Nachdem die Gedenkstättenfahrt 2025 pausiert hatte, wurde in diesem Jahr die nunmehr fünfzehnte Bildungsreise nach Ostmitteleuropa durch Bon Courage e.V. organisiert, um sich mit den dort stattgefundenen nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen. Im Zeitraum vom 2. bis 6. April führte die Fahrt insgesamt 18 Teilnehmer*innen nach Wrocław (früher Breslau), Groß-Rosen und Görlitz. An diesen Orten beschäftigten sich die Teilnehmenden inhaltlich mit den ehemaligen jüdischen Gemeinden in Wrocław und Görlitz, der in Folge des Zweiten Weltkriegs erfolgten Zwangsmigration eines großen Teils der einstigen Bewohner*innen Breslaus sowie mit dem nationalsozialistischen Lagersystem, wobei der Fokus auf dem ehemaligen Konzentrationslager Groß-Rosen sowie dem Kriegsgefangenenlager VIIIA lagen.
Um sich mit der Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinden in Wrocław und Görlitz auseinanderzusetzen, fanden zwei Stadtführungen durch die beiden Orte statt, in deren Verlauf die Gruppe u.a. den Alten jüdischen Friedhof sowie das ehemalige jüdische Viertel in Wrocław sowie den jüdischen Friedhof und die neue Synagoge in Görlitz besichtigte. So erfuhren die Teilnehmer*innen, dass in Wrocław – damals noch Breslau – vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die drittgrößte jüdische Gemeinde auf deutschem Gebiet lebte, die durch die ab November 1941 einsetzenden Deportationen und die in den meisten Fällen damit verbundene Ermordung 1943 schließlich aufgehört hat zu existieren.
Einen Überblick über das komplexe Lagersystem des Nationalsozialismus bot ein von den Organisator*innen der Fahrt erarbeiteter Vortrag, dessen somit vermitteltes Grundlagenwissen anhand der beiden Beispiele des ehemaligen Konzentrationslagers Groß-Rosen und des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers VIIIA vertieft werden konnte. Während die Beschäftigung mit dem jeweiligen Ort im Falle von Groß-Rosen im Zuge einer Führung erfolgte, erschlossen sich die Teilnehmer*innen das einstige Kriegsgefangenlagers mit Hilfe von Audioguides selbst. Das Konzentrationslager in Groß-Rosen ist im August 1940 errichtet worden, um den dortigen Steinbruch durch zermürbende Zwangsarbeit Granit abzubauen. Von den insgesamt 120.000 inhaftierten Menschen starben aufgrund der katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen etwa 40.000 Gefangene. Im Stammlager – kurz Stalag – VIIIA waren von September 1939 bis Mai 1945 insgesamt ebenfalls etwa 120.000 Personen inhaftiert, wobei es sich sowohl um Soldaten aus Ost- als auch aus Westeuropa gehandelt hat. Die Behandlung der inhaftierten Soldaten unterschied sich eklatant, so dass allein von den sowjetischen Kriegsgefangenen etwa 10.000 Soldaten die Lagerhaft infolge der menschenunwürdigen Behandlung nicht überlebten.
Um nicht nur die Gelegenheit zu bieten, noch einmal inhaltliche Nachfragen zu stellen, sondern auch eine erste Möglichkeit zu schaffen, die vermittelten Informationen, die gewonnenen Eindrücke sowie die damit verbundenen Gedanken und Gefühle zu verarbeiten, fanden allabendlich Reflexionsrunden in Kleingruppen statt, in denen sich die Teilnehmer*innen über die während des Tages gesammelten Eindrücke austauschen konnten.
Finanziell gefördert wurde die diesjährige Gedenkstättenfahrt durch das Internationale Bildungs- und Begegnungsnetzwerk IBB. Mit Hilfe dieser Förderung war es möglich, dass auch Personen, die nur über geringe finanzielle Mittel verfügen, an der Gedenkstättenfahrt teilnehmen konnten, da Bon Courage e.V. die Haltung vertritt, dass allen Menschen eine Teilhabe an Bildung – unabhängig ihrer finanziellen Möglichkeiten – gewährleistet werden sollte.
Darüber hinaus sieht es Bon Courage e.V. als essentiell an, in Zeiten zunehmender Geschichtsrelativierung, -verharmlosung und -verfälschung die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen sowie das Gedenken an die Opfer dieser Verbrechen und die Verbindung zur Gegenwart wachzuhalten. Demzufolge wird der Verein in diesem Zusammenhang auch im kommenden Jahr eine Gedenkstättenfahrt organisieren.
