Traditionsbedingte Gewalt gegen Frauen - Die weibliche Genitalverstümmelung

18.September 2010, Borna

Am 18. September des vergangenen Jahres haben wir Diana Kuring zu uns eingeladen, die mittlerweile im Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V. (siehe www.fr-sa.de) tätig ist. Die junge Frau ist seit Jahren Mitglied in der Menschenrechtsorganisation Terre Des Femmes e.V. (siehe www.frauenrechte.de) und arbeitet seit 2000 als Sozialarbeiterin und Wissenschaftlerin zur Thematik der Genitalverstümmelung sowohl in Deutschland als auch im ostafrikanischen Eritrea. Die Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung bedeutet die zwangsweise durchgeführte Entfernung der äußeren Genitalien, von der weltweit 100 bis 150 Millionen Mädchen und Frauen betroffen sind. Die Genitalverstümmelung - zu englisch Female Genital Mutilation, kurz FGM - wird terminologisch auch als „Beschneidung" bezeichnet; allerdings wird dieser Terminus von den Betroffenen als verharmlosend angesehen, zumal er fälschlicherweise Analogien zur männlichen Beschneidung hervorrufen kann. Auch wenn die Genitalverstümmelung oftmals mit Ländern auf dem afrikanischen Kontinent in Verbindung gebracht wird, so lässt sie sich jedoch auch in vielen anderen Gegenden der Welt - so z.B. in Peru oder im Irak - nachweisen und hat darüber hinaus bereits seit langer Zeit auch den Weg in westliche Industrieländer gefunden. So resümiert Waris Dirie, die Autorin des Romans „Wüstenblume", dass in Europa 500000 Migrantinnen leben, die bereits die Genitalverstümmelung erlebten oder davon gefährdet sind. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Terres Des Femmes e.V. leben in Deutschland etwa 23000 Mädchen und Frauen aus den betroffenen Herkunftsländern - problematisch an dieser Zahl ist jedoch, dass in ihr nicht die „illegalen" Zuwanderinnen aufgenommen worden sind.

Die Ursprünge

Über die Anfänge und Erklärungen der Praktik gibt es vielfältige und teils widersprüchliche Ansätze - Fakt ist jedoch, dass sich weder in der Bibel noch im Koran eindeutige Stellen finden lassen, die eine derartige Beschneidung der Frau anweisen. Als allgemein anerkannt kann die Aussage der Gesellschaft für die Rechte afrikanischer Frauen (kurz G.R.A.F.) angesehen werden, die erklärt: „Wann auch immer die Beschneidung ihre Wurzeln in afrikanischen Ländern geschlagen hat, traf sie dort auf einen fruchtbaren Boden, nämlich das Patriarchat und die Tabuisierung der Sexualität und alles, was mit ihr verbunden ist." Die Durchführung der Genitalverstümmelung hat sich in den betreffenden Ethnien als unkritisierbare Norm durchgesetzt, die seit Generationen praktiziert wird. In der innerkulturellen Erklärung ist die Genitalverstümmelung identitätsstiftender und integraler Bestandteil des Frauseins. Die soziale Akzeptanz ist der wichtigste Grund für die Durchführung der Genitalverstümmelung. So werden beispielsweise nicht beschnittene Mädchen öffentlich von ihren AltersgenossInnen beschimpft und Familien, die sich gegen die Beschneidung stellen von der Gemeisnchaft ausgestoßen. Außerdem werden unbeschnittene Mädchen nicht geheiratet und bringen somit nicht nur Schande über die Familie, sondern auch der ersehnte Brautpreis bleibt aus. Dabei ist zu bedenken, dass die Gemeinschaft die zentrale Sozialisations- und Normeninstanz in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft ist, ohne die das Individuum nur schwer überleben kann. Die angeführten Erklärungsmuster geben nur Teilaspekte des vielschichtigen Phänomens der weiblichen Genitalverstümmelung wieder und erklären nur in Ansätzen, warum auch Frauen diese Praktik befürworten und zum Teil ausführen. Die innerkulturellen Begründungen der betreffenden Ethnien lassen sich unter die Aspekte der Tradition, der Ökonomie, der Ästhetik, Initiation, Religion, Sexualität sowie der Gesundheit und Reproduktion zusammenfassen. Den Kern dieser inneren Begründungsansätze sehen MenschenrechtlerInnen in der Diskriminierung von Frauen. Folglich soll mit der Beschneidung die weibliche Sexualität gezügelt und kontrolliert werden, da nur ein beschnittenes Mädchen eine angesehene Ehefrau werden kann. Damit einhergehend ist auch der beschränkte Zugang zu Bildung, (politischer) Partizipation und materiellen Ressourcen zu sehen.

