Gedenkstättenfahrt nach Ostpolen 2013

Vom 31. März bis 7. April 2013 organisierte der Verein Bon Courage e.V. eine Gedenkstättenfahrt nach Ostpolen. Die insgesamt 20 Teilnehmenden besuchten zunächst Warschau, wo u.a. eine Besichtigung des ehemaligen Ghettos und ein Zeitzeugengespräch stattfand. Den zweiten Stopp legte die Gruppe aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Lublin ein, um das ehemalige Vernichtungslager Majdanek zu besuchen. Danach folgte ein Besuch der Gedenkstätte in Belzec. Die letzte Station der Gedenkstättenfahrt war in Zamosc, wo die Gruppe auf die "Kinder von Zamosc" traf.

Während der Nachbereitungstreffen erarbeiteten die Teilnehmenden eine Broschüre, in der sie ihre Erfahrungen, Gedanken und Erinnerungen an die Gedenkstättenfahrt teilen. Die Broschüre steht hier als Download zur Verfügung: [Link folgt noch]

Auszüge aus einem Erfahrungsbericht

Auf den Spuren des Holocausts... Teil II - 03. April Lublin

Nach dem Frühstück fuhren wir mit einem Linienbus zur KZ-Gedenkstätte Majdanek, in deren Eingangsbereich wir von zwei jungen Frauen aus Deutschland begrüßt wurden. Während die eine der beiden hier im Rahmen des Freiwilligendienstes tätig war, absolvierte die andere in der Gedenkstätte ein Praktikum. Da wir leider etwas verspätet eintrafen, wurden wir ohne lange Vorrede sogleich mit einem kurzen Dokumentarfilm konfrontiert, der uns in den Themenkomplex des Konzentrationslagers Majdanek einführen sollte. Von seiner Machart her empfand ich den Film als wenig gelungen. So wirkte der Überblick über die Machtübernahme der NationalsozialistInnen im Jahre 1933 bis zur Errichtung des Lagers im Oktober 1941 derartig schnellschrittig, dass ohne das Vorhandensein konkreter Vorkenntnisse nicht Informationsvermittlung, sondern eher Verwirrung das Resultat dieser einleitenden Minuten war. Hinzu kam noch die Tatsache, dass einige Bilder und der dazu gesprochene Informationstext nicht miteinander übereinstimmten. Vor dem Hintergrund, dass der Film u.a. von HistorikerInnen erstellt und laut eigener Aussage schon einmal überarbeitet worden ist, entpuppte sich das Endresultat der Dokumentation als mangelhaft.

> Leider bewegte sich auch die sich anschließende, etwa zweieinhalbstündige Führung über das ehemalige Lagergelände auf dem soeben beschriebenen Qualitätsniveau. Die Vortragsweise der bereits erwähnten Freiwilligen, die uns über das Gelände führte, war für meinen Geschmack an etlichen Punkten einfach nicht tragbar. Die Idee, Zitate von KZ-Häftlingen in die Führung einzuflechten, um uns die Grausamkeiten des Lageralltags noch deutlicher vor Augen zu führen, ist gewiss großartig. Diese Idee fruchtet jedoch nur dann, wenn die Zitate entsprechend ihrer inhaltlichen Aussage vorgelesen werden und die Zuhörenden zumindest kurz Zeit bekommen, das soeben Gehörte zu verarbeiten. Leider verspielte die Freiwillige diese Chance empathischen Lernens, indem sie die Zitate emotionslos herunterspulte und ohne jegliche Verschnaufpause sogleich zum jeweils nächsten Punkt der Führung überging. Vielleicht war die junge Frau jedoch auch nur so in Eile, weil wir wie gesagt etwas zu spät gekommen waren und noch ein pünktlich zu beginnendes Zeitzeugengespräch auf uns wartete.

> Emotional gesehen haben mich während unseres Besuchs in erster Linie das weithin sichtbare Denkmal des Kampfes und des Martyriums auf dem 90 Hektar großen Gelände des KZ Majdanek, das das „Tor zur Hölle“ aus Dantes „Göttlicher Komödie“ symbolisieren soll, sowie das Mausoleum im hinteren Teil des Lagers berührt. Das Mausoleum, das in großen Lettern die Inschrift „Unser Schicksal – eine Mahnung für euch“ trägt, ist ein mit einer riesigen Betonkuppel überdachter Erdhügel, der zu einem großen Teil aus Menschenasche hier verbrannter Leichen angehäuft wurde. Mahnmal wie auch Mausoleum wurden im Jahr 1969 errichtet und gehen auf Entwürfe von Wiktor Tolkin zurück. Es sind Anblicke wie diese, die das unvorstellbare Ausmaß nationalsozialistischen Vernichtungswahns für einen kurzen Moment greifbar werden lassen. Der an diesem Tag äußerst stark wütende Schneesturm, dessen Kälte sich durch die Kleidung bis tief in die Knochen fraß, warf zudem immer wieder die Frage in mir auf, wie die hier Inhaftierten unter den Lebensbedingungen eines Konzentrationslagers – Zwangsarbeit, Gewalt, Hunger, Krankheiten – überhaupt auch nur einen einzigen Tag überleben konnten...

Das Konzentrationslager Majdanek

Am 17. Juli 1941 beauftragte Hitler Heinrich Himmler (Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei) mit der polizeilichen Sicherung der neu besetzten Ostgebiete in der Sowjetunion. Damit nahm er im Zusammenhang mit dem neuen Feldzug gegen die Sowjetunion eine Aufgabenteilung mit der Wehrmacht vor. Himmler seinerseits ernannte noch am selben Tag Brigadeführer Odilo Globocnik, den SS- und Polizeiführer Lublins, zu seinem Beauftragten für die Errichtung der SS- und Polizei-Stützpunkte im neuen Ostraum. Ausgangspunkt und Zentrum dieser SS- und Polizeikasernenviertel sollte die deutsch zu besiedelnde Stadt Lublin werden. Die gewaltigen Baupläne für ein „deutsches“ Lublin sollten von ZwangsarbeiterInnen und Häftlingen verwirklicht werden.

Am 20. Juli 1941 besuchte Himmler Lublin und befahl Globocnik die Errichtung eines Kriegsgefangenen-lagers für 25.000 bis 50.000 Häftlingen, die die Baupläne von SS und Polizei umsetzen sollten. Dabei gab er dem, was er unter Globocniks Regie vonstatten gehen sah, den Namen „Programm Heinrich“.