Elias Bierdel: Cap Anamur und die europäische Flüchtlingspolitik

17.April 2010, Borna

Eines dieser Thematiken ist das Massensterben von Flüchtlingen an den europäischen Außengrenzen, das durch die bewusste Abschottung der Festung Europa - so z.B. mithilfe der EU-Agentur „Frontex" - immens vorangetrieben wird. Niemand weiß genau, wie viele Menschen bei dem Versuch ums Leben kommen, „illegal" nach Europa zu gelangen. KeineR kennt ihre Namen. Die Toten, die regelmäßig an den Stränden Italiens, Spaniens oder Griechenlands angeschwemmt werden, finden in anonymen Gräbern ihre letzte Ruhe. Tausende sterben zwischen den Wellen: Immer häufiger verfangen sich menschliche Überreste in den Netzen der Fischer. Ein Mann, der diesem Sterben nicht länger tatenlos gegenüberstehen wollte, ist Elias Bierdel, der zusammen mit der Mannschaft des Rettungsschiffes Cap Anamur 2004 37 afrikanische, in Seenot geratene Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettete. Am 17. April diesen Jahres besuchte uns Herr Bierdel in Borna, um unterstützt durch kurze Dokumentarfilme und etliche schockierende Bilder von all diesen Erlebnissen zu berichten. Insofern er in eurer Nähe zugegen sein sollte, dann lasst euch seine Erfahrungsberichte nicht entgehen. Er besticht nicht nur durch seine immense Lebenserfahrung, sondern auch durch seinen offenen, zuweilen angenehm zynischen und demnach äußerst unterhaltsamen Charakter!