Die Formen

Unter der Praktik der Genitalverstümmelung einiger Ethnien, besonders afrika-nischer, versteht man die zwangsweise Entfernung der Klitoris und/oder der kleinen und großen Schamlippen (Labien) von Mädchen und Frauen. Die formale Ein-ordnung der Genitalver-stümmelung durch die Welt-gesundheitsorganisation in Klitoriedektomie, Exzision, Infibulation und unklassi-fizierbare Formen sind seit 1995 international anerkannt. Die Klitoriedekomie umfasst die teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris, während bei der Exzision die Klitoris und die kleinen Schamlippen entfernt werden. In manchen Gemeinschaften sind hierbei jedoch auch die großen Schamlippen von der Entfernung betroffen. Die Infibulation umfasst schließ-lich die Amputation der Klitoris sowie der kleinen und großen Schamlippen. An-schließend wird das verbleibende Gewebe bis auf eine kleine Öffnung vernäht und im Zusammenhang mit Heirat, Geschlechtsverkehr oder Geburt anschließend wieder „geöffnet". Dieser Vorgang wird als Defibulation bezeichnet. Nach der Geburt werden die Frauen in den meisten Fällen auf Stecknadelkopfgröße reinfibuliert, indem die Narbenränder abgeschält und erneut zugenäht werden. Teilweise durchlaufen Witwen oder geschiedene Frauen das soeben beschrieben Vernähen erneut, weil sie somit wieder als „Jungfrau" gelten, was ihre Heiratschancen erhöht. Die Genitalverstümmelung wird übrigens oftmals von älteren Frauen und ohne jegliches anatomisches Wissen durchgeführt.

Die Folgen

Zu den körperlichen Konsequenzen der weiblichen Genitalverstümmelung gehören akute wie auch Langzeitfolgen. Die akuten Gesundheitskomplikationen umfassen Schmerzen, Schock, Blutungen, das Risiko der Übertragung von HIV und Hepatitis B, Infektionen, Tetanus und den Tod. Als eine der schwerwiegenden Langzeitfolgen können sich bei infibulierten Frauen Zysten und Fisteln zwischen Harnblase und Vagina bilden, die zur Inkontinenz führen. Daraus resultiert eine Isolation der betroffenen Frauen innerhalb der Gemeinschaft, die sich fortan in ein Leben im Haus zurückziehen. Die Frauen selbst bringen ihre Schmerzen nicht immer in Zusammenhang mit der Genitalverstümmelung, zumal über das Tabu Genitalverstümmelung aufgrund des Tabus der Sexualität ohnehin nicht gesprochen wird. Des Weiteren steigt das Risiko für genitalverstümmelte Mütter und deren Neugeborene auf 50 Prozent, bei der Geburt zu sterben. Zudem können massive psychische Beeinträchtigungen wie eine posttraumatische Belastungsstörung eintreten. Die Symptome sind dabei u.a. Depressionen, Ess- und Kommunikationsstörungen und Psychosen.

