen wurden. Weitere neun Männer, die ebenfalls in Lidice wohnten, zum Zeitpunkt der Vergeltungsaktion jedoch auswärts in der Nachtschicht in einem Kohlebergwerk arbeiteten, wurden nach Prag gebracht und dort erschossen. 195 Frauen wurden in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo 52 von ihnen ermordet wurden. Weitere sieben schwangere Frauen wurden nach Prag gebracht, nach der Entbindung von ihren Neugeborenen getrennt und ebenfalls ins KZ Ravensbrück deportiert. Die 98 Kinder des Dorfes wurden in das Lager der „Umwandererzentrale Litzmannstadt“ in Litzmannstadt deportiert und nach rassischen Kriterien ausgesondert. Dreizehn dieser Kinder wurden zur Germanisierung in ein Lebensborn-Heim gebracht. Die anderen Kinder wurden zusammen mit elf Kindern aus Ležáky ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort vergast.

Lidice wurde zudem in Brand gesteckt, gesprengt und dann durch Einheiten des Reichsarbeitsdienstes eingeebnet, um es vollständig von der Landkarte zu tilgen. Neben Lidice wurde am 24. Juni 1942 auch das Dorf Ležáky als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf Heydrich vernichtet und dessen Einwohner_innen ermordet. 1947 begann die Tschechoslowakei damit, den zurückgekehrten Überlebenden in der Nähe des ehemaligen Dorfes Lidice eine neue Ortschaft mit dem gleichen Namen aufzubauen. Es entstanden zudem eine Gedenkstätte sowie ein symbolisches Grab für die ermordeten Männer. 1955 konnte schließlich der „Rosengarten der Freundschaft und des Friedens“ zum Gedenken an die Opfer eingeweiht werden. 1962 wurde darüber hinaus die Gedenkstätte sowie ein kleines Museum eröffnet.

Sinti und Roma im Nationalsozialismus

Im Nationalsozialismus wurden mehr als eine halbe Million Sinti und Roma als so genannte „Zigeuner“ verfolgt und vernichtet. Die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Sinti und Roma wird „Porajmos“ genannt, was so viel wie „das große Verschlingen“ bedeutet. Aufgrund angeblicher „Rassenmerkmale“ wurden Sinti und Roma systematisch entrechtet, ausgegrenzt und schließlich im Osten von den der Wehrmacht nachrückenden Einsatzgruppen erschossen bzw. in Konzentrations- und Vernichtungslagern massenweise ermordet. Ein Weg zur Konzentrierung und Vernichtung bildeten so genannte „Zigeunerlager“, die bereits 1936 im Deutschen Reich entstanden, um als „Zigeuner“ stigmatisierte Personen von der Mehrheitsgesellschaft zu segregieren. Solche Lager etablierten sich in allen mittleren und großen Städten des Deutschen Reiches, z.B. in Köln, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Kiel, Berlin, Magdeburg, Essen, Fulda, Gelsenkirchen oder Hannover. Sinti und Roma wurden allerdings auch in andere Lager deportiert und dort entweder mit dem schwarzen Winkel als „Asoziale“ oder mit dem seltener verwendeten braunen Winkel als „Zigeuner“ gekennzeichnet. Grundlegend hierfür war, dass Sinti und Roma seit jeher ein „angeborenes Verbrechertum, Müßiggang und Arbeitsscheue“ angedichtet wurde. Dass Sinti und Roma als „arbeitsfaul und kriminell“ galten, erschwerte auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Anerkennung als rassistisch Verfolgte und nährte den fortexistierenden Konsens, Sinti und Roma seien schon „zu Recht“ verfolgt worden.

Diese Verbindung von Sinti und Roma als „Rasse“ und kriminellem Verhalten kam allerdings schon in einem bayrischen Gesetz von 1926 zum Tragen, dem „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“. Hier wird deutlich, unter welchen Kategorien Menschen zusammengefasst wurden. Es zeigt nicht nur deutlich die bereits vorhandenen Stereotype vor der Machtübertragung der Nationalsozialist_innen, sondern auch, dass schon 1926 Sonderausweise zum „Umherziehen“ beantragt werden mussten. Inhaber_innen solcher Pässe wurden seitens der Behörden automatisch als „Zigeuner“ behandelt.