Nach dem Abitur im Jahre 1979 studierte Elias Bierdel von 1980 bis 1983 Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Anschließend arbeitete er als Volontär bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. 1985 wurde er Redakteur bei der Westfälischen Rundschau. Von 1986 bis 1993 betätigte er sich als Freier Journalist in Rundfunk und Fernsehen. 1994 wechselte er als Redakteur zum Deutschlandfunk. Während seiner Tätigkeit als Hörfunk-Korrespondent im ARD-Studio Südosteuropa in Wien berichtete er besonders ausgiebig aus dem Kosovo. Er war einer der letzten Journalisten, die das Land verließen, als die NATO mit Luftangriffen in den Kosovo-Krieg eingriff. Dort machte er auch Bekanntschaft mit der Hilfsorganisation Cap Anamur. 2002 wurde er schließlich Projektmitarbeiter für Cap Anamur in Afghanistan und im Dezember des gleichen Jahres in den Vorstand der Organisation gewählt. Mit einem ebenfalls auf den Namen Cap Anamur getauften Frachter verfügte die Organisation über ein weltweit einmaliges privates Rettungsschiff. Bei einer Testfahrt am 20. Juni 2004 rettete die Besatzung 37 Schiffbrüchige. Nach der Beschlagnahme durch italienische Behörden lag die Cap Anamur acht Monate an der Kette, ehe sie schließlich an eine norwegische Reederei verkauft wurde. Die erste Reise führte die Cap Anamur Ende Februar 2004 nach Westafrika, wo Hilfsgüter für Sierra-Leone, Liberia und Angola angelandet wurden. Anschließend sollte es durchs Mittelmeer Richtung Akkaba in Jordanien gehen. Doch Probleme mit der Maschine zwangen zum Stopp auf Malta. Am 20. Juni 2004 rettete die Besatzung der Cap Anamur im Seegebiet zwischen der lybischen Küste und der italienischen Insel Lampedusa 37 Männer von einem defekten Schlauchboot. Sie waren nach eigenen Angaben seit drei Tagen unterwegs, die Trinkwasservorräte waren zur Neige gegangen und eine Kammer verlor Luft. Anstelle einer Seekarte führten die Schiffbrüchigen einen handgeschriebenen Zettel mit sich, auf dem sie Gott um Beistand auf ihrer gefährlichen Reise baten. Unmittelbar nach der Rettung begann die Suche nach einem sicheren Hafen, in dem die Schiffbrüchigen an Land gebracht werden sollten. Weil die Cap Anamur zu groß war, um die Insel Lampedusa anlaufen zu können, zog sich die Suche nach einer geeigneten Anlegestelle hin. In dieser Zeit bemühte sich die Besatzung, mit den 37 Passagieren einen geordneten Tagesablauf zu organisieren und Ängste abzubauen. Das Mittelmeer ist militärisches Sperrgebiet. Immer wieder wurde somit auch die Cap Anamur von Aufklärungsflugzeugen überflogen oder von Kriegsschiffen umrundet. Nachdem die italienischen Behörden am 1. Juli die bereits zuvor gegebene Genehmigung zum Einlaufen in Porto Empedocle wieder zurückgezogen hatten, eskalierte die Situation: Eine ganze Flotte aus Marine-, Zoll-, Polizei- und Küstenwachschiffen blockierte die Cap Anamur vor der Zwölf-Meilen-Grenze auf offener See. Ganze elf Tage lang verweigerten die italienischen Behörden der Cap Anamur ohne Begründung rechtswidrig die Einfahrt in den Hafen Porto Empedocle auf Sizilien. Während sich in Deutschland zunächst kaum jemand für die dramatische Situation interessierte, zeigten MenschenrechtlerInnen, PolitikerInnen, GewerkschafterInnen, JournalistInnen und die katholische Kirche in Italien Solidarität mit den 37 Geretteten auf dem deutschen Schiff. Immer mehr BesucherInnen kamen vom Festland zur Cap Anamur herausgefahren. Nachdem mehrere der Schiffbrüchigen mit Selbstmord drohten, erklärte Kapitän Stefan Schmidt den Notfall und verlangte am 11. Juli 2004 ultimativ die Genehmigung zur Einfahrt in den Hafen. Noch einen weiteren Tag wurden Mannschaft und Flüchtlinge hingehalten, dann konnte die Cap Anamur endlich anlegen. Eine humanitäre Lösung schien gefunden. Doch entgegen der geäußerten Zusagen nahmen die Behörden die 37 Geretteten in Abschiebehaft. Auch drei Mann der Besatzung - darunter der Kapitän Stefan Schmidt und der erste Offizier Vladimir Daschkewitsch - wurden wegen angeblicher „Schlepperei" ins Gefängnis gesteckt, das Schiff als „Tatwerkzeug" beschlagnahmt. Die italienische Zivilgesellschaft zeigte vom ersten Tag an, was sie vom brutalen Vorgehen der Behörden hielt: Im ganzen Land regte sich Solidarität mit den Geretteten von der Cap Anamur. 37 Städte Italiens boten an, jeweils einen der Asylsuchenden aufzunehmen. Doch die Regierung in Rom war fest entschlossen, ein Exempel zu statuieren. So wurden schließlich 35 der Geretteten rechtswidrig abgeschoben, auch die UNO protestierte hierbei vergeblich. Infolge dieser Ereignisse wurde Bierdel auf seinem Posten als Vorsitzender des Komitees Cap Anamur nicht wiedergewählt und sein Verhalten und das seiner Crew auch vom ehemaligen Vorsitzenden der Organisation, Rupert Neudeck, kritisiert. Im November 2006 wurde in Agrigent auf Sizilien der Prozess gegen Elias Bierdel und seine zwei Mitangeklagten eröffnet. Am 7. Oktober 2009 wurden Bierdel und seine beiden Mitangeklagten von einem Gericht im sizilianischen Agrigent freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte vier Jahre Haft und eine Geldstrafe in Höhe von 400.000 Euro gefordert. Über die Ereignisse, die zu der Verhaftung führten, schrieb Bierdel das Buch „Ende einer Rettungsfahrt". In diesem Buch schildert er seine Sicht der Hergänge und die ganze Geschichte des Schiffs Cap Anamur - vom Umbau im Lübecker Hafen bis zur Beschlagnahme durch den italienischen Staat. Zugleich thematisiert er die Flüchtlingsproblematik auf hoher See. 2007 gründete Bierdel die Organisation Borderline-Europe - Menschenrechte ohne Grenzen e.V., welche die zahlreichen Flüchtlingsdramen an den EU-Außengrenzen dokumentieren soll. Am 8. November 2007 erhielt Bierdel den Georg-Elser-Preis der Georg-Elser-Initiative Berlin für sein Engagement für Flüchtlingsrechte im Rahmen der von ihm mitbegründeten Organisation Borderline-Europe. Am 15. Januar 2010 wurde ihm in Wien der Ute-Bock-Preis für Zivilcourage verliehen. Seit März 2010 arbeitet Elias Bierdel am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung, ÖSFK, wo er u.a. für die Ausbildung ziviler FriedenshelferInnen für UN-Einsätze verantwortlich ist.

Massensterben an den EU-Außengrenzen An den Außengrenzen der Europäischen Union finden immer mehr Menschen auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben den Tod. Sie fliehen vor der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch Kriege, Umweltkatastrophen, ungerechte Wirtschafts- und Handelsbedingungen und sie fliehen vor den gewalttätigen und diskriminierenden gesellschaftlichen Verhältnissen in ihren Herkunftsländern. Die EU-Kommission setzt ebenso wie die meisten nationalen Regierungen ungeachtet tausender Opfer weiterhin vor allem auf die nach militärischen Prinzipien organisierte Abschottung gegen Flüchtlinge und MigrantInnen: Unter Führung der EU-Agentur „Frontex" ist eine ganze Armee aus Militär, Polizei und Grenzschutz mit modernstem Kriegsgerät damit beschäftigt, Menschen am Grenzübertritt zu hindern. Besonders dramatisch ist die Lage im Süden der EU, wo Mittelmeer und Atlantik die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Afrika bilden. Tausende Flüchtlinge und MigrantInnen versuchen in kleinen, seeuntüchtigen Booten die gefährliche Überfahrt - wie viele von ihnen auf dem Meer ertrinken, verdursten oder Opfer von Gewalttaten werden, kann nur geschätzt werden. Allein die spanischen Behörden gehen davon aus, dass im Jahr 2006 allein vor den Kanaren rund 6000 Menschen gestorben sind. Flüchtlingsorganisationen befürchten, dass jedeR Zweite auf den Routen von Afrika über das offene Meer nach Europa ums Leben kommt. An den östlichen Grenzen der EU hat die betriebene Abschottung nicht die dramatischen Konsequenzen wie im Mittelmeer und vor den Kanarischen Inseln. Aber auch hier finden vielfältige Menschenrechtsverletzungen statt, sei es durch lang andauernde Inhaftierungen von Flüchtlingen, durch den Ausbau menschenunwürdiger Flüchtlingslager und durch die Rückschiebungen von Flüchtlingen. Menschen, die Flüchtlingen und MigrantInnen in ihrer Not helfen und Leben retten, werden in zunehmendem Maße kriminalisiert, indem sie vor Gerichten wegen Fluchthilfe für ihr humanitäres Verhalten angeklagt werden. Das wahre Ausmaß dieser Tragödie wird von offizieller Seite verschwiegen, die BürgerInnen Europas sollen nicht erfahren, was sich an den Außengrenzen der EU tatsächlich abspielt. Borderline-Europe will dieses Schweigen brechen und den Vertuschungsversuchen der Behörden mit präzisen Recherchen in den Grenzregionen entgegenarbeiten. Sie wollen Öffentlichkeit herstellen, um auf Basis zuverlässiger Informationen den tödlichen Konsequenzen der Abschottungspolitik entgegen zu wirken. Sie vertreten den Standpunkt, dass sich menschenwürdige Lösungen nur dann finden lassen, wenn wir auch den Mut haben, uns der Realität zu stellen.

Die Ziele von Borderline-Europe

Literatur: Bierdel, Elias: Das Ende einer Rettungsfahrt - Das Flüchtlingsdrama der Cap Anamur. Weilerswist 2006. ca. 19,80 Euro, ISBN-13: 978-3935221658. Kontakt: www.borderline-europe.de