Gedenkstättenfahrt nach Madjadenk, Belzec, Lublin, Izbica, Lublin und Zamosc

Bereits zum elften Mal in Folge war es dem Verein Bon Courage e.V. nunmehr möglich, im Zeitraum vom 18. bis 23. April 2019 eine Gedenkstättenfahrt für insgesamt 22 Jugendliche und junge Erwachsene nach Polen zu organisieren, um sich auf die Spuren nationalsozialistischer Verbrechen zu begeben. Im Zentrum der diesjährigen Bildungsreise stand die so genannte „Aktion Reinhardt“, in deren Verlauf die Nationalsozialist_innen ca. 1,8 bis 2 Millionnen Jüdinnen und Juden sowie rund 50.000 Sinti und Roma im so genannten Generalgouvernement, d.h. dem militärisch besetzten, aber nicht direkt an das Deutsche Reich angegliederten Teil Polens, ermordet haben. Durchgeführt wurde dieser systematische Massenmord in erster Linie in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka sowie in dem Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, das unmittelbar an die Stadt Lublin angrenzte. Demzufolge erhielten die Teilnehmer_innen der diesjährigen Gedenkstättenfahrt die Möglichkeit, das Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek in Form einer Führung sowie im Rahmen eines Zeitraums zur individuellen Besichtigung zu erschließen. Eine Stadtführung durch Lublin ging in diesem Zusammenhang darüber hinaus auf das sich dort ehemals befindliche Ghetto sowie den Sitz der „Aktion Reinhard“ ein. Im Anschluss an einen Inputvortrag zur „Aktion Reinhardt“ allgemein sowie einem Referat zum ehemaligen Vernichtungslager Belzec im Besonderen besichtigten die Teilnehmer_innen die konzeptionell sehr wirkungsmächtige Gedenkstätte eben jenes Ortes des einstigen Massenmordes.

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Besuch der Gedenkstätte Belzec.

Um das sich aus Ghettoisierung, Deportation und Ermordung zusammensetzende System nationalsozialistischer Vernichtungspolitik auch über das Netz von Konzentrations- und Vernichtungslagern hinaus zu erfassen, führten die Organisator_innen der Gedenkstättenfahrt mit den Teilnehmenden einen Stadtrundgang durch die kleine Ortschaft Izbica durch. Izbica spielte im Zuge der „Aktion Reinhard“ insofern eine tragende Rolle, als dass hier eines der größten Durchgangsghettos im Generalgouvernement errichtet worden ist, in das Jüdinnen und Juden aus Polen, aber auch aus vielen anderen Ländern deportiert, zusammengepfercht und anschließend zur Ermordung in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor geschickt worden sind. Über die Auseinandersetzung mit der „Aktion Reinhard“ hinaus haben sich die Teilnehmer_innen der diesjährigen Gedenkstättenfahrt zudem mit dem so genannten „Generalplan Ost“ beschäftigt, der u.a. die „Germanisierung“, d.h. Eindeutschung, weiter Teile Osteuropas vorgesehen hat. In diesem Zusammenhang haben die Teilnehmer_innen im Anschluss an ein thematisch darauf bezogenes Referat die Stadt Zamosc besucht, aus der der Großteil der polnischen Bevölkerung vertrieben werden sollte, um Raum für so genannte „volksdeutsche“ Siedler_innen zu schaffen. Die Umsetzung dieses Plans gelang den Nationalsozialist_innen letztendlich jedoch nur teilweise.
Neben der Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen an den jeweiligen historischen Orten ist es den Organisator_innen zudem ein wichtiges Anliegen, zusammen mit den Teilnehmer_innen Über- bzw. Einblicke in den Stand der aktuellen Forschung thematisch passender Wissenschaftszweige zu erarbeiten. Vor diesem Hintergrund wurden auch im Rahmen der diesjährigen Gedenkstättenfahrt zwei Workshops angeboten, wobei sich der erste Workshop mit unterschiedlichen Perspektiven NS-bezogener Täter_innenforschung auseinandergesetzt hat, während der zweite Workshop den Teilnehmer_innen Einblicke in die sich im Wandel befindliche Erinnerungskultur Polens ermöglichte. Um sich über die emotional oftmals sehr bewegenden Eindrücke und Erfahrungen austauschen zu können, haben die Organisator_innen den Teilnehmer_innen der Fahrt Abend für Abend die Möglichkeit angeboten, gemeinsam in Kleingruppen über die Erlebnisse des Tages zu sprechen – ein Angebot, auf das die Mitreisenden gern eingegangen sind. Gerade jene thematisch breit gefächerten, ebenso persönlichen wie tiefgründigen Gespräche waren es, die dem Bon Courage-Team erneut gezeigt haben, wie wichtig es ist, sich der Verantwortung hinsichtlich der Aufarbeitung der Verbrechen der nationalsozialistischen Vergangenheit bewusst zu sein und in Form eben jener Gedenkstättenfahrten einen Beitrag zu leisten, die Erinnerung daran nicht verblassen zu lassen. Aus diesem Beweggrund heraus war sich das Bon Courage-Team schnell einig, dass der Verein auch im kommenden Jahr wieder eine Gedenkstättenfahrt organisieren wird.