Weitere Gesetze folgten nach der Machtübernahme. So bezogen die „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935 neben Jüdinnen und Juden auch Sinti und Roma mit ein. Im November 1937 kam es im Reichsicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin zudem zur Gründung der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ unter der Leitung von Dr. Robert Ritter. Ritter und seine Mitarbeiter_innen spielten in der Folge eine wichtige Rolle bei der totalen Erfassung der Sinti und Roma im Deutschen Reich. Am 13. Juni 1938 kam es zur „Aktion Arbeitsscheu Reich“, in dessen Folge sehr viele Sinti und Roma als „Asoziale“ in Konzentrationslager eingewiesen wurden. Darüber hinaus wurde am 01. Oktober 1938 auf Weisung Himmlers im „Reichskriminalpolizeiamt“ (RKPA) in Berlin eine zentrale Stelle eingerichtet („Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“), die die Erfassung und Verfolgung der Sinti und Roma im Deutschen Reich steuern und koordinieren sollte. Das RKPA unter der Leitung von SS-Oberführer Nebe wurde im September 1939 Teil des neu gegründeten „Reichssicherheitshauptamts“ (RSHA), das bei der Planung und Organisation des Völkermords an Jüdinnen und Juden sowie an Sinti und Roma im besetzten Europa eine Schlüsselfunktion einnehmen sollte. Wichtig ist weiterhin der grundlegende Erlass Himmlers vom 18. Dezember 1938: Mit dem Ziel der „endgültigen Lösung der Zigeunerfrage“ ordnete Himmler an, alle Sinti und Roma im Deutschen Reich zu erfassen. Diese Aufgabe wurde der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ übertragen.

Am 17. Oktober 1939 kam es mit Himmlers „Festsetzungserlass“ zur Vorbereitung der geplanten Deportationen: Allen Sinti und Roma wurde unter Androhung von KZ-Haft verboten, ihre Wohnorte zu verlassen. Ab Sommer 1941, mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurden Sinti und Roma hinter der Front systematisch von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD sowie Kommandos der Wehrmacht und der Polizei erschossen. SS-Einsatzgruppenleiter Otto Ohlendorf sagte später im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess aus: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und den Juden. Für beide galt damals der gleiche Befehl.“ Für das „Protektorat Böhmen und Mähren“ galt, dass ab 1939 alle vorher für das Deutsche Reich erlassenen Gesetze schnellstmöglich auch im Protektorat Anwendung finden sollten. So kam es am 10. Juli 1942 zur Anweisung an die Behörden des „Protektorats Böhmen und Mähren“, alle dort lebenden Sinti und Roma zu erfassen. Mit der Errichtung der „Zigeunerlager“ in Lety und Hodonín im Jahre 1942 wurden Sinti und Roma konzentriert und später mit dem so genannten „Auschwitz-Erlass“ Himmlers vom 16. Dezember 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde der Abschnitt B II als so genanntes „Zigeunerlager“ eingerichtet, welches in der Nacht vom 02. auf den 03. August 1944 liquidiert wurde und alle noch übrigen Insassen in den Gaskammern ermordet wurden. Ein vorheriger Liquidierungsversuch war am entschlossenen Widerstand der Häftlinge gescheitert.

Das „Zigeunerlager Lety“

Nach der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ begann die Verfolgung von Jüdinnen und Juden sowie von Sinti und Roma. Das Innenministerium des Protektorats fing in November 1939 an, deren Erfassung und Einlieferung in Lager voranzutreiben. Ab August 1940 errichteten die Protektoratsbehörden hierfür insgesamt sechs Zwangsarbeitslager für so genannte „Asoziale“, darunter im böhmischen Lety bei Pisek und im mährischen Hodonin bei Kunstadt. Dort wurden auch viele Sinti und Roma ohne Arbeit oder festen Wohnsitz inhaftiert, die im Falle von Lety etwa 14 Prozent der Häftlinge stellten. Nach der Verordnung zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ vom 10. Juli 1942 wurde die gesamte Romabevölkerung Böhmens und Mährens als „Rasse“ verfolgt und ab August 1942 durch die örtlichen Behörden registriert. Nichtsesshafte wurden in die in „Zigeunerlager“ umgewandelten Lager Hodonin und Lety gebracht. Diese Lager wurden ausschließlich von tschechischen Gendarmen bewacht und waren dem Innenministerium des Protektorats unterstellt.

Mehr als 1.250 Sinti und Roma waren nun im Lager Lety inhaftiert, ein Viertel von ihnen starb aufgrund der schweren Haftbedingungen. Mit Heinrich Himmlers Erlass vom 16. Dezember 1942 fing die massenhafte Deportation der Roma nach Auschwitz-Birkenau an, wo im Frühjahr 1943 im Lager-Abschnitt BII e ein so genanntes „Zigeunerfamilienlager“ errichtet worden ist.

Aus Lety wurden am 07. Mai etwa 400 Häftlinge dorthin verschleppt. Weitere folgten. Insgesamt wurden über 800 Sinti und Roma aus Lety nach Auschwitz deportiert, wo die SS fast alle ermordete. Die Deportationen plante die deutsche Kripo, diese wurden wiederum durch die Protektoratsbehörden und ihre Gendarmerie durchgeführt. Im Dezember 1943 wurde das Lager aufgelöst. Im Lager selbst starben mehr als 300 Menschen, darunter mehr als 240 Kinder. Nach dem Krieg wurde der Völkermord an den Sinti und Roma in der Tschechoslowakei verdrängt. 1972 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Lagers eine Schweinefarm errichtet. Erst 1995 wurde in Lety durch die Initiative des damaligen Staatspräsidenten Václav Havel ein Denkmal errichtet. Im benachbarten Mirovice auf dem Pfarrfriedhof steht ein weiteres Denkmal. Hier wurden in der Frühphase des Lagers die Opfer verscharrt; das 2001 eingeweihte Denkmal steht beim Massengrab der Kinder.

Das KZ-Außenlager Leitmeritz

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges beschloss die nationalsozialistische Führung, wegen der alliierten Luftangriffe Teile der Rüstungsproduktion in unterirdische Fabriken zu verlegen. Ab Frühjahr 1944 wurde der Steinbruch von Leitmeritz zu einer solchen Produktionsstätte umgebaut, ein Konzentrationslager entstand als Außenlager des KZ Flossenbürg. Zwei Bauvorhaben sollten hier vorangetrieben werden: In „Richard I“ sollten Panzermotoren für die Elsabe AG hergestellt, in „Richard II“ die Produktion des Berliner Konzerns Osram verlegt werden, der u.a. Kleinteile für die Flugzeugproduktion hergestellt hat. Der erste Transport mit 500 Häftlingen aus dem KZ Dachau erreichte Leitmeritz am 24. März 1944. Da es zunächst keine Unterkünfte gab, wurden diese ersten Häftlinge sieben Kilometer entfernt in der Kleinen Festung, dem Gestapogefängnis in Theresienstadt, untergebracht. Im Sommer 1944 errichteten Häftlinge ein Lager in unmittelbarer Nähe zum Steinbruch.

Insgesamt 18.000 Häftlinge durchliefen das KZ-Außenlager Leitmeritz, wovon die meisten aus dem Stammlager Flossenbürg sowie aus den Konzentrationslagern Groß-Rosen, Auschwitz-Birkenau und Dachau hierher deportiert wurden. Etwa die Hälfte waren Pol_innen, weitere große Häftlingsgruppen stammten aus der Sowjetunion, Deutschland, Ungarn, Frankreich und Jugoslawien. Zudem deportierte die SS auch ungefähr 4.000 Jüdinnen und Juden nach Leitmeritz, von denen die meisten aus Polen, einige auch aus Ungarn stammten. Seit Februar 1945 waren auch hunderte Frauen zur Zwangsarbeit in Leitmeritz gezwungen. Aufgrund der schlechten Lebensbedingungen und vieler Epidemien war die Sterblichkeit im Lager sehr hoch, so dass die Rüstungsproduktion oft wegen des schlechten Gesundheitszustands der Häftlinge stockte. Im April 1945 begann die SS unter chaotischen Bedingungen schließlich mit der Auflösung des Lagers. Etwa 1.200 Häftlinge blieben zurück, die in den letzten Kriegstagen von der sowjetischen Armee befreit wurden. Tausende Häftlinge starben in anderen Konzentrationslagern wie etwa Bergen-Belsen, nachdem sie die SS von Leitmeritz aus auf Todesmärsche in Richtung Deutschland geschickt hatte.

Insgesamt verloren 4.500 Häftlinge ihr Leben im KZ-Außenlager Leitmeritz. Viele starben an einer Ruhrepidemie im Winter 1944/45. Die Leichen der Häftlinge ließ die SS zunächst im Krematorium von Theresienstadt verbrennen. Später wurde in Leitmeritz ein eigenes Krematorium gebaut, dessen Kapazität jedoch nicht ausreichte, so dass viele Leichen in Massengräbern bestattet wurden. 1946 wurde das Massengrab in der Nähe des Lagers geöffnet, die gefundenen Leichen exhumiert und wieder bestattet. 1992 wurde ein Denkmal für die Opfer des Konzentrationslagers neben dem ehemaligen Lagerkrematorium eingeweiht. Das Denkmal befindet sich in der Trägerschaft der Gedenkstätte Theresienstadt, wo es eine Dauerausstellung zum KZ-Außenlager Leitmeritz gibt.

Das Ghetto Theresienstadt

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 lebten 118.000 Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des neuen „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“. Über ihr Schicksal wurde in Prag im Oktober 1941 entschieden. Am 10. und 17. Oktober dieses Jahres fanden auf dem Prager Hradschin in den Diensträumen des gerade ernannten Stellvertretenden Reichsprotektors Reinhard Heydrich zwei Besprechungen statt, in denen es um die „Lösung der Judenfrage“ ging. Hierbei wurde der Beschluss gefasst, dass ganz Theresienstadt in ein Sammellager für Jüdinnen und Juden aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ umzuwandeln sei. Die Entscheidung für Theresienstadt hing eng mit der Lage und dem Charakter des Ortes zusammen. Er lag in unmittelbarer Nähe der Grenzen des Protektorates zum Reich und war über den Bahnhof Bauschowitz an der Eger an das Bahnnetz angebunden, so dass der An- und Abtransport leicht zu organisieren war. Zudem ließ sich durch die alten Festungsanlagen recht einfach eine völlige Abriegelung der jüdischen Bevölkerung ermöglichen.

Im Dezember 1941 folgte schließlich das Auswanderungsverbot für Jüdinnen und Juden aus Tschechien. Die ursprüngliche Stadtbevölkerung Theresienstadts musste ihre Wohnungen zudem nach einem Räumungsbefehl vom 16. Februar 1942 verlassen, woraufhin in der ehemaligen Garnisonsstadt von der Gestapo sehr schnell ein Ghetto errichtet worden ist, in dem Jüdinnen und Juden aus dem gesamten Protektorat zusammengepfercht worden sind. Die ersten tschechischen Jüdinnen und Juden wurden als ein Aufbaukommando aus Prager Gefängnissen in das Ghetto deportiert. Dieses hatte die Aufgabe, die Nutzung als Lager vorzubereiten und einen „Judenrat“ als interne Verwaltungsorganisation zu schaffen. Theresienstadt wurde somit angeblich zu einem Lager unter „jüdischer Selbstverwaltung“ erklärt, was praktisch bedeutete, dass die Gefangenen selbst für Unterbringung, Nahrung, medizinische Versorgung oder die Betreuung und Verpflegung der Kinder sorgen mussten. Nur dem Namen nach wurde das Ghetto durch einen „Ältestenrat“ verwaltet, der durch den „Judenältesten“ geleitet wurde. Doch in Wahrheit unterlagen alle Entscheidungen dem SS-Lagerkommandanten. Die Zahl der nach Theresienstadt deportierten Jüdinnen und Juden aus dem Protektorat wuchs rasch an. Schon im Mai 1942 waren mehr als 28.000 Jüdinnen und Juden deportiert worden und im September 1942 bereits über 58.000 Menschen auf einem Raum interniert, der zuvor 7.000 Einwohner_innen Platz geboten hatte. Davon waren 30.000 Personen Alte und Kranke, von diesen waren 4.000 invalide und 1.000 blind. Viele besaßen nicht einmal einen eigenen Schlafplatz.

Theresienstadt galt der NS-Propaganda als angebliches „Musterghetto“. Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und ältere Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich wurden hierher gebracht. Sie wurden dadurch von den seit 1942 laufenden Transporten in die Vernichtungslager zunächst ausgenommen. Dies hatte taktische Gründe, wurden die Jüdinnen und Juden aus dem Reich doch offiziell zum „Arbeitseinsatz“ in den Osten geschickt; die Einbeziehung älterer Menschen wäre hierbei jedoch unglaubwürdig. Aber auch Jüdinnen und Juden aus anderen von Deutschland besetzten Ländern wurden hierher deportiert.

Nichtsdestotrotz wurden die Ghettobewohner_innen rücksichtslos ausgebeutet und die katastrophalen Lebensbedingungen führten zu einer hohen Sterblichkeit unter denselben. Bereits Anfang 1942 begannen von hier aus Transporte in die östlichen deutschen Besatzungsgebiete, wo die Deportierten in andere Ghettos eingewiesen, erschossen oder direkt in verschiedene Vernichtungslager gebracht wurden. Insgesamt durchliefen etwa 140.000 Menschen das Ghetto, aus dem bei Kriegsende lediglich 19.000 Menschen befreit werden konnten.

Das Krematorium des Ghettos Theresienstadt

Bis Herbst 1942 wurden die Toten des Ghettos in Massengräbern vor den Schanzen der Stadt bestattet. Etwa 9.000 Opfer wurden auf diese Weise begraben. Ende 1942 ließ die Lagerleitung ein Krematorium errichten, um die Verstorbenen aus der Garnisonsstadt und der Kleinen Festung dort zu verbrennen. Den Mittelteil des Krematoriums nahmen vier Verbrennungsöfen ein. Der vordere Raum diente dem Abstellen der Särge mit den Toten, daneben befand sich der Obduktionsraum. Im Anbau an das Hauptgebäude waren die notwendigen Nebenräume für die Wachmannschaft, die hier ständig Dienst versah, und für die Arbeiter des Krematoriums untergebracht. Die Diensthabenden schoben den Leichnam ohne Sarg bzw. ohne dessen Oberteil in den Verbrennungsofen. Mit einiger Verspätung gelangten jene Toten zur Einäscherung, für die eine Obduktion angeordnet worden war. Durch das Öffnen des Leichnams konnten die hier inhaftierten Ärzte vor allem in nicht ganz eindeutigen Fällen die Todesursachen feststellen.

Das an den Öfen diensthabende Personal bemühte sich im Gegensatz zu Konzentrations- und Vernichtungslagern, die sterblichen Reste jedes Eingeäscherten gesondert aus dem Ofen zu schüren, damit sie in einem individuellen Behältnis geborgen werden konnten. Dabei mussten sie die Asche nach Goldbruchstücken wie Zahnkronen und Prothesen durchsuchen, diese aussammeln und der SS-Kommandantur übergeben. Die Asche wurde in aus Pappen bestehenden Urnen im Kolumbarium eingelagert, das sich im Festungswall befand. Hier standen bis Ende 1944 in Holzregalen Tausende Urnen gedrängt nebeneinander, und die Häftlinge nahmen an, dass man sie nach dem Krieg würdig begraben werde. Doch als die Nationalsozialist_innen gegen Kriegsende damit begannen, die Spuren ihrer Verbrechen in Theresienstadt zu beseitigen, ordnete im November 1944 die Lagerleitung an, die Asche von 22.000 Häftlingen in die Eger zu schütten.

In den Jahren 1944 und 1945 wurden in dem Theresienstädter Krematorium auch die Toten aus dem Lager in Litomerice eingeäschert. Dort erreichte die Sterblichkeit infolge von unerträglichen Arbeitsbedingungen und Epidemien enorme Ausmaße. Bevor es diesem Lager gelang, Anfang April 1945 ein eigenes Krematorium in Betrieb zu nehmen, brachten Fuhrwerke die toten Häftlinge nach Theresienstadt. Das von den Angestellten, die im Krematorium Dienst taten, sorgfältig angelegte Register verzeichnete ungefähr 30.000 Opfer, die dort während der Jahre von 1942 bis 1945 eingeäschert wurden.

Die Kleine Festung

Während der Besetzung Böhmens und Mährens durch das Dritte Reich wurde im Juni 1940 in der Kleinen Festung ein Gestapo-Gefängnis eingerichtet. Das Gefängnis wurde von der Gestapo-Dienststelle in Prag verwaltet, weil das Gefängnis Pankrác überfüllt war. Zu Anfang gab es nur männliche Häftlinge, doch nach dem Attentat auf Hitlers Statthalter Reinhard Heydrich wurde im Juni 1942 noch eine Frauenabteilung eingerichtet. Zwischen 1940 und 1945 wurden von den verschiedenen Dienststellen der Gestapo rund 27.000 Männer und 5.000 Frauen an das Gefängnis Theresienstadt überstellt, zunächst Inhaftierte aus Prag, dann aus ganz Böhmen und ab 1944 auch aus Mähren. In der Kleinen Festung wurden bis Kriegsende überwiegend Tschech_innen festgehalten, darunter viele Widerständler_innen gegen das nationalsozialistische Regime, in den letzten Jahren dann auch Bürger_innen der Sowjetunion, aus Polen, Jugoslawien und gegen Kriegsende Gefangene aus den Reihen der alliierten Armeen. 2.500 Inhaftierte starben hier infolge von Folter und Krankheiten oder aufgrund der harten Arbeits- und Lebensbedingungen. 250 Insassen wurden in der Festung selbst hingerichtet. Weitere 8.000 Häftlinge kamen in anderen Konzentrationslagern um, in die sie bis zum Ende des Krieges deportiert worden waren. Die Prager Regierung beschloss 1947, die Kleine Festung in eine „Gedenkstätte des nationalen Martyriums“ umzuwandeln. Unter dem kommunistischen Regime lag der Schwerpunkt der offiziellen Erinnerungspolitik auf Heldentum und Leiden von kommunistischen Widerstands-kämpfer_innen in der Kleinen Festung, während die Existenz eines jüdischen Ghettos nur beiläufig Erwähnung fand. Erst nach der „Samtenen Revolution“, im Jahre 1991 konnte ein Museum eröffnet werden, in dem eigens das Schicksal der Jüdinnen und Juden im Ghetto Theresienstadt dargestellt werden konnte.

Internierungslager Theresienstadt

Nach der Befreiung Theresienstadts am 08. Mai 1945 durch die Rote Armee übernahmen ehemalige Häftlinge die Verwaltung der Kleinen Festung. Sie begannen umgehend damit, die Einrichtung als Internierungslager für Deutsche zu nutzen. Diese Funktion hatte die Kleine Festung Theresienstadt bis 1948. Die Entstehungsphase des Internierungslagers wurde von ehemaligen Häftlingen bestimmt und dauerte bis Juli 1945. In dieser Phase waren deutsche Kriegsgefangene und Nationalsozialist_innen bzw. Personen, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden, dort inhaftiert. Am 02. Juli 1945 übernahm schließlich das Innenministerium der Tschechoslowakei die Verwaltung der Kleinen Festung und nutzte die Einrichtung hauptsächlich zur Internierung von Deutschen, die aus ihrer Heimat vertrieben werden sollten. In der dritten Phase – sie umfasste etwa vier Monate im Jahr 1946 – wurden die meisten Internierten aus dem Lager entweder in andere Lager oder direkt nach Deutschland abgeschoben. Die daran anschließende Auflösung des Lagers dauerte bis 1948. In diesem Jahr verließen die letzten deutschen Häftlinge Theresienstadt.