Genitalverstümmelung in Afrika

In Afrika findet die Genitalverstümmelung in verschiedenen Ethnien von 28 Ländern statt - darunter Ägypten, Äthiopien, Ghana, Kenia, Kongo, Nigeria, Somalia oder Uganda. Die Verbreitungszahlen variieren hierbei jedoch in den einzelnen Ländern zwischen fünf und 98 Prozent. In Eritrea, wo Diana Kuring aktiv war, sind laut Statistiken aus dem Jahre 2003 etwa 89 Prozent der hier lebenden Frauen betroffen. Innerhalb des Landes lassen sich jedoch starke ethnische und regionale Verbreitungsunterschiede feststellen - während die Betroffenenrate in der Hauptstadt bei weniger als 50 Prozent liegt, so sind im Tiefland universell so gut wie alle Frauen von der Genitalverstümmelung betroffen. Nachdem 2006 von einer Frauenbewegung in Eritrea ein Dokumentarfilm über die Genitalverstümmelung gedreht und anschließend dem Präsidenten vorgeführt worden ist, wurde ein Gesetz verabschiedet, dass die Praktik der Beschneidung unter hohe Haftstrafen stellt. Auch wenn bereits erste Verurteilungen auf der Grundlage dieses Gesetzes erfolgt sind, zählt die Genitalverstümmelung immer noch in vielen - vor allem ländlichen - Gegenden zur gelebten Religionspraxis. Gewohnheitsrecht, Religionsrecht und nationales Recht - unter letzteres fällt das erlassene Gesetz - befinden sich also im Konflikt, so dass es für Institutionen des Justizwesens einer Großstadt sehr schwierig ist, den Tatbestand der Genitalverstümmelung - z.B. aufgrund des Schweigens innerhalb der betroffenen Dorfgemeinschaft, die vielleicht hunderte von Kilometern von der Stadt entfernt liegt - nachzuweisen. Zudem sehen einerseits viele Frauen, Mütter und Großmütter in der Beschneidung einen wichtigen Faktor, um an althergebrachten Traditionen festzuhalten und andererseits bildet die Praktik der Beschneidung die Einkommensgrundlage für traditionelle Hebammen.

Genitalverstümmelung in Deutschland

Im Zuge der Migration - so z.B. nach Deutschland - kann es zu einem nachhaltigen Festhalten an der eigenen Kultur kommen, die oftmals als identitätsstiftend wahrgenommen wird. Dieses Verhalten lässt sich teilweise auch im Falle der Genitalverstümmelung feststellen. Auch wenn die soziale Akzeptanz der Frauen innerhalb der Migrationsgemeinschaft keine existenzielle Voraussetzung mehr darstellt, wie es z.B. in den Herkunftsländern in Verbindung mit dem Zugang zu Lebensmittel der Fall ist, so wirkt der soziale Druck jedoch auch hierzulande weiter. Da die Zugewanderten sich meist wenig anerkannt und integriert fühlen, verbleiben sie oftmals in ihrer Gemeinschaft ohne nennenswerten Kontakt zu der sie umgebenden Gesellschaft aufbauen zu können. Die Ursachen für die mangelhafte Integration sind vielseitig. So wird gerade die angestrebte soziale Anerkennung vielen MigrantInnen in Deutschland verwehrt, da ihr Alltag häufig von Ablehnung und Chancenlosigkeit geprägt ist: unsichere Aufenthaltsgenehmigungen, keine Arbeitserlaubnis, unzureichende Chancen des Spracherwerbs aufgrund von jahrelangen Asylverfahren und daraus resultierende, schlechte Arbeitsperspektiven prägen ihren Alltag. Des Weiteren lässt sich ein Zwiespalt im Verständnis der Migrantinnen feststellen: Die durch die Genitalverstümmelung hervorgerufene soziale Anerkennung im afrikanischen Herkunftsland wird in der BRD durch Ausgrenzung und Stigmatisierung als verstümmelte Frau in ihr Gegenteil verkehrt, sozusagen entwertet. Außerhalb ihres sozialen und kulturellen Kontextes werden sie innerhalb der deutschen Gesellschaft als Opfer von Menschenrechtsverletzungen wahrgenommen, was wiederum die Möglichkeiten einer Traumatisierung der betroffenen Mädchen und Frauen erhöht. Eine in Deutschland bei einer traditionellen Beschneiderin vorgenommen Beschneidung kostet im Übrigen etwa 700, bei einem Arzt ca. 2000 Euro. Oftmals werden jedoch junge Mädchen während der Schulferien von den Eltern kurzerhand für einige Tage in ihre Herkunftsländer geschickt, um sie dort beschneiden zu lassen.

Kontakt www.dianakuring.de

Weiterführende Literatur

Terres Des Femmes: Schnitt in die Seele, Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung, Frankfurt am Main 2006.

Terres Des Femmes: Studien zur weiblichen Genitalverstümmelung, Tübingen 2